Paddel (Kurzgeschichte)

1. Die Sache mit der Arbeit

Ich war ja arbeitslos, deshalb hatte ich keine Wahl, als mir der Jobvermittler, die Stelle vorschlug. Er drohte mir mit Kürzung meiner Leistungen, für den Fall, dass ich ablehnen sollte. Meine fehlenden Qualifikationen würden mich schwer vermittelbar machen. Ich solle froh sein, wenn er etwas gefunden hätte.
Er war Beamter und würde sich nie mehr die Mühe machen müssen, Arbeit zu finden. So, wie er sich keine Mühe mit mir machte oder damit sich zu rasieren oder damit sich die Haare zu waschen. Er saß bequem in seinem Bürosessel und herrschte über ein Heer Arbeitsunwilliger, die seinen Arbeitswillen untergruben.
Ich fand, ich tat gut daran, ihn nicht merken zu lassen, dass ich das wusste.
„Ich weiß, wie der Laden hier läuft.“ Erklärte er mir. „Ich bin seit zwanzig Jahren dabei. Es gibt diese Erwerbsbiografien“, er sah mich tadelnd an, „da ist der Ofen aus. Da können wir nahtlos vom Kindergeld oder von Bafög zur Frühberentung übergehen. Aber bei Ihnen muss noch mal ein bisschen Qualm in den Ofen, vielleicht geht das Feuer ja an.“
Ich nickte lustlos und, wenn ich es auch in diesem Moment nicht begriff, will ich nachträglich zugeben, dass mich die Stelle insgeheim reizte.
„Was muss ich jetzt tun?“
„Ich habe mit Ihrem möglichen Arbeitgeber telefoniert. Die wollen Sie, natürlich zuvor noch mal sehen, um sich ein eigenes Bild zu machen. Sie haben morgen ein Vorstellungsgespräch. Kann ich davon ausgehen, dass Sie das wahrnehmen. Auf die Kürzung des Leistungsbezuges verweise ich gerne nochmals.“
„Morgen schon.“ Rutschte es mir raus. „Okay. Das ist früh. Ich muss überlegen, ob ich Termine habe.“
„Haben Sie nicht.“
Mein Sachbearbeiter schien langsam ernsthaft wütend zu werden. War ja auch kein Wunder. Wenn jemand die nächsten zwanzig Jahre, in diesem Büro verbringen musste und schon zwanzig hinter sich hatte: gleicher Schreibtisch, Aktenstapel links, Postablagefächer rechts, graue Wände, große Fenster mit dem Blick auf nackte Dächer und grauen Himmel, ein Bild der Familie, neben dem Stiftehalter und im Stiftehalter zwanzig verschiedene Sorten Stifte, war man verständlicherweise irgendwann nicht mehr geduldig und einfühlend, sondern eher, wie so eine Legehenne in der Legebatterie: man gackerte und legte sein Ei nach Vorschrift.
„Habe ich vermutlich nicht.“ Gab ich zu und geriet kurz ins Grübeln, weshalb ich eigentlich nie Termine hatte, außer beim Amt und weshalb er dies so sicher wusste.
„Die Adresse haben Sie?“
Ich hielt einen kleinen Zettel hoch.
„Ja, habe ich.“
„Dann viel Erfolg!“
Ich erhob mich, sagte Danke und ging.
Zuhause angekommen setzte ich mich aufs Sofa, holte den Zettel heraus und starrte auf die Adresse und meinen möglichen zukünftigen Arbeitgeber.
Scheiße! Dachte ich. Das kann nicht gut gehen.
Ich sah mich in meinem kleinen Ein-Zimmer-Apartment um, in dem mir nichts gehört, außer den beweglichen Teilen: meine Kleider und die Lebensmittel. Eine echte Perspektive ist das auch nicht, dachte ich. Ich war 25, vor mir schlossen sich reihenweise die Chancen auf unterschiedliche Lebenswege. Für Frauen war ich uninteressant: erfolglos, bettelarm und perspektivlos. Meine Kumpels schlugen zwei Wege ein: beruflich langsam auf Kurs oder betäubungsmitteltechnisch auf dem „Highway to hell“ und seit dem Tod meines Vaters, vor einem Jahr, bestand meine gesamte Verwandtschaft aus mir selbst. Wenn jemals der Strom ausfiel und weder meine Playstation, mein Fernseher noch mein Pc mich funktionswillig unterhalten würden, wäre der Abgrund bodenlos, in den ich dann blicken musste.
Ich legte den Zettel neben mich auf das Sofa und die Füße vor mir auf den Tisch, schloss die Augen und entschied, das erst mal setzen zu lassen.

2. Herr Orlowski

Es war ein Mittwoch. Ich hatte schlecht geschlafen, schaffte es aber bis kurz 11.00 vor Ort zu sein, um nicht zu spät zum Bewerbungsgespräch zu kommen. Der Laden lag an der Ecke Potsdamerstraße – Kürfürstenstraße in der Nähe vom Bahnhof. So eine dieser quirligen Ecken Berlins, wo Straßen und Häuser so alt sind, dass die Erde darunter vergessen hat, dass hier jemals Pflanzen wuchsen.
Ich mag das ja. Ich könnte nie auf dem Land leben, weil ich nicht den Eindruck habe, dass es die Natur mit uns Menschen besonders gut meint. Ich mag nachts lieber Licht, als mit dem Vollmond auskommen zu müssen, lieber einen Supermarkt, als mir alles selbst vom Baum zu pflücken oder aus Zitzen zu pressen oder die Unterhaltung an der PS4 ist mir lieber, als die Jagd auf einen Säbelzahntiger. Ich schlenderte am Rossman und am Yilmaz Döner vorbei zum Eingang des Ladens, der künftig meine Arbeitsstelle werden sollte.
Über dem Eingang hing ein breites Schild „Lovestory“.
Ich gebe zu, niemals zuvor einen Erotikladen betreten zu haben. Nicht dass ich die Existenz des Angebotes rundweg ablehnen würde, aber ich nehme eine gewisse natürliche Schamhaftigkeit in Anspruch, die bislang verhindert hatte, dass ich vor diesem Vorstellungsgespräch, einen Sex-Shop betreten hätte.
Das wäre als Training gut gewesen. Denn kaum war ich drin, wusste ich nicht, wohin ich sehen sollte. Mir fielen Dinge ins Auge, die mir bekannt waren und mich peinlich interessierten, bizarr übersteigert waren oder, von denen ich erst nicht verstand, was sie darstellen sollten, bis ich es verstand und hoffte niemand bemerkte, was mir gerade durch den Kopf ging.
Vielleicht war es die falsche Zeit oder der Laden stand vor der Pleite, jedenfalls, war ich, im mir einsehbaren Bereich allein.
Es dauerte nicht lange, ehe ein untersetzter Typ auf mich zukam, mit breitem Schnauzer, fetter Plauze und ungewaschenem Haarkranz, der mich musterte, ob ich Kunde oder Kandidat sei.
„Sie da!“ Rief er. „Haben wir Termin?“
Ich nickte.
Er kam näher.
„Willkommen im Lovestory. Mein Name ist Orlowski, ich bin der Chef hier. Meine Freunde dürfen mich Orle nennen, aber du nennst mich Herr Orlowski, ist das klar? Und ich will hören, wie du das R rollst, mein Junge.“
Ich nickte.
„Ja, Herr Orlowski.“
Ich sprach das Or wir Ohr aus und rollte das R übertrieben, dass es mich am Gaumen kitzelte.
„Komm wir gehen in mein Büro.“
Ich folgte dem Mann. In einen fensterlosen Raum, in dem nur ein Tisch stand und ein Metallschrank der fest verschlossen war.
„Setz dich!“
Er wies mir den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
„Und dich schickt das Amt?“
„Ja, Herr Orlowski.“
Das mit dem R wurde sicherer.
„Dann sag ich dir gleich mal was: Wenn du hier arbeiten willst, musst du auch was verkaufen. Verstehst de? Ich weiß, wie der Laden hier läuft. Ich bin seit zwanzig Jahren dabei.“
Ich meinte, das schon mal gehört zu haben. Kam aber gerade nicht drauf wo.
„Davon bin ich ja auch ausgegangen. Ich frag mich nur, ob ich die Qualifikation?“
„Natürlich hast du die Quali-Dings-Bums. Allein, weil du schon so ein Wort kennst. Du musst eh nicht reden. Zu viel reden ist sogar schlecht. Speziell bei den Männern, die kommen hier rein, wie Diebe in der Nacht, kaufen sich ihren Spaßbereiter und weiter gehts. Es sind eher die Frauen die sich Beratung wünschen.“
Ein Playboy-Kalender an der Wand fiel mir auf und ich wunderte mich, ob der das fehlende Fenster ersetzen sollte. Weiter zum Denken kam ich nicht.
„Dann kannst de Morgen anfangen. Ich fahr nämlich in Urlaub und jemand muss hier aufpassen, dass mir die Kunden nicht weglaufen. Gibt genug solcher Läden und was das Internet für einen Schaden anrichtet, willst de gar nicht wissen.“
„Morgen schon.“ Sagte ich und fand keine gute Ausrede. „Am 20. mitten im Monat?“
„Ja und, weil es mir wichtig ist, zahle ich dir diesen Monat ganz. Verstehst de? 10 Tage arbeiten, 30 Tage bezahlt bekommen. Ist das ein Deal?“
Ich fand schon.
„Ja, wenn das so ist.“
„Sauber mein Junge, weil wir hier kein Slow-Bakery sind: Hand drauf! Morgen früh zeig ich dir noch zwei Stunden den Laden und um 14.00 geht mein Flieger nach Mauritius.“
Orlowskis Pranke packte meine Hand, wie ein Krokodil ein Kaninchen und nach zwei Jahren hatte ich meinen ersten Job.

3. Warenkunde

„Da drüben sind die Dildos. Das ist der Kassenschlager.“
Ich folgte mit müdem Blick Herrn Orlowskis ausgestrecktem Arm, der auf eine Wand deutete, an der mehrere Regale sich aneinanderreihten und vor denen einige Verkaufstische standen. Alle mit dem gleichen Grundprodukt bestückt, aber mit einer Formen- und Farbenvielfalt, wie sie nicht mal Rosenzüchter oder Orchideenliebhaber erreicht hätten.
„Komm wir gehen da mal näher hin.“
Ich sträubte mich. Es war kurz nach acht Uhr. Ich hatte außer einem Kaffee nichts gefrühstückt und der Anblick der „Phalanten“ wie ich die Teile mal nannte, um einen gewissen intellektuellen Abstand zu ihnen zu gewinnen, bereitete mir eine gewisse Übelkeit. Ich sah mich eines der Dinger aus dem Regal nehmen und einer Kundin hinhalten, um ihr die Vorzüge zu erklären, die das gewählte Modell hatte und wurde schon rot, nur bei der gedanklichen Suche nach dem ersten passenden Satz. „Damit werden Sie…“, „Haben sie schon jemals …“, „Und sie müssen erst mal …“. Nein, nein, nein, das war alles übel.
Meine Not wurde so groß, dass ich anfing nachzurechnen, wie ich die nächsten Monate bei Kürzung der Bezüge zu recht käme.
„Hörst du mir eigentlich zu“ Pflaumte mich Orlowski an.
Und ich nickte, obwohl ich seine Frage, eigentlich verneinen wollte.
„Na, das kann ja heiter werden.“ Maulte er. „Also ich wiederhole es dir noch einmal: Hier sind die Dildos und die Dinger, die Männer für ihre Angelegenheiten benutzen: Masturbatoren. Gab wohl kein schöneres Wort. Das machen wir alles in offener Auslage. Ebenso, wie die Reizwäsche, die du da hinten, in der Ecke für Paare findest. Auf der Seite findest du Liebespuppen und sonstiges Fetisch-Material. Aber kein Lack-/Lederzeugs, keine Handschellen und ähnliches, das haben wir dahinten, hinter dem Raumteiler. Das siehst du dir später allein an. Ich muss jetzt langsam los, mein Flieger wartetet nicht. Hast du noch Fragen?“
Ich hätte: Ja! sagen sollen. Ich hätte mich für unfähig erklären sollen, einen solchen Laden zu beaufsichtigen. Aber ich war wie blockiert. Ich befürchtete von Orlowski eine Tracht Prügel und ich rang mit einem Gedanken, bis aufs Blut. Er war, wie ein Dämon, wie das Abgrundböse meines Selbst: Vielleicht würde ich ja hier die Frau finden, nach der ich schon immer gesucht hatte: eine Frau die meine Interessen teilte, vordergründig die sexuellen.
„Nein. Ich denke, das schaffe ich.“
Der Dämon saß auf mir und spuckte mir höhnisch ins Gesicht.
„Das will ich mal hoffen, mein Junge, das will ich hoffen. Die Kameras da oben.“ Er zeigte in vier Richtungen. „Die zeichnen vierzehn Tage lang alles auf, was du hier treibst. Hast de mich verstanden.“
„Klar.“ Ich sah mir die Kameras eine nach der anderen andächtig an, wie Fenstermalerein in einer Kirche.
Orlowski ging.
Ich war allein. Es war noch nicht mal neun und ich hoffte, es gäbe nicht Kunden die jetzt schon auf Ideen kamen. Ich band mir die langen Haare nach hinten und entschied mir erstmal einen Überblick zu verschaffen. Am besten fing ich dort an, wo Orlowski mich nicht hingeführt hatte. Ich ging zu Lack und Leder. Von Fesseln über Beißgeschirr, Masken bis hin zu Streckbänken gab es hier alles, was im Mittelalter erfunden, durch sexuelle Konditionierung weitergegeben und jetzt zum neuen Livestyle entwickelt worden war. Am faszinierendsten fand ich eine Auswahl an Schlaggeräten, die sich Paddel nannten, die es in allen Größen und zum Teil mit Nieten besetzt gab. Es war mir nicht klar, wer sich so etwas antat, aber die Fülle an Formen und Größen, ließ mich ahnen, dass es dafür einen Markt gab.
Ich berührte nichts. Ich hatte das Gefühl: berühren ist ansteckend, lass die Finger davon. Geh aus dieser Ecke und fühl dich bei den Dildos und Masturbatoren fast schon wieder normal.
Dann geschah wovon ich gehofft hatte, dass es erst viel später geschehen würde: die Eintrittsglocke der Tür ging. Kundschaft kam …

4. Die Kundin ist komisch

Ich war noch schnell genug, um mich hinter den Raumteiler zurückzuziehen, hinter dem sich die BDSM-Ecke verbarg. Lass die doch erstmal ankommen und sich umsehen, dachte ich mir und bückte mich so, dass es aussah, als würde ich eines der Regale unten einräumen.
Herein kam eine junge Frau, die sich hektisch umsah. Nicht, als würde sie einen bestimmten Artikel suchen, sondern als hielte sie Ausschau nach einem Mitarbeiter. Da ich mich täuschen konnte, wartete ich und beobachtete sie.
Sie war hübsch, verdammt hübsch. Etwas heruntergekommen, aber hübsch. Sie trug löchrige, schwarze Strumpfhosen unter einem kurzen, schwarzen Rock und eine weiße Bluse, die nur das Nötigste verbarg. Auf die Schultern fielen ihr lange, dunkle, hoch toupierte Haare, die etwas verfranzt aussahen. Ihr Look erinnerte mich an das Cover einer CD, die meine Mum oft gehört hatte. Ein Lied darauf hieß: „Material Girl“.
Bei sich trug sie einen Koffer, eher eine Tasche mit Klappschnallen und schwarzen Riemen. Wo hatte ich so was schon gesehen? Es fiel mir nicht ein. Doch! Es sah aus, wie eine Arzttasche. Wo hatte ich die gesehen? Es fiel mir nicht ein. Moment. Bei „Der Doktor und das liebe Vieh.“ Eine uralte Serie die ich zufällig auf Youtube entdeckt hatte.
Die Klingel an der Tür ging erneut. Das war ja ein echter Massenansturm. Was trieben denn die Leute alle nach dem Frühstück? Herein kam ein Kerl, neben dem Orlowski, wie ein Würstchen ausgesehen hätte: Glatze, Tattoos im Gesicht, als wäre es ein Maori, Arme wie Mike Tyson und ein Oberkörper, wie Dwayne Johnson. Der Kerl warf einen Blick in den Laden und entdeckte die junge Frau die vor ihm hereingekommen war.
„Da bist du ja!“ Schrie er höhnisch. „Dachtest du, du könntest dich verstecken?“
Okay, dachte ich, das fängt ja gut an. Entweder bei denen liegt gehörig Ärger in der Luft oder die gehörten beide in die Ecke, in der ich mich gerade versteckte.
„Wie kommst du darauf. Ich wollte nur kurz etwas für uns shoppen.“ Sie lächelte herausfordernd. „Für heute Abend.“
„Mit meiner Tasche?“
„Ach die ist dir?“
Er kam auf sie zu und sie wich in Richtung meiner Ecke zurück.
„Spiel keines deiner Spiele. Das macht den Ärger für dich nur größer. Gib mir die Tasche und deine Prügel fällt angenehmer für dich aus.“
„Das wirst du dich nicht wagen.“
Aber er würde, wusste ich. Er war jetzt nah genug, um sie am Arm zu packen. Sie versuchte sich zu wehren. Aber der Kerl war einen Kopf größer und vermutlich 100 Kilo schwerer.
Er zerrte sie zu sich und, als sie ihn zu beißen versuchte, packte er sie an den Haaren und zerrte daran, bis sie den Kopf in den Nacken legte.
Sie fauchte und versuchte sich wegzubewegen. Um ihrer Bewegung zu folgen, drehte der Kerl mir den Rücken zu.
Während ich den Vorgang beobachtete, fiel mir ein Gegenstand, in dem Regal vor mir ins Auge: ein Paddel. Es war schwarz, mit Nieten besetzt und ähnelte in der Größe einem Tennisschläger. Ich griff danach und war überrascht, wie schwer es in der Hand lag.
„Lass mich los!“ Schrie sie. „Hilfe! Hilfe!“
„Du Miststück, jetzt dreh ich dir den Hals rum.“
Jetzt oder nie, dachte ich und tauchte aus meiner Deckung auf. Die beiden war so innig miteinander beschäftigt, dass sie mich nicht bemerkten.
Ich holte aus und schwang mit aller Wucht das Paddel auf den Hinterkopf des Zuhältertypen vor mir.
Es war ein heftiges – wie soll ich es nennen? Bamm-Klatsch!
Der Typ ließ die Frau los, torkelte nach vorne, versuchte die Arme zum Hinterkopf zu reißen, stürzte aber so ungebremst gegen eine Tischkante, dass er dort bewusstlos zu Boden sank.
Die Hübsche, sah mich entsetzt an.
„Was zur Hölle hast du getan?“
„Dir geholfen.“
„Du hast mir nicht geholfen, du hast uns beide umgebracht!“
Ich schluckte, aber meine Kehle war zu trocken dafür.

5. Wann geht der nächste Zug

Die hat Temperament, dachte ich. Fand es aber besser, das nicht zu sagen.
Sie ging zu dem Bewusstlosen, kniete sich und vergewisserte sich, dass er noch im Land der Paddelträume war.
„Ist er tot?“ Fragte ich unsicher.
„Nein, leider nicht.“ Erwiderte sie kalt und sah sich um, als würde irgendwo auf dem Boden ein Zettel liegen, was sie als nächstes tun sollte.
Der Bewusstlose brummte.
Sie schnellte hoch, wie ein Bungee-Jumper, wenn das Seil das Ende erreicht. Sie ergriff die Tasche neben sich.
„Los! Raus hier!“ Schnauzte sie mich an. „Wenn Oleg aufwacht und wir noch hier sind, sind wir tot.“
Ich fand, sie sah das etwas zu dramatisch.
„Aber ich kann doch die Polizei rufen. Das war ein Überfall. Also ein Übergriff auf dich.“
Ich wurde unsicher, ob ich sie siezen sollte. Sie war das nicht.
„Die Bullen kannst du dir schenken! Die stehen alle auf seiner Gehaltsliste. Aber mir scheißegal. Dann bleib halt hier, wenn er dir die Knochen brechen soll.“
Ich dachte an Orlowski, der mir die Knochen brechen würde, wenn ich ging – und dabei würden mir auch die Kameras nicht helfen, die alles aufgezeichnet hatten, der Kapitän ging nicht von Bord. Dann sah ich auf Oleg, der sie mir brach, wenn ich blieb. Orlowski war auf Mauritius, bedeutet, ich hatte mehr Zeit zur Flucht.
„Also?“
„Okay.“ Sagte ich und folgte ihr.
Sie drängte uns nach draußen auf die Straße, wo uns ein munterer Diesel geschwängerten Oktobermorgen empfing.
„Los da rüber zur U-Bahn.“
Ich folgte, wie das Kind der Mutter und sie achtete nicht darauf, ob ich beim Überqueren der Straße überfahren wurde, wie die handysüchtige Mutter des Kindes. Dennoch erreichten wir unbeschadet die Haltestellen.
„Weißt du welche Verbindung zum Hauptbahnhof geht?“
Ich sah sie an, sah ihren hübschen Augen, sah auf die geheimnisvolle Tasche und lächelte.
Sie lächelte nicht.
„Na, weißt du es?“
Also, lieb konnte man zu ihr nicht sein, dachte ich.
„Also mit der U-Bahn kommen wir nicht direkt zum Bahnhof. Aber mit dem Bus. Der M85, um 10.12 müsste passen.“
Sie sah auf ihr Handy.
„Gut es ist 10.09. Dann nehmen wir den.“
Ich sah zum Eingang des „Lovestory“. Oleg wankte heraus. Mit schmerzverzerrtem, wütendem Gesicht, sein Blick ratterte über die Umgebung.
„Da!“ Sagte ich.
„Scheiße!“ Sagte sie.
Oleg entdeckte uns, sagte auch etwas, was wir aber, durch den Verkehrslärm, nicht verstanden.
Die Ampel schaltete auf Grün und vermutlich rettet uns das das Leben. Während der M85 in die Haltebucht einbog, startete eine Blechlawine ihren Strom durch die Kurfürstenstraße. Olegs Kopf reckte sich über PKWs und verschwand hinter LