Die Hand (Kurzgeschichte)

Die Hand

4.52
Er nahm die Hand in seine Hand. Sie fühlte sich kalt an und weich, wie ein Ballon, aus dem die meiste Luft gewichen ist. Er betrachtete die Finger und die Nägel und fand nichts, was auf Spuren eines Kampfes hindeutete.
Es war eine kleine Hand. Sehr gut möglich, dass sie gar nicht die Kraft besaß, sich einem Kampf zu stellen. Das Handgelenk besaß noch keine Kontur, wie ein Puppenhandgelenk. Vermutlich waren die Handwurzeln, noch weit von ihrer Verknöcherung entfernt.
Der Handrücken zeigte keinen Ansatz der Fingergrundgelenke. Er nahm an, dass, wäre die Hand nicht so geschwollen, sich die typischen Grübchen einer Kinderhand zeigen würden. Aber er war kein Anatom, um dessen sicher zu sein.
Eine Röntgenaufnahme zur Altersbestimmung war unumgänglich, auch um alles andere zu erklären.
Es sah in jedem Fall nach einem Ritual aus. Er würde neben einem fähigen Anatomen, auch einen Ethnologen und Anthropologen benötigen.
Er drehte die Hand und sah sich die Handlinien an, als würde er sich im Handlesen versuchen und überprüfen, ob eine kurze Lebenslinie wirklich fatale Folgen für die Lebensdauer hatte. Es war, im Verhältnis. eine lange Linie. Also war, vom Schicksal, ein langes Leben vorgesehen, welches irgendjemand vorzeitig beendet hatte.
War das noch jemand oder war das schon etwas? Er fragte sich das immer wieder. Immer, wenn er mit solchen Taten konfrontiert war, fragte er sich, welche verborgene Hölle war in Menschen, die sie zu solchem fähig machte. Es musste eine schreckliche Hölle sein, in der solche Taten, in einem qualvollen Prozess erdacht, geplant und durchgeführt wurden.
Er nahm die Hand aus seiner und legte sie zurück.
Er hielt die Luft an. Er wartete. Keine 30 Sekunden und er verspürte das Bedürfnis weiter zu atmen. Nach weiteren 30 stieß er die angehaltene Luft, mit einem Stoß aus und sog frische ein. Es war also kein Klartraum. Reality Check? Positiv. Diese Hand in seiner war echt und es wäre vermutlich alles etwas leichter zu bestimmen gewesen, wenn sie auch den Rest des Körpers gefunden hätten.

5.19
„Na? Was entdeckt?“
Er drehte den Kopf und sah über sich Ryan, der ihn mit seinen grasgrünen Augen aufmerksam beobachtete.
Dass die Augen des Ermittlers grün waren, konnte er nicht sehen, dafür war es zu dunkel. Er wusste, dass sie grün waren, weil er noch nie zuvor einen Menschen, mit solchen Augen, gesehen hatte. Man vergaß diese Augen nicht wieder.
Jetzt war Ryans Gesicht, im Licht der Scheinwerfer, die den Tatort erhellten, nur in Umrissen zu sehen.
Hinter seinem Kopf zogen dichte Wolken, vor einem hellstrahlenden Vollmond vorüber.
Ein Dezembervollmond. Es war sehr kalt und es war viel zu früh, für den Dienstbeginn.
„Nein, ich habe nichts entdeckt, was für den Moment etwas beantwortet. Eine Kinderhand, würde ich sagen und einen Ritualmord vermuten.“
„Könnte es auch ein Tier gewesen sein?“
„Ein Tier war es, in irgendeinem Sinn.“
„Ich meinte“.
„Ich weiß schon was sie meinen.“
Er stand auf, um nicht länger den Kopf, in dieser unangenehmen Drehung zu halten. Er fühlte sich wohler, mit Ryans auf Augenhöhe sein.
Der schüttelte den Kopf.
„Ich meinte nicht“, erklärte der beharrlich, „dass Tiere zu so etwas in der Lage sind. Ich meinte eher, dass der Leichnam verschleppt wurde. Oder ist das nicht möglich, Tate?“
„Sehen Sie Schleifspuren?“
Ryans Blick glitt suchend über den Boden. Die Halme der Wiese zeigten nur die Fußabdrücke der Ermittler vor Ort.
„Nicht wirklich. Glauben Sie, wir kriegen ihn?“
„Ihn oder sie.“
„Oder so. Wenn es ein Ritual war … Hauptsache wir stoppen sie.“
„Und, wenn schon? Hört es dann auf?“
„Mann Tate! Sie sind heute aber drauf.“
„Ist wahrscheinlich der Vollmond.“
Er sah an Ryan vorbei hinauf zum Mond. Der blickte herab, kühl, fragend, ein Rätsel aus reflektiertem Licht.
„Ist er nicht unwirklich?“
„Was meinen Sie, Tate?“
„Der Mond, wenn ich ihn ansehe, denke ich immer, ich müsste nur klüger sein, um zu verstehen was er bedeutet.“
Jetzt blickten Sie beide zum Mond.
„Ja, Sie haben recht, wenn ich ihn länger betrachte, wird mir auch immer unheimlich zu Mute.“
„Als würde er einen verwandeln.“
„In einen Werwolf?“
Tate lachte knapp.
„Nein, in ein Geschöpf, dass begreift, das es in dieser gottverfluchten Einsamkeit völlig verloren ist.“

