Leben im Land der Geister (Kurzgeschichte)

1.
Von November bis Januar haben wir dauerhaft Nebel, dichten Nebel, als wäre ein Heer Geister darin versteckt. Das ist natürlich Blödsinn, sagen die, die keine Ahnung haben. Aber ich lebe schon lang hier, nördlich vom See, mit Blick auf die schneebedeckten Berge, die ich nie besucht habe, weil nur Narren, hinauf zu den Göttern steigen oder hinab zu den Dämonen.
Ich lebe hier am Rand des Waldes, der mir Holz liefert gegen die Winterkälte, in der Nähe des Weihers der mir Fisch liefert, den ich für die kalten Monate räuchere und nicht weit entfernt von den Obstbäumen, deren Früchte ich mir einkoche. Die Kartoffeln, die man in den Feldern findet, füllen zwar keinen Keller, aber ein paar vergrabe ich mir unter grauer Erde und koche sie in einem Topf, wenn es so kalt ist, dass man durch die gefrorenen Scheiben nicht mehr nach draußen sehen kann.
Wenn man hier lebt, wohin sich selten ein Wanderer verirrt und wo fast nie die Händler vorüberziehen, wenn sie ihre Ware über die Berge in den Süden tragen oder von dort kommend nach Norden, dann sind diese Tage, wenn der Nebel nie geht und die Sonne nie kommt, am warmen Ofen ein wahrlicher Genuss, weil man sich im Rest des Jahres den Leib geschunden hat, um eine Forelle mit Apfelkompott zu genießen, während das Buchholz im Kamin knistert.
Ich erzähle mir dann gerne Geschichten. Wenn mich jemand sehen würde, würden sie sicher sagen: „Der Alte ist verrückt. Erzählt sich selbst Geschichten – Geistergeschichten, dem hat wohl die Einsamkeit den Verstand verschluckt.“ Aber, weil mich niemand sieht und niemand hört, kann ich erzählen was ich will und, wenn Geister in meinen Geschichten vorkommen, dann ist das ganz meine Sache. So, wie es meine Sache ist, diese Geister gut oder böse sein zu lassen.
Die Toten sind nur eine Sorte von Geistern. Die Toten sind die unheimliche Art.
Es gibt auch die Geister der Bäume und die Geister des Wassers und die Geister der Steine und der Erde und des Windes. Es gibt auch Geister die vom Himmel herabsteigen und Geister, die wandeln, während ihre lebenden Körper irgendwo liegen, schlafend, siechend, halbtot. Ich habe mit allen Kontakt. Sie fürchten mich mehr, als ich sie, weil das immer so ist: die Mehrheit fürchtet das Andersartige, auch, wenn es der einzig Lebendige in mitten von Geistern ist.
Ich lebe gerne hier und liebe diese Zeit des Nebels, weil sie mich zu mir zurückführt, in das Land der Nebel und Geister.

2.
Früher war mehr Leben in dieser Gegend, war es nicht so einsam, in dieser Einöde, obwohl diese Gegend den Namen nicht verdient, weil sie viel zu schön ist, weil die Berge mächtig und die Gewässer friedlich sind. Aber ich habe der Wahrheit die Treue gehalten, vielleicht zu sehr und, als die Menschen gingen, weils, wie sagten: „Wo anders besser ist.“ Blieb ich, weil mir die Geister zuflüsterten: „Das stimmt so nicht.“ Aber keiner wollte das hören, denn so wunderlich es ist, die Menschen verzeihen Ehrlichkeit nicht.
Also zogen sie davon und ich blieb zurück.
Wenn man jung ist, kommen Menschen und sie gehen. Wenn man alt ist, gehen sie nur noch. Auch, weil man keine Kraft mehr fühlt, sie zu halten.
Treu geblieben ist mir ein Kater. In bitteren Stunden, denke ich, er bleibt nur, wegen dem Futter, das er von mir erhält: den Fischresten und, wenn ich welche habe, der Schale Sahne. Aber in diesen bitteren Stunden, verlangt er gar nicht nach Essen, sondern er kommt um Wärme zu schenken. Er drängelt sich auf meinen Schoss oder legt sich hinter mir auf den Stuhl und schmiegt sich an meinen Rücken und dann ist keiner mehr einsam und keiner nimmt dem anderen seinen Eigensinn übel.
Von den Geistern weiß er so viel, wie ich. Wenn mir nachts der Kamin ausgeht und ich nach draußen muss, um Holz zu holen, dann folgt er mir manchmal und klettert, wie ein geschwinder Schatten, auf das gestapelte Holz, von dem ich mir Scheite in einen Korb sortiere, als würde er wachen, während ich ungeschützt im Freien schutzlos den Geistern ausgeliefert bin. Wenn dann zwischen Fichten und Buchen ein Kauz schreit und es im nahen Gebüsch raschelt, dann blicke auch ich – der ich lange schon diese Abgeschiedenheit gewohnt bin – ängstlich, um mich, als könnte plötzlich der Geist eines Toten, zwischen den Bäumen herauswanken, um nach mir zu packen. Einmal fiel mir fast meine Öllampe um, als ich mich zu hektisch bewegte und ich möchte nicht wissen, was geschehen wäre, wenn damit das Holz in Brand geraten wäre und mich um alles gebracht hätte, was ich noch besitze.
Warum das schlimm wäre? Weil mir dieses Leben immer, wie ein Geschenk erscheint. Ich blicke in die Welt, noch immer staunend, wie ein Kind und kann der Welt kaum verübeln was sie mir nimmt, weil sie mir auch gibt. Und, wenn der Regen mich plagt, vergesse ich die Tage in der Sonne nicht und, wenn der Frost mir die Türen vereist, setze ich mich ein Stück näher an den Kamin und, wenn die Krähen über den Acker stolzieren und mich erinnern, was mir einst droht, dann lächle ich, weil ich zwischen der Welt und mir gar nicht unterscheide. Denn das habe ich den Geistern voraus: ich fühle.

3.
Was mir gefällt an dieser Zeit, wenn es nicht mehr weit bis zum Mittwinter und den anschließenden Raunächten ist, sind die wundervollen, glutroten Sonnenuntergänge. Nie im Jahr sind die Farben so kräftig, ist der Kontrast zwischen den Farben des Himmels und dem Dunkel der Nacht so stark, wie in dieser Zeit.
Wenn es nicht ganz so kalt ist, setze ich mich manchmal raus, auf einen Baumstamm, den ich mir so zurecht gesägt habe, dass man gut darauf sitzen kann, wie auf einem Stuhl und sehe dem zu. Dann wird alles in mir ganz ehrfürchtig und ich fühle, dass dieser Himmel über mir, von Kräften bewohnt ist, die fern meines Verstandes sind. Deshalb erzähle ich mir selbst oder dem Kater, wenn er sich zu mir setzt, Geschichten über die Feuergeister, die dieses Wunder erschaffen. Jene Geister die der Sonne helfen, den Winter im Zaum zu halten und herabsteigen aus den Sphären, damit der Himmel nicht zufriert.
Ich stelle mir vor, wie diese Geister, in gewaltigen Glutschalen, das ewige Feuer des Lebens aus der Esse eines Gottes stehlen, der den Diebstahl nicht bemerkt und es über die frierende Erde schütten, damit die Nacht nicht ganz so finster und nicht ganz so bitter wird. Diese Geschichte erzähle ich immer wieder und mit jedem Mal wird sie etwas feiner. Manchmal steigen die Geister auch vom Himmel herab, auf die Erde und entzünden ein wärmendes Feuer, ehe jemand erfriert. Manchmal aber lasse ich ihnen, aus Versehen, auch etwas Glut aus den Händen fallen, bis hinab auf die Erde, wo es ein Rieddach in Brand setzt und am Ende das ganze Dorf.
Der Kater lauscht dieser Geschichte, aus irgendeinem Grund, besonders aufmerksam. Als wäre sie für ihn wichtiger, als die anderen Selbstgespräche die ich führe. Das kann daran liegen, dass er gerne bei mir am Kamin liegt und sich das Fell wärmt, wenn er eine ganz Nacht draußen unterwegs war und ihm die Tatzen noch feucht sind vom Schnee.
Er sitzt neben dem Baumstamm schaut mich an, schaut dann wieder zum Himmel, als verstünde er mehr von dem, was dort geschieht und sieht dann wieder zu mir, als wäre ich liebenswert, aber auch bedauernswert, für meine Kinderfantasie, die den Zugang zum Wissen, zum Wissen, welches nicht erklärt werden muss, verloren hat.
Ich nehme ihm das nicht übel, denn es freut mich, dass ihm der Klang meiner Stimme zu gefallen scheint und es ihn nicht kümmert, ob ich an einem Tag ein anderes Ende erfinde, wie am vorherigen und am nächsten Tag, mir einen ganz anderen Mittelteil ausdenke. Einen, in dem die ganze Sonne aus Geistern und Seelen besteht und, wenn ein Mensch stirbt, geht sein Geist in dieses Licht zurück und, wenn ein Mensch geboren wird, dann wird seine Seele, wie ein Lichtstrahl von dort gesendet und das, was an diesem Abend, tief in allen Rottönen leuchtet, ist die Liebe, der aneinander vorübergehenden Geister, die auf- und absteigen.

4.
Die Fische die ich jetzt verzehre, fange ich an zwei Orten: dem Weiher der direkt in der Nähe meiner Hütte liegt. Und einem kleinen Fluss, der als Seitenarm, in den großen See mündet, der südlich meiner Bleibe liegt und den ich nur selten aufsuche, weil sich dort die Dörfer befinden, die zu meist von Fischern bewohnt sind. Für die bin ich nur eine Gefahr für die Fischgründe und so gehe ich ihnen lieber aus dem Weg, als in einen Raufhändel zu geraten.
Am Anfang war das nicht so leicht. Als ich anfing allein zu leben, tat es mir weh ausgegrenzt zu werden. Ich hatte Furcht, wie ich überleben sollte. Ich wehrte mich gegen mein Los, denn es liegt ja in der Menschennatur, mit anderen Menschen gesellig und fröhlich zu sein.
Doch ich lernte. Ich lernte, dass ich den Menschen fremd bin, dass mich andere Dinge fröhlich machen, andere Dinge nachdenklich und andere Beschäftigungen fesseln. Wir fühlten uns nicht wohl miteinander, die Menschen und ich.
Es war gut dies einzusehen und fortan die Wege zu meiden, die uns zusammenführen. Nicht, dass die Sehnsucht nicht blieb, andere zu finden, die wie ich fühlen. Aber ich fand sie nicht.
Ich fand sie am ehesten bei den Geistern.
Wenn ich also in diesen Tagen nach draußen gehe und die Nebel so dicht sind, dass mir das Haar schnell feucht wird, dann ist da kein Widerspruch, kein Widerwille in mir. Ich begegne der Welt, wie sie mir begegnet: schweigend und achtsam und, wenn ein Ast für mich knackt oder die Vögel sich vor meinen Schritten warnen. Ich verstehe und nichts ist heilsamer für eine Seele, als ein Flecken Erde, den man versteht und der einem sein lässt, wie man ist.
Eines gibt es, dass mich in diesen Tagen besonders fasziniert. Das sind die Nebel über dem Wasser am Morgen, wenn die Welt grau in grau, so wirkt, als würden die Geister überall durch die Welt wandeln. In feinen Schichten, wie Gedanken die noch keine Worte gefunden haben, schwebt der Nebel über der glatten Wasseroberfläche und wandert hinüber über die feuchten Wiesen, die sich nur langsam vom Frost der Nacht erholen.
Dies schwebend leise, fließende, diese schweigsame, verschmelzende Welt, die den Blick begrenzt und plötzlich offenbart, dass auch die scheinbare leere Luft mit Leben gefüllt ist, welches sichtbar und spürbar werden kann – durch diese Welt wandere ich gerne.
Mit meinen Winterstiefeln, dem dicken Lammpullover und der Angel über die Schulter, wandere ich zum kleinen Fluss oder zum Weiher, setze mich ans Ufer und warte, ob ein Fisch anbeißt, damit ich am Abend auch mal einen frischen essen kann.
Wenn ich da sitze und die Nebel sich urplötzlich auflösen und strahlend, die Sonne, durch das Grau bricht, dann ist es fast, als würde ich aus dem Reich der Toten zurückkehren in die Welt. Sicher wandernd zwischen beiden Welten, der der Toten und der der Lebenden.

5.
Gestern war ich lange draußen. Der erste Schnee ist gefallen und hat die Welt unter dichten, dicken Flocken begraben, die so groß waren, dass man sie, einen Augenblick betrachten konnte, wenn sie einem auf die Hand fielen. Ich war unterwegs auf der Suche nach Früchten.
Manchmal findet man noch Äpfel oder Birnen, die im Baum vergessen wurden und in der Kälte haltbar geblieben sind. Auch an Nüssen finde ich einiges. In der Nähe gibt es viele Haselsträucher und einen gewaltigen Walnussbaum, den die Kinder aus dem Dorf plündern, wenn die Nüsse von den Ästen fallen. Aber, wie Kinder sind, tun sie das nie gründlich, weshalb ich oft noch fündig werde.
Ich wandere gern. Manchmal bin ich stundenlang unterwegs und laufe einen großen Rundweg, der weg vom See führt, hinauf in die Wälder, von wo aus ich, einen weiten Blick auf das Tal habe, in dem meine Hütte liegt. Dahinter der See mit den Dörfern und dann dort, wo das Augen nicht hinüberkommt, die Berge, schneebedeckt und entrückt.
Wenn ich lange laufe ist es manchmal, wie in einem Traum gehen. Ich höre nur noch meinen Atem, der zum Schnaufen wird, wenn der Weg steil ansteigt und meine Schritte, die dem Untergrund ein Knacken, Knirschen und Schnalzen abfordern. Es gibt eine mittlere Geschwindigkeit, bei der ich das Gefühl habe, nie mehr stehen bleiben zu müssen, als könnte ich immer weiterlaufen, könnte die ganze Welt umwandern.
Das wäre wundervoll, um jede Scholle Erde zu entdecken, denn ich bin sicher, dass es jede wert ist entdeckt zu werden. Aber dazu ist die Welt zu voll mit Gefahren. Dafür ist sie mit Mangel bestückt, damit unsere Wege begrenzt bleiben und wir nicht frei, wie Wolken hinziehen können, wohin der Wind uns treibt.
Es gibt auf der Anhöhe die ich besuche, eine kleine Lichtung, von der ich einen wundervollen Ausblick habe. Eine Senke inmitten von Felsen, auf denen die Bäume keinen Halt finden und deshalb nicht so dicht beieinanderstehen, wie überall sonst. Der Ort scheint, wie geschaffen, um zu ruhen. Der freiliegende Fels, auf dem nur etwas Moos Halt findet, ist wie ein Stück nackte Menschenhaut, als könnte ich die Erde dort unverhüllt sehen. So als würde sie mich in ihr Inneres sehen lassen.
Es gibt dort, neben dem nackten Fels, der dunkel und sehr fest ist, auch weiches Gestein, mit dem ich, mein Dach gedeckt habe. Außerdem loses Gestein. Wenn es nicht zu kalt ist, suche ich mir manchmal ein paar Steine, in der Hoffnung etwas in ihnen lesen zu können. Das gelingt mir nie. Ich spüre nur, dass die Steine etwas sehr Altes sind, etwas was schon sehr lange auf der Welt ist und vielleicht ihren Anfang gebildet haben mag. Und jedem Stein, dass spüre ich, wohnt eine Seele inne oder nur ein Gedanke.
Die schönsten nehme ich mir, mit nach Hause und lege sie aufs Fensterbrett, vielleicht bringen sie mir Schutz, vielleicht sehen sie einfach nur hübsch aus.
Von der Wanderung gestern habe ich einen pechschwarzen, glatten, runden Stein mitgebracht. Den ganzen Morgen habe ich einen Platz für ihn gesucht und eben grade einen entdeckt, über dem Eingang zu meiner Hütte, fand sich im Mörtel eine Lücke die den Stein hält. Möge er mein Heim gut beschützen, denn mehr habe ich nicht.

6.
Wenn nachts, draußen der Wind pfeift, dann sitze ich manchmal im Licht meiner flackernden Öllampe und wünsche mir etwas, von dem geschöpften Papier, welches ich im Sommer, bei einem fahrenden Händler gesehen habe. Dazu etwas Tusche, eine Feder wüsste ich mir selbst zu schnitzen, um meine Gedanken in solchen Nächten festzuhalten.
Denn, wenn mich etwas die Einsamkeit fühlen lässt, dann sind es die nächtlichen Stürme, die um mein Dach rasen, wie die wilde Jagd. Nicht, dass ich Angst bekäme, aber seit ich ein Kind bin, fühle ich mit dem Wind, fühle ich mit den Winden, denn es geht mir mit den sanften im Sommer nicht anders, als mit den wilden im Herbst und Winter.
Sehnsucht ist der Geist des Windes, davon bin ich überzeugt: heimatlos und unstet ist sein Wesen und, wenn er milde ist, dann ist er es, wie ein Leidender, der einen Weinenden sieht und um dessen Tränen weiß.
Doch Papier und Tusche und eine Feder würden mir nicht viel nutzen, da ich nicht schreiben kann.
Mein Vater war dagegen, dass ich, wie die anderen Bauernkinder, ins Dorf zur Schule ging, um es zu lernen. Er brauchte mich für die Ernte, er brauchte mich für die Schafe, er brauchte mich, um die Fische zu räuchern, das Heu zu stapeln, das Getreide zu mahlen. Ich werfe es ihm nicht vor. Vieles habe ich gelernt unter seinem strengen Kommando, vieles, was mich die Schule nie gelehrt hätte. Denn, wenn ich hier draußen mein Leben friste, wie ich es zu fristen vermag, dann sind es die Lehren meines Vaters, die mir dabei helfen und es würden Papier und Tinte mich nicht satt machen. Aber mein Kopf, mein manchmal viel zu voller Kopf, dem die Geister des Windes ihre Geschichten erzählen, der wäre froh, wenn er sich entleeren dürfte.
Dass ich mir selbst meine Geschichten erzähle, hilft dabei wenig, weil nichts bleibt. Ich fühle manchmal so tiefe Liebe zur Welt und ihren Erscheinungen, dass ich das gern für andere festhalten würde. Auch, wenn ich weiß, dass die Liebe nie zu lehren ist, sondern von jedem selbst gefunden und erlebt werden muss.
Aber die Flammen der Erkenntnis, vertreiben die Bestien der Dunkelheit und so würde es manchmal einen geben, dem mein Wort eine Hilfe ist, in seiner Dunkelheit.
Da geht es mir, wie dem Wind, der unsichtbar, doch spürbar, über die Welt wandert, der die Wolken schiebt, die Blätter von den Ästen nimmt, mit den Vögeln spielt und den Geist des Menschen klärt, dass nichts von ihm bleibt, wenn er weitergezogen ist.

7.
In der Einsamkeit habe ich mich gefunden. Die Einsamkeit ist, wie nackt werden. Die Scham vor Blicken führt dazu, dass wir unsere Seele verkleiden, wie wir unseren Leib verhüllen. Wenn wir diese Kleidung nicht benötigen, weil kein Blick schadet oder etwas entblößt, was wir nicht preisgeben wollen, dann werden wir frei. Dann werden wir zu dem was wir sind und das ist schöner, als es jede Verstellung ist.
So bin ich jetzt, wie die Bäume, um dieses Jahr sind, ohne Laub. Man sieht Äste und Stamm, man kann die Furchen der Rinde sehen und, wo ein Sturm schon Äste brach. Ich muss das nicht verbergen, weil ich allein im weiten Feld stehe. Und, wenn doch mal wer vorbeikommt, dann ist der vorübergleitende Blick so flüchtig, dass ich mich nicht kümmern muss.
Die Menschen dieser Epoche haben keine Zeit zum Betrachten. Sie müssen besitzen und das treibt sie unentwegt. Es gibt diese gierigen Epochen, in denen alle nur ernten wollen, aber niemand will säen und Aufzucht treiben, geduldig und weise. Und diese Zeiten, sie enden alle in der gleichen Art: mit fetten Bäuchen für die einen und leeren Feldern für die anderen, mit Hunger in den Straßen und heimlichen Vorratskammern, mit Krieg und Elend und Hass und Neid. Sie sind schlimm, sehr schlimm diese Zeiten, wie der Winter eine schlimme Zeit sein kann, wenn man dumm und blind im Sommer war. Aber der Winter geht vorüber. Deshalb sorge ich mich nicht.
Ich habe Zeit.
Manchmal bleibe ich stehen, auf meinen Wanderungen durch die Wälder und schaue eine Weile dem Wachstum der Bäume zu. Die meisten behaupten: man kann es nicht sehen. Aber sehen ist eine Frage der Kraft und der Liebe. Kraft ermüdet nicht schnell und Liebe hält das Herz frei. Also stehe ich und schaue und warte und, selbst, wenn nur ein Blatt fällt, spürt man etwas vom Werden des Baumes.
Wenn man zu hören versteht, wenn man begreift, wie beseelt die Welt ist, erhält alles eine Stimme. Deshalb flüstert mir das Riedgras und die Bäume rufen mir knackend ihre Warnung zu. Die Blumen kitzeln meine Nase und die Dornen lehren mich vorsichtig zu sein. Ich gehe durch eine Welt die mich lehrt und mich beschenkt, die mich rätseln lässt und belohnt, wenn ich den Apfel vom Stechapfel zu unterscheiden weiß, wenn ich weiß, was mir die Eibe schenkt und womit sie mich tötet.
In dieser Welt in der alle Dinge Geist besitzen, sehen mir alle Dinge auf den Grund und keines will mich anders als ich bin.

8.
Ich fühle mich wohl, am Rand der Welt und ganz vergessen, von dieser zu lauten Menschenart.
Ich würde nur gerne etwas hinterlassen, was die tröstet die scheitern, an dieser Welt und denken, sie würden etwas falsch machen. In dieser falschen Welt kann man nichts richtig machen!
Manchmal denke ich, das ist das Grenzland, zwischen dem Land der Lebenden und dem der Geister und, wenn ich nur wagen würde in die Dörfer zu gehen und den See zu überqueren und die Berge zu besteigen, dann würde ich auf der anderen Seite der Berge, im Land der Lebenden ankommen, das bunt und duftend und voller Licht und Wohlklang ist.
Es wäre nicht, wie die Dörfer sind: eng in den Hütten und Köpfen. Es wäre aber auch nicht, wie es hier zwischen Wald und Nebel ist: still und schwebend. Es wäre warm, wie ein Feuer im Kamin, klug, wie ein Berg, nährend, wie ein Fluss und rein, wie Morgenluft. Die Menschen dort lachen und reden und, wenn sie reden entsteht jedes Mal etwas Neues und Gutes, das allen hilft und ihr Leben besser macht. Miteinander würden sie leben diese Menschen, weil sie wissen, dass sie nacheinander auch wieder abtreten müssen von dieser Welt, deren Glück davon abhängt, ob sie sich Liebe schenken. Aber ich werde es nie erfahren, ob es diese Welt dort gibt, weil ich hier, im Land der Geister sicher bin, fern den Städten, fern dem Lärm.
Wenn ich Glück habe, dann ist es, mit dem Mensch, wie mit dem Schmetterling und, wie dort der schöne Falter sich aus der hässlichen Larve entwickelt, entwickelt sich im Menschen der Geist. Er ist nicht in ihm, wenn er geboren wird, sondern wächst dort heran und der Leib ist nur die Hülle, für dieses Werden und Umwandeln und, wenn der Mensch stirbt, wird er erst geboren und streift die Leiblichkeit ab und wandelt, verstehender, wissender durch die Welt und redet mit den Elementen und Steinen und Pflanzen und Tieren in ihrer Sprache, befreit von diesem Körper der Krieg führt, aus Sehnsucht nach Sattheit und Sicherheit.
Von diesem Leben im Richtigen, träume ich manchmal, wenn auf den Nebel der Schnee folgt und so viel davon fällt, dass ich aus meiner Hütte kaum mehr einen Weg bahnen kann und mein Dach so voll liegt, dass mir der schmelzende Schnee in die Hütte tropft, wenn das Riedgras unter dem Druck nachzugeben droht. Dann bin ich froh, um das Holz das mich warm hält, meine Essensvorräte in der Kammer, die Minze die ich mir mit Wasser aufkoche und den Kater, der nicht von meiner Seite weicht, ehe es taut und wir die Hütte wieder verlassen, wie ein Kind den Mutterleib: unberührt, wie eine Schneelandschaft in die noch kein Fuß gesetzt wurde, rein, wie die Luft, die man am Morgen atmet, voller Neugierde auf diese Welt, die man ab diesem Moment, neu zu entdecken beginnt.

Ende