6.04
„Okay Google, spiele „Riders on the storm“.“
Die Sprachassistentin reagierte etwas verzögerte und suchte dann in der App nach dem passenden Titel. Sie wurde fündig und das vertraute plätschern des Regens füllte die Lautsprecher, nach wenigen Sekunden, untermalt vom stimmungsvollen Orgelspiel Manzareks.
Tate erhöhte die Lautstärke und Jim Morrison stimmte, ein mit einem warm-melodischen „Riders on the storm“.
Tate ließ den Blick weit werden, die Landstraße vor ihm war frei. Er überließ sich der Morgenstimmung. Im Osten ging, über mit Reif bedeckten Wiesen, die Sonne auf und gab der Welt die Farben zurück.
In der Medizin sprach man von Luzidität, wenn man die Klarheit des Bewusstseins beschreiben wollte. Luzide war klar zu Ort und Zeit zu sein. Selbst Verwirrte konnten luzide Passagen erleben, in denen sie wieder wussten, wo sie sich befanden und in welchem Jahr und Monat sie waren.
Tates Tage waren durchzogen von luziden Passagen, nicht in dem Sinn, dass er nicht orientiert war, zu Ort und Zeit, sondern, dass er nicht wusste, was wirklich war.
Der Moment, am Tatort, als die Wolken vor dem Mond vorbeizogen, war eine reale Erinnerung, aber es fühlte sich an, wie ein Traum. Als wäre er in diesem Moment noch nicht wach gewesen, sondern, als hätte er in seinem Bett gelegen und das nur geträumt. Es war, wie eine Vision, wie eine Botschaft des Lebens, als wäre die ganze Natur voller Metaphern, die er entschlüsseln musste. Warum? Um wach zu werden?
„Into this world we’re thrown. Like a dog without a bone.“
Man konnte sich davor verschließen. Man konnte sich ganz auf die profanen Seiten des Lebens einlassen, der Gewohnheit ergeben folgen, nicht fragen, nicht fühlen, nicht zweifeln. Dann war es vielleicht leichter. Aber nur vielleicht, weil das, hieß auf das Mysterium zu verzichten. Weil das hieß, der Ahnung keine Bedeutung zu schenken, die, wenn sie sich erfüllte, erst ein Gefühl für geheime Zusammenhänge ermöglichte.
Manchmal in den letzten Tagen, er hatte gar nicht an Susan gedacht, aber sie war ihm präsent gewesen. Er hatte sie spüren können, ihren Duft gerochen, obwohl ihr Parfum unmöglich im Raum sein konnte. Was war das? Eine tiefe Verbindung? Seelenverwandtschaft? Blödsinn? Wahrscheinlich war es besser, diese Dinge wegzuschieben. Vermutlich war es gesünder und es machte das Leben viel einfacher, wenn es nicht so viele Dimensionen besaß. Aber war es dann wert, erlitten zu werden?
„Take him by the hand. Make him understand. The world on you depends.“
Okay, es war Zeit für ein Frühstück. Wenn er in der Stadt war, würde er sich zuerst einen Kaffee besorgen und etwas Rührei mit Speck. Den Speck kross, die Eier weich.
Dann würde er den Pathologen aufsuchen. Die Hand sollte bis dahin, bei Miller auf dem Untersuchungstisch liegen.
Auch Miller war ein Freund der Dimension, der dunklen …

8.40

„Wenn man die Wunde genauer betrachtet sieht man“.
„Ersparen Sie mir Details! Das ist was für Thriller-Leser die gerne das Abgründige in sich stimulieren. Ich will wissen, was Rückschlüsse auf den oder die Täter erlaubt.“
Miller warf Tate einen abschätzigen Blick zu.
„Tate, Sie haben einfach keinen Sinn für die Feinheiten der Anatomie. Dieses wundervolle Zusammenspiel zwischen Radius und Ulnar, welches Ihnen erlaubt ihren Unterarm zu drehen. Die Eleganz der Daumensäule, für die sich das Trapezium und das Trapozoideum auf das Scaphoid setzen, um mit dem Radius zu artikulieren, stabilisiert von Bändern, gepolstert von Bindegewebe, in Bewegung gebracht von alternierenden Muskeln, das muss man alles in inneren Bildern sehen, wenn man eine solche Hand betrachtet. Ich“.
„Sie sollten mir etwas erzählen, dass Rückschlüsse auf den oder die Täter erlaubt.“
Miller zog mit einem knallenden Geräusch seine Einmalhandschuhe aus und warf sie in einen bereitstehenden Eimer.
„Wie Sie wollen. Andere müssen viel Geld, in Präparationskursen bezahlen, damit ich mein Wissen mit Ihnen teile. Aber widmen wir uns dem Profanen. Wie Sie wahrscheinlich vermuten, eine Kinderhand, die Radiologie lässt mich vermuten, die eines dreijährigen Jungen. Die Hand weißt keine Gewaltspuren auf, außer der, mit der sie abgetrennt wurde. Unter dem Fingernagel des Zeigefingers finden sich drei DNA-Spuren, was den ersten Verdacht zulässt, es könnte sich um drei Täter handeln. Aber das ist vorläufig. Da ich Ihnen Details ersparen soll: Es muss sich um Profis handeln. Denn die Hand wurde fachgerecht amputiert, wenn man davon absieht, dass keine Indikation für eine Amputation vorlag. Und, dass man sich für eine extraartikuläre Vorgehensweise entschieden hat.“
„Bedeutet?“
„Man hat die distalen, die unteren Teile, der Elle und Speiche amputiert. Aber die Gefäße perfekt verschlossen. Die Täter wollten die Hand genau in dieser Form und in diesem Umfang. Es wäre denkbar, dass sie Teil eines Ritus werden sollte.“
„Und, wie kam Sie auf die Wiese unten beim Falstaff River?“
„Da müssen Sie bitte die Kollegen der Spurensicherung fragen. Sie kann dort verloren worden sein oder mit einer bestimmten Absicht abgelegt.“
Tate nickte halbherzig.
Das half ihm nicht weiter. Es gab nichts schlimmeres, als professionelle Täter, die eine unprofessionelle Tat begingen.
„Haben Sie mir noch irgendeinen Tipp. Vielleicht einen Ethnologe oder Anthropologe, der eine Idee hat, warum jemand so etwas tun könnte?“
Miller ging zum Waschbecken und fing an, sich ausgiebig die Hände zu waschen.
„Sehen Sie, so ist das immer, wenn die Menschen nicht weiterwissen, verlassen sie den sicheren Boden des Evidenten und wenden sich dem Spekulativen und Magischen zu. Es ist wie eine Sehnsucht nach Betäubung und Vergessen, weil man die Klarheit nicht erträgt. Ich habe in diesen Räumen, mit dem sicheren Ende des Lebens und mit den anatomischen Fakten zu tun. Wie früher die Zauberer, lese ich in den Innereien, aber ich tue es, mit einem vollkommen anderen Grad der Klarheit.“
„Was mir in diesem Fall nicht weiterhilft.“
„Weil Sie zu ungeduldig sind, Tate. Das ist alles. Sie drängeln nach einem Ergebnis. Lassen Sie mir ein paar Tage und ich weiß mehr zur DNA und mehr zur Identität des Kindes.“
„Das ist gut zu wissen. Aber ich will nicht abwarten. Haben Sie jemand?“
„Ich weiß nicht, ob Sie sich grün werden. Frazer, wäre vielleicht jemand für Sie. James Frazer. Ethnologe im Ruhestand. Er hat eine umfangreiche Sammlung über die Riten der Menschheit veröffentlicht, der „Silberne Ast“. Warten Sie, ich gebe Ihnen die Adresse.“
Tate wartete bis Miller seine Hände getrocknet und die Daten auf einem Zettel notiert hatte. Dann verabschiedete er sich.

10.52
„Und wer, sagen Sie, schickt Sie zu mir?“
„Dr. Miller, der Pathologe aus dem Städtischen Krankenhaus.“
Frazer verbarrikadierte mit seinem Körper weiterhin den schmalen Türspalt, den er offengelassen hatte, um nachzusehen, wer an seiner Haustür geklingelt hatte.
Es war ein nettes Einfamilienhäuschen, mit weißem Holzzaun und gepflegtem Garten, den sicher nicht der alte, dürre Mann versorgte, der Tate misstrauisch im Blick hatte.
„Ist das diese übergenaue Laborratte, die meint, wenn man Tote aufschneidet, könnte man das Leben begreifen.“
Tate verbiss sich ein Schmunzeln.
„Ja, so könnte man ihn beschreiben.“
„Und was haben Sie miteinander zu tun?“
„Wie ich sagte. Ich bin Ermittler und untersuche einen ungewöhnlichen Leichenfund. Genauer gesagt einen teilweisen Leichenfund.“
„Und was haben Sie gefunden?“
„Sir, ich würde das ungern hier draußen besprechen. Wenn ich kurz hereindürfte.“
Frazer schien kurz mit sich zu hadern und es war unklar, ob es Angst vor dem Fremden war oder Scham über den Zustand der Wohnung, die vielleicht nicht so gepflegt war, wie der Garten.
„Wenn es denn zur Hölle sein muss.“
Der Ethnologe öffnete die Tür ganz und ließ Tate eintreten. Dem fiel nicht mehr auf, als abgestanden Luft, ansonsten war die Wohnung ordentlich.
Das Wohnzimmer allerdings sah weniger geordnet aus. Überall lagen Bücher herum. Die meisten aufgeschlagen, mit Post-ITs die Seiten markiert. Wo keine Bücher lagen, standen Gläser oder Teller auf denen Essenreste langsam eintrockneten.
„Sehen Sie sich ja nicht zu genau um. Worum geht es?“
„Nein, Sir, keine Sorge. Sieht einfach nur belebt aus. Es geht um eine Hand.“
„Erzählen Sie mir von der Hand!“
„Die Hand haben wir unten am Falstaff gefunden. Eine Kinderhand, amputiert.“
„Von einem lebenden Kind?“
„Ja.“
Frazer verzog angewidert das Gesicht und ging zu einem Regal. Es übersät war mit Ordnern, in denen Zeitungsausschnitte, Internet-Ausdrucke und handgeschriebene Notizen gesammelt waren. Er nahm einen heraus und fing an darin zu blättern.
„Also hier haben wir es ja: Übertragen von Unheil auf Menschen. Warten Sie! Nein, nichts mit Kindern.“
Er blätterte weiter.
„Polynesier – Kinder bei Geburt getötet. Kinder durch magische Riten erzeugen. Neugeborene für die Maissaat opfern. Nein, nichts mit Händen. Amputiert sagen Sie?“
„Ja, amputiert und dann so vernäht, dass das Körperteil in sich integer wirkt.“
„Aber es würde verwesen.“
„Wie meinen Sie?“
„Nun, wenn die Weichteile drin sind und die nicht plastiniert werden, wird die kleine Hand verwesen. Sie wissen schon mumifizieren, wenn es erhalten bleiben soll.“
Der Alte sah Tate verschmitzt an.
„Na! Aufs Naheliegende nicht gekommen.“
„Nein, Sir, offensichtlich nicht. Könnte das was bedeuten?“
„Alles hat etwas zu bedeuten. Wissen Sie das nicht? Uns fehlt nur der intuitive Zugang zur Welt, um das zu verstehen. Weil wir alles denken. Sie denken jetzt auch viel zu viel. „
„Dr. Miller meinte ich denke zu wenig.“
„Papperlapapp! Ich habe als Ethnologe mindestens zwei Dutzend Medizinmänner kennen gelernt, die Dinge über die Natur, über die Sterne, über den Menschen wussten, dass würden Sie nicht lernen, wenn Sie 30 Semester studieren. Denken ist gut. Aber die waren Geheimnisse liegen im Unbewussten. Sie stehen da, aber schalten Sie jeden Muskel an, damit Sie stehen können? Sie atmen, machen Sie das bewusst? Sie reden mit mir, kontrollieren Sie bewusst ihre Zunge oder lagern Sie was ich sage bewusst in ihren Nervenzellen ein? Sie wüssten nicht mal wo die liegen, um ihr Gedächtnis zu bilden. Unser Denken ist nur der Schaum, nicht mehr. Den muss man abschöpfen, um klar zu sehen.
Diese Hand ist spannend. Ich hatte einen Studenten: Krieger, Edward. Ein ziemlicher Spinner, aber ein verdammt kluger Kopf. Er hat sich zum Anthropologen gemausert. Sprechen Sie mal bei ihm vor. Vielleicht kann der mehr helfen.“
„Das ist sehr freundlich. Wenn Sie die Adresse hätten. Aber Sie haben mir schon geholfen.“
„Ich? Wie denn?“
„Sie haben den Schaum abgeschöpft.“

12.10
Krieger gab Tate zu verstehen, dass er vor dem Nachmittag nicht zu erreichen war. Deshalb entschied Tate nach Hause zu fahren und sich um ein vernünftiges Mittagessen zu kümmern. Er bewohnte eine gemütliche Zwei-Zimmerwohnung am Rande der Stadt, die ihm ausreichend Platz und Ruhe bot, um sich von der Arbeit zu erholen.
Er ging seinem Beruf gerne nach. Auch, wenn der manchmal dazu führte, dass er es mit amputierten Kinderhänden zu tun hatte. Die Illusion, mit seiner Arbeit, das Böse aus der Welt zu bannen, hatte er längst verloren. Für Tate ging es darum, den einzelnen Täter, für die einzelne Tat bestraft zu sehen und das gelang ihm in der größten Zahl der Fälle.
An das Alleinleben hatte er sich gewöhnt. Er folgt gerne seinen Launen und für solche Menschen war es gut, wenn sie sich nie für Familie entschieden und diesem stillen Narzissmus der eigenen Empfindung folgten, statt andere Leben damit zu belasten. Darin war er einsichtig.
Manchmal hatte er eine Verabredung und für einen Abend konnte er unterhaltsam sein, aber er war ungern dauerhaft unterhaltsam, unternehmungslustig und ein guter Zuhörer.
Wenn die trüben Tage kamen, hing er dieser Stimmung gerne nach.
Über die Jahre war er selbstgenügsam geworden und musste sein Glück nicht auf Reisen suchen.
Seine Fähigkeit zu zuhören, war mit der Zeit, immer stärker davon beeinflusst, dass er Menschen verhören musste. Er neigte dazu, zu erfragen was er hören wollte und nicht sehr geduldig mit dem zu sein, was jemand von sich erzählen mochte.
Alles in allem war die Lage also klar und er hatte mit seiner Beziehungslosigkeit Frieden geschlossen.
Einen Bruch in diesen Frieden brachte Susan. Sie war seit zwei Jahren, in seinem Revier angestellt und beschäftigte ihn, ohne dass er das näher erklären oder begründen konnte. Es war schön sie zu treffen. Es war schön sich mit ihr zu unterhalten und in ihrer Nähe zu sein. Aber er zweifelte, dass sie mehr für ihn empfand, als Sympathie. An Tagen, an denen sie sich trafen, war der Abend nicht gemütlich, sondern einsam und er malte sich aus, wie es wäre, mit ihr Essen zu gehen oder gemeinsam mit ihr auf dem Sofa zu sitzen und den Abend zu gestalten. Den Mut sie einzuladen hatte er nicht.
Also kochte er für sich allein, wie an diesem Mittag. Schweinefleisch in Streifen und Schwarzwurzeln in Sahnesauce. Gesund und herzhaft war sein Motto.
Als das Essen fertig war, nahm er es an den kleinen Tisch, der in der Küche stand und begann zu essen.
„Sie wüssten nicht mal wo die Nervenzellen liegen, die ihr Gedächtnis bilden.“ Hatte Frazer vorhin zu ihm gesagt und recht damit. Genauso wenig wusste er, was aus dem wurde, was er, als Mittagessen in diesem Moment zerkaute und wo es genau hinfiel. In den Magen – aber was bedeutete das? Noch weniger was dort damit geschah. Er wusste nur was er in den Mund schob und was am anderen Ende wieder herauskam. Den ganzen Rest – und der war entscheidend, für sein Leben und seine Gesundheit – war ihm unbekannt.
So lebte er Tag für Tag. In einer Welt die er nicht verstand, in einem Körper den er nicht kannte, obwohl es sein eigener war. Es war seltsam das zu begreifen. Es war einer dieser Gedanken die, wenn man ihnen folgte, alles unwirklich machten.
Also folgte er ihm nicht und konzentrierte sich auf sein Essen.
In tieferen Schichten seiner Seele allerdings, in jenen Schichten, die unterhalb der Schwelle zu den Worten liegt, beschäftigte ihn die Frage, ob er in Susans Fall ebenfalls nicht begriff, was in seinem Inneren geschah. Möglicherweise viel mehr als er sich eingestand, vielleicht etwas, dass ihm bestimmt war …

12.36
Tate nahm in seinem Sessel Platz, legte die Füße auf den Hocker davor und schloss die Augen. Er überließ sich der Verdauungsmüdigkeit, ohne, dass sie ganz von ihm Besitz ergreifen konnte. Er versuchte seine Gedanken treiben zu lassen, als wolle er einschlafen und beschäftigte sein Gehirn zu gleich, damit er die Kontrolle nicht über sie verlor. Sein Körper wurde schwer.
Mit Klarträumen beschäftigte er sich erst seit Kurzem. Mehr aus gelangweilter Neugier, als aus echtem Interesse. Das Phänomen war interessant, weil ihn die Frage nach der Wirklichkeitskonstruktion schon länger beschäftigte. Vermutlich war es, ab einem gewissen Leidensdruck, der einzige Weg, um menschlich zu bleiben: sich alles als eine Art Traum oder Illusion zu erklären. Als etwas was dem eigenen Denken mehr entsprach, als einer greifbaren Wirklichkeit. Die Realität war für einen alten Menschen aus New York etwas anderes, als für eine Eskimomutter. Man hielt für wahr, was man wahrnahm und je älter man wurde, umso mehr begnügte man sich damit es nicht mehr zu hinterfragen.
In Klarträumen durchbrach man diese Schranke des Bewusstseins, die im Wesentlichen mit den Hirnwellen zu tun hatte. Der Geist war keine konstante Verfassung, sondern flackerte, wie eine alte Glühbirne oder eine Kerzenflamme im Wind. Angefangen mit einem langsamen Pulsieren, wie in den traumlosen Tiefschlafphasen, in denen das Bewusstsein mehr oder weniger an und wieder aus ging, über einen mittleren Zustand entspannter Wachheit, bis hin zum hellen, klaren Zustand des Meditierenden, bei dem das Flackern kaum mehr zu messen war, besaß der Geist viele Stufen Aktivität.
Klarträumer versuchten sich in der Mitte, zwischen Wachsein und Träumen anzusiedeln, um jene kreative Fantasie anzuzapfen, die den Träumen innewohnt, ohne die Deutungssicherheit des Wachseins zu verlieren.
Tate erhob sich aus dem Sessel. Er musste dafür nicht einen Muskel anstrengen. Er erhob sich, als würde er in der Schwerlosigkeit von einer Unterlage wegdriften, wie man es von ISS-Astronauten aus Videos kannte. Er wandte den Kopf nach rechts und links und merkte, dass er nicht mehr zu Hause war, sondern in einem fremden Haus. In einem Haus, welches über viele Etagen, unzählbar viele Zimmer besaß. Hinter jeder Tür verbarg sich ein Geheimnis. Es gab schöne Geheimnisse und schlimme Geheimnisse. Er sah sich um und bemerkte, dass, in dem Raum in dem er sich befand vier Türen waren: eine rote, eine gelbe, eine blaue und eine grüne. Welche er öffnete stand ihm frei. Aber, wenn er die eine öffnete, konnte er in diesem Raum, nicht mehr die anderen öffnen. Er entschied sich für die grüne.
Aus der Nähe sah die Holztür verwittert und alt aus, der grüne Lack splitterte an einigen Stellen vom Holz und er wurde unsicher, ob es die richtige Wahl war. Aber die Tür sprang auf und vor ihm war eine Wiese. Er ging darauf zu und sah in der Wiese eine Hand liegen. Er wollte, dass dort in der Wiese diese Hand lag. Er kniete sich nieder und ergriff die Hand. Wie Excalibur im Stein, war sie fest mit dem Boden verbunden und wie nur Artus Excalibur aus dem Stein befreien konnte, war es nur einem Auserwählten möglich die Hand aus diesem Boden zu ziehen. Er zog und die Hand folgte leicht seinem Zug, aber es war nun nicht nur eine Hand, die er aus der Erde zog, sondern ein ganzer Körper mit dunklen Schlieren auf der fahlen Gesichtshaut und mit Erdklumpen verschmierten Augen. Tate wollte die Hand loslassen, aber sie ließ ihn nicht los, nun schob sie ihn, schob ihn rückwärts, schob ihn weiter bis er das Gleichgewicht verlor, nach hinten fiel …
… und aus seinem Sessel hochschreckte.
„Scheiße!“ Fluchte er. Er war doch ins Träumen geraten.
Hektisch nahm er die Füße vom Hocker und rieb sich das Gesicht.
Er sah zur Uhr. Fast zwei Stunden hatte er geschlafen. Es war bald drei. Wann hatte Krieger ihm angeboten zu kommen? Ab halb fünf? Dann sollte es noch reichen, um sich frisch zu machen. Eine Dusche hatte er jetzt in jedem Fall nötig.

16.40
Tate hasste es, bei diesen Temperaturen, mit feuchten Haaren aus dem Haus zu gehen. Aber sein Fön, hatte ihm den Dienst versagt und der Termin bei Krieger rückte näher. Er zog die Wollmütze so gut er konnte über die Ohren, sodass sie ihm die Augenbrauen nach unten drückte. War ihm egal, es sah ihn auf dem kurzen Weg zum Auto niemand.
Während er das Haus verließ und die paar Schritte zum Parkplatz ging, versuchte er sich an die Adresse zu erinnern, die ihm Frazer gegeben hatte: Milleniumstreet 8. Das war ein Gebäude direkt gegenüber der Universität.
Er öffnete per Funk, die Autotür, stieg ein, schaltete die Sitzheizung und das Fenstergebläse ein und startete den Motor. Auf Musik verzichtete er. Von seinem Zuhause bis zu Krieger, war es mit dem Auto nicht mehr als fünf Minuten.
Krieger schien bereits an der Tür auf ihn gewartet zu haben. Denn er war noch nicht bei der Tür angekommen, als sie sich bereits öffnete. Ein großer, dürrer Mann stand dort, mit lockigem grau-braunem Haar, dass ihm ungewaschen in alle Richtungen stand.
„Sie müssen Tate sein?“ Begrüßte ihn der Mann überschwänglich, dessen Augen einen seltsamen Glanz hatten und zugleich präsent und abwesend wirkten. „Kommen Sie rein. Frazer hat sie bereits angekündigt.“
Tate folgte der Aufforderung lächelnd und betrat das Innere der Wohnung, die bereits hinter der Tür vollkommen unordentlich war. Im Eingangsbereich standen kreuz und quer Schuhe und an der Garderobe hingen so viele Jacken, dass die oberste abgerutscht am Boden lag. So ging es weiter durch den Flur und das Wohnzimmer in die Küche. Wo zumindest eine Ecke, ein kleiner Küchentisch, etwas Platz bot. Auf der Spüle türmten sich ungewaschene Teller und Gläser.
Krieger bemerkte seinen Blick und erklärte lächelnd: „Der alte Frazer hat sie doch bestimmt vorgewarnt oder?“
Tate nickte knapp.
„Hat er Ihnen auch vom Microdosing erzählt.“
„Nein hat er nicht. Was ist das?“
„Ihr Vertrauen gegen meine Informationen?“
„Kommt darauf an.“
„Ist nichts Schlimmes. Ich nehme regelmäßig kleine Mengen LSD ein. Nahezu homöopathisch. Haben die drüben im Silicon Valley erfunden. Haut ihnen, wie Huxley es nannte nicht die „Pforten der Wahrnehmung“ auf, sondern öffnete sie nur einen Spalt. Mein Kopf ist einfacher freier im Assoziieren und die Welt, hat einen zarten, wunderschönen Schimmer. Nie davon gehört?“
„Nein, bislang nicht. Ist mir aber offen gestanden auch egal, ich glaube, es gibt bessere Wege, um sein Bewusstsein zu erweitern.“
„Ja, aber die dauern halt und Zeit ist Geld. Sie wissen schon. Also was führt Sie zu mir?“
„Der Fund einer Hand, heute Morgen. Eine Kinderhand, amputiert und präpariert, wie für einen Fetisch.“
„Cool.“ Krieger ging zur Küchenzeile. „Wollen Sie einen Tee? Ich kann Ihnen Matcha empfehlen, weitet Ihnen auch die Hirnzellen.“
„Nein. Nichts. Ich will mich nicht lange aufhalten.“
Tate zweifelte, dass er von dem Mann irgendetwas vernünftiges erfahren würde.
„Wie sie wollen.“
Krieger füllte den Wasserkocher und schaltete ihn ein.
Er ging zum Tisch hinüber.
„Setzen Sie sich doch.“
„Nein, ich stehe lieber.“
„Sie sind echt unentspannt. Sie sollten das mit dem Microdosing mal versuchen. Also dann gebe ich ihnen Futter.“
Krieger hob die Hände und drehte sie vor seinen Augen, als wären es nicht seine eigenen.
„Diesen beiden Dinger machen uns zum Menschen – wissen Sie? Ohne Hände keine Werkzeuge, ohne Werkzeuge keine von uns gestaltete Welt.“
„Wäre ja vielleicht auch besser so.“
„Sehen Sie, dass wäre ein Grund, eine gesunde Hand zu amputieren. Damit sie die Welt nicht manipuliert. Kommt übrigens von Manus, lateinisch für Hand. Unsere Hände können die Welt also gestalten. Und was können Sie noch?“
„Keine Ahnung. Auto fahren, töten, ein Steak klein schneiden.“
„Stimmt alles, aber das ist alles gestalten, die Welt manipulieren, aber es gibt noch etwas anderes.“
„Dann spannen Sie mich nicht auf die Folter.“
„Sie können die Welt ergreifen, sie können die Welt erfassen und erfühlen. Mit unseren Händen können wir nicht nur gestalten, wir können die Welt auch, wie sie, ist erfühlen. Denken sie an die zärtliche Berührung zweier Hände.“
„Ja, okay. Aber was hat, das mit der Kinderhand zu tun?“
„Sehr viel, weil Kinderhände, noch viel mehr mit der Erfahrung, mit dem Berühren der Welt zu tun haben. Eine Kinderhand ist unschuldig. Lassen Sie Kinder mit den Händen essen und Sie sehen, wie viel sinnliche Erfahrung, wie viel Entdeckungsfreude darin liegt, statt mit zwei Metallstücken die Nahrungsmittel zu sezieren.“
„Aber dann sollte man die Hand doch schützen.“
„Oder man nimmt sie, als Sinnbild für die Unschuld der Berührung. Die sollte konserviert werden, als Bild für die unmittelbare Erfahrung der Welt. Könnte ich mir vorstellen. Vielleicht irgendein Geheimbund, der so etwas für seine Riten braucht. Für einen Anthropologen ist die Hand mehr, als ein Körperteil. Sie ist am Menschen, das bedeutendste Körperteil.“
„Also soll ich nach einer Sekte Ausschau halten“
„Wäre naheliegend, wenn Sie sonst nichts haben. Gehen Sie eher von einer gebildeten Gruppe aus. Keine Satanisten, die sich mit Hausfrauen-Esoterik beschäftigen. Das sind Leute, die die Grenzen ausloten, wie damals die Inka-Priester die nach Menschenopfern verlangten.“
Tate war nicht sicher, ob er sich bedanken sollte, für die Auskunft, aber es war eine Spur und mehr, als er vor 20 Minuten hatte.
„Danke Mister Krieger. Ich werde sehen, was ich damit tun kann.“
„Alles eine Frage von Microdosing.“ Behauptete der Anthropologe lächelnd.

17.12
Der Himmel färbte sich glutrot, während er auf dem Weg in die Zentrale war. Für heute gab es im Außeneinsatz nichts mehr zu tun. Er würde sich, für eine Stunde in seinem Büro an den Rechner setzen und die heutigen Gespräche protokollieren und dann nach Hause gehen. Vielleicht würde auch noch kurz recherchieren, welche auffälligen Verbindungen es in der Region gab, die auf einen Geheimbund hindeuteten.
Früher hatte er sich mit den Freimaurern beschäftigt, aber, wenn man den Hokuspokus wegließ, den das Christentum erschaffen hatte, um unliebsame Konkurrenz zu diskreditieren, blieb nicht viel übrig, außer einer Gruppe Männer, die durch Rituale die Selbsterkenntnis erhöhen wollte.
Er parkte seinen Wagen, auf dem Parkplatz vorm Revier, der für ihn reserviert war und stieg aus.
Tate bemerkte erst jetzt, wie müde er eigentlich war. Die Tage gingen manchmal so rasch dahin und waren so vollgestopft, dass er sich gar nicht spürte. Die Welt wollte gerettet werden oder vielleicht auch nur verwaltet, das war nicht ganz sicher, aber in jedem Fall musste es jemand geben, der sich um die Welt, wie sie geworden war kümmerte. Polizisten, Ärzte, Bauarbeiter, Lehrer alle teilten sich das Bemühen für Ordnung zu sorgen, für Gesundheit, für Sicherheit, für Bildung. Und in diesem Bemühen blieb oftmals keine Zeit, für das eigentliche Leben. Für den glutroten Sonnenuntergang, für den Tau auf der Wiese am Morgen, für die Berge, die der Schnee zunehmend bedeckte.
Manche wollten zurück, rannten zum Schamanen, um sich ihre abgebrochene Verbindung zur Natur erneuern zu lassen. Aber der Mensch war diese Natur, die moderne Welt war diese Natur, Plastik war diese Natur, Beton und Stahl, weil sie alle aus diesem Stück Natur, welches sich Mensch nannte hervor gegangen waren. Es half nicht Bäume zu umarmen, es half nur Verantwortung für das zu übernehmen, was die Menschheit auf diesem Planeten anrichtete. Es half nur, sich um Lösungen zu bemühen.
Die Tür zum Revier ging automatisch vor ihm auf und das grelle Neonlicht im Inneren stresste seine Augen. Er nahm mit Schwung die ersten Stufen, die hinauf in den oberen Stock führten, in dem sein Büro lag. Kaum auf der vierten Stufe angekommen, bemerkte er, dass ihm jemand entgegenkam. Er sah hoch und erkannte Susan. Sofort begann sein Herz, den Takt zu ändern.
Auch, wenn ihr Gesichtsausdruck nichts verriet, bemerkte er an ihrem Gang, dass sie ebenfalls unsicher wurde. Denn sie fasste nach dem Handlauf, als könne sie ihren Schritten nicht sicher vertrauen, weil sie abgelenkt war.
Auf halber Höhe der Treppe, trafen sie sich. Sie sah ihn an, sagte aber nichts.
Sie sprach ihn eigentlich nie an. Aber, wenn er auf sie zuging, ließ sie sich das gefallen.
„Hi!“. Er lächelte. „Schon Feierabend?“
Sie nickte und blieb stehen.
„Ja, die Rechner oben funktionieren gerade nicht. Ist wohl ein Netzwerkproblem.“
„Ach Mist! Ich wollte noch meine Gespräche protokollieren.“
Er sah sie an und sie wich seinem Blick nicht aus. Als würden sie sich gegenseitig in den Gedanken lesen.
„Das würde ich nicht riskieren. Du kannst nichts auf dem zentralen Server speichern.“
Er fluchte und wunderte sich, warum es ihm so gut gelang, seine Aufregung zu verbergen. Warum zeigte er es nicht? Warum lud er sie nicht ganz spontan ein?
„Dann bleibt mir wohl nur nach Hause zu gehen.“
Sie lächelte.
„Ja. Muss ich auch. Ich habe es eilig.“
Okay, dachte er, das war deutlich. Es war wohl der falsche Zeitpunkt, sie einzuladen. War das immer so? War das Schicksal vielleicht stärker, als die Liebe und egal, was man für einen Menschen fühlte, lief alles immer so, dass man nicht mit ihm zusammenkam?
„Ja, dann schönen Abend.“
„Ja, dir auch.“
Ihre Stimme war warm, fast zärtlich.
Blödsinn, dachte er, ihre Stimme ist, wie immer.
„Bis morgen“, sagte sie noch und ging die Treppe hinab.
Tate stand da, unschlüssig, wo er nun hinwollte.
Noch viel unklarer, als die Frage, was Wirklichkeit ist, war für ihn die Frage: Was Liebe ist?

19.00
Campher zog an seiner Nase vorüber, frisch und klar, wie vom Regen gereinigte Luft. Er ließ den Geruch in sich wirken und weiterziehen, wie er auch die Gedanken und Empfindungen des Tages, in sich wirken und weiterziehen ließ. Dies war nichts, was man an einem Tag lernte oder in wenigen Stunden. Vielleicht ging es schneller, als bei ihm, der beinah zwanzig Jahre benötigt hatte, um bereits nach kurzer Meditation, seinen Geist frei und durchsichtig werden zu lassen.
Das war nicht an allen Tagen so, aber an ihrer Mehrzahl, vermochte er sich von der Welt zu entkoppeln und in jenen Zustand überzugehen, der dem Schöpfen an einer Quelle glich. Es war ein Zustand in dem alle Prägungen, alle Muster abfielen und er seinen Geist und sein Denken unschuldig und grenzenlos wahrnehmen konnte. Ein zugleich heilsamer, wie auch heiterer Zustand.
Susans vorbeieilendes Lächeln kam und ging. War schön um den Moment, und, als Erinnerung, in der Ewigkeit sicher. Die Hand am Morgen war schrecklich. Ihr Eindruck schmerzlich und aufwühlend. Aber er war zuversichtlich die Tat aufzuklären, den Täter zu finden und das Opfer zu sühnen. In diesem Zustand spielte Zeit keine Rolle. Er war nicht getrieben, gleich jetzt den Täter zu finden und ihn auf einen elektrischen Stuhl zu binden. Auch Täter hatten eine Geschichte und Taten und beides kollidierte fürchterlich mit der Geschichte des Opfers. Er hatte das nicht zu richten. Es ging gar nicht darum, den Täter zu bestrafen. Es ging darum weitere Opfer zu verhindern. Der Täter hatte nur all das zu dulden was notwendig war, um künftigen Schmerz durch ihn, zu verhindern. Richter entschieden was dazu am besten war.
Er dachte, an Krieger fühlte diesem überspannten und unnatürlichen Geist nach, legte den Eindruck ab, dass die Manipulation die er mit seinem Geist betrieb zu irgendetwas förderlich sein konnte und ließ die Eindrücke, ihres Gesprächs, in sich nachwirken: Ritual, Geheimbund, eine Gruppe mit Intelligenz aber ohne Humanität.
Frazer erschien vor seinem inneren Auge, alt aber inwendig lebendig und rege, ein gebildeter und kluger Mensch, listig seine Gefühle vor anderen verbergend. Hilfsbereit, ohne dass man es ganz bemerkte. Ein Mensch, wie ein Buch, voller Geschichten.
Er spürte den Begegnungen nach: der Aufregung, dem Widerwillen, der Sympathie, der Abneigung, ließ sie zu und ließ sie los und wurde wieder klar, wie ein Gefäß, dass Flüssigkeiten in jeder Konsistenz und Farbe aufnehmen kann und wieder abgeben, ohne eine Spur davon zurück zu behalten. In diesem Zustand war alles gut.
Auch die Müdigkeit, die nun durchdrang, da sein Sympathikus langsam nicht mehr nach Adrenalin verlangte, sondern seinem Gegenspieler dem Vagus Platz machte, damit der reparieren und speichern und erneuern konnte. Die Einsamkeit löste sich und gab der Einheit Raum. Das Dunkle, Schwere, Schadhafte fiel ab und wurde ersetzt durch Erkenntnis und Demut.
Er verharrte in diesem Zustand.
Einen Atemzug – zwei Atemzüge – drei Atemzüge und gab auch diesen Zustand frei, weil er zum Leben geboren war und nicht zur Abkehr vom Leben. Das waren nur kurze Verschnaufpausen. Die große Ruhe, die endgültige Ruhe kam von ganz allein. Bis dahin galt es das Leben zu genießen.
Er öffnete die Augen.
Vor ihm flackerte die Kerze, die als einziges Licht den Raum erhellte. Er spürte noch etwas nach und begann dann seine Beine zu strecken und seine Wirbelsäule aus der Aufrichtung zu lösen.
Jetzt hatte er eine Idee.

21.23

Nach der Mediation beschloss er, ehe er seiner Eingebung nachging, erst etwas zu essen. Der letzte Snack lag drei Stunden zurück. Er achtete darauf, vor der Meditation zumindest zwei Stunden nichts zu essen.
Er dünstete etwas Heilbutt in Weißwein und gab eine Fingerspitze Dill hinzu. Als Beilage entschied er sich für Basmatireis, dem er der Farbe wegen, etwas Safran beifügte.
Tate aß die Portion, die knapp einen Teller füllte, bei einem Mix aus klassischen Klavierstücken und dachte über die Idee nach, die ihm während der Meditation gekommen war. Begriffen hatte er sie, erst im Aufstehen, aber entstanden, davon war er überzeugt, war sie, während sein Gehirn zwischen wechselnden Frequenzen seine Schwingung suchte.
War es schlimm, wenn es so war, wie es ihm, mit dieser Idee, für möglich schien? Eigentlich nicht. Aber er war noch nicht müde genug es zu erfahren. Für Jung hatte es keine Unterschiede gegeben, für Jung war das eine so real, wie das andere, war nichts wirklicher, nichts trennbar. So, wie die Welt ja auch nicht anderes war, nur weil sie sich manchmal im Sonnenlicht und manchmal außerhalb davon befand.
Vielleicht war es die gleiche Illusion, die lange dazu geführt hatte, dass man die Sonne im Umlauf um die Erde dachte, statt die Sonne unverrückbar zu wissen und die Erde, im kosmischen Flug zu verstehen. Warum hatten sich dagegen, die Menschen früher gewehrt? Weil es erschreckend war, zu begreifen, dass man durch die Weiten des Kosmos stürzte und hoffen musste, dass die Fliehkräfte einem in der Bahn hielten. Weil es schrecklich war zu glauben, man stünde auf festem Grund, aber der feste Grund raste durch die Dunkelheit, ohne dass man umher gewirbelt wurde. Aber was hielt einem fest?
Jetzt war er wirklich neugierig geworden.
Er saß schnell zu Ende und ging zu seinem Laptop.
Er klappte den Bildschirm hoch, weckte das Gerät aus dem Standby und loggte sich ein. Er startete die Suchmaschine und gab den Namen Krieger ein. Tate fand einen Robby Krieger, Gitarrist der „Doors“, aber einen Eduard Krieger, Anthropologen fand er nicht.
Frazer fand er. Der war auch Ethnologe, aber seit fast 70 Jahren tot. Er hatte ein Buch veröffentlicht: „Der goldene Zweig“. Stellen daraus, hatten die „Doors“ beeinflusst.
War das real gewesen? Hatte er, heute Morgen im Auto, wirklich „Riders on the storm“ gehört? War er Susan begegnet? Hatten sie sich auf halber Treppe gegenübergestanden? Was war zwischen diesem Moment und dem Augenblick geschehen, als ihm der Campher in die Nase zog?
Er lehnte sich in den Stuhl zurück und während er sich die Augen rieb, dachte er an das Gesicht, in seinem Traum am Mittag. Das blasse Gesicht mir den verschmierten Wangen und den Erdklumpen in den Augen. Er hörte auf seine Augen zu reiben und sah auf seine Fingerknöchel, aber da war nichts. Sauber, vielleicht etwas feucht von Tränenflüssigkeit.
Es war Zeit sich schlafen zu legen. Wahrscheinlich war er einfach nur müde.
Tate ging in sein Schlafzimmer, schlug die Decken zurück, richtete sein Kopfkissen und befahl Alexa: „Spiele Silent Lucidity“.
Alexa bestätigte.
Und der Sänger von Queensryche intonierte mit warmer Stimme:
„Hush now, don’t you cry
Wipe away the teardrop from your eye
You’re lying safe in bed
It was all a bad dream
Spinning in your head
Your mind tricked you to feel the pain.“
Tate löschte das Licht und legte sich schlafen.

12.00

Er betrachtete die Finger und die Nägel und fand nichts, was auf Spuren eines Kampfes hindeutete. Es war eine Kinderhand, der nur das Leben fehlte, mysteriös war, dass dem Körper die zweite Hand fehlte.
Es war ein schmächtiger Leib. Er war sicher nicht kräftig genug, sich einem Kampf zu stellen. Der Brustkorb zerbrechlich, der Schultergürtel schmal, die Beine mager. Das Gesicht noch glatt und ohne Kontur, wie ein Puppengesicht. Eine Röntgenaufnahme der Handwurzel würde die Altersbestimmung klären.
Die Tat sah in jedem Fall nach einem Ritual aus.
„Na? Was entdeckt?“
Er hob den Kopf und sah sich gegenüber Lynn, die ihn mit dunkelblauen Augen aufmerksam beobachtete.
Dass die Augen seine Kollegin, dieses tiefe Blau besaßen, konnte er nicht sehen, dafür blendete ihn zu sehr die Sonne, gegen die er blicken musste. Er kannte ihre Farbe, weil sie in einer Tiefe blau waren, wie er dies, noch nie zuvor bei einem Menschen, gesehen hatte. Man vergaß diese Augen nie wieder.
Hinter Lynns Kopf zog eine große Wolke heran und bedeckte im nächsten Moment die Sonne hinter sich. Eine ferne Wintersonne, wie Liebe die man spürt, aber nicht erhält.
„Nein, ich habe nichts entdeckt, was für den Moment etwas beantwortet. Ein Kinderkörper. Würde sagen, dass es sich um einen Ritualmord handelt. Sehen Sie, die Hand fehlt.“
„Könnte es auch ein Tier gewesen sein?“
„Ein Tier war es, in irgendeinem Sinn.“
„Ich meinte“.
„Ich weiß schon was sie meinen.“
Er stand auf, um nicht länger den Kopf, in den Nacken legen zu müssen.
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich meinte nicht“, erklärte sie beharrlich, „dass Tiere zu so etwas in der Lage sind. Ich meinte eher, ob ein Tier die Hand gefressen hat. Oder ist das nicht möglich, Tate?“
„Sehen Sie irgendwo Spuren eines Tieres?“
Lynns Blick glitt suchend über den Boden. Der morastige Untergrund zeigte nur die Fußabdrücke der Ermittler vor Ort.
„Nicht wirklich. Glauben Sie, wir kriegen ihn?“
„Ihn oder sie.“
„Oder so. Wenn es ein Ritual war … Hauptsache wir stoppen sie.“
„Und, wenn schon? Hört es dann auf?“
„Geht es Ihnen heute nicht gut?“
„Ist wahrscheinlich der Hochdruck, der macht mir immer Kopfschmerzen.“
Er sah an Lynn vorbei hinauf zur Sonne, die ihre Strahlen, um die Wolken zu lenken versuchte und dort eine gleißende Aura hervorrief.
„Ist das nicht alles sehr unwirklich?“
„Was meinen Sie, Tate?“
„Die Sonne dort oben und die Wolken die vorüberziehen, wenn ich den Himmel eine Weile betrachte, denke ich immer, ich müsste nur klüger sein, um zu verstehen was die Welt bedeutet.“
Jetzt blickten Sie beide zum Himmel.
„Ja, ich kenne das. Manchmal erscheint alles nur, wie ein Traum.“
„In dem man nur wandelt.“
„Wie ein Schlafwandler?“
Tate lachte knapp.
„Nein, wie ein vollkommen Erwachter, der begreift, dass alles nur eine Illusion ist.“

Ende

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– Musixmatch

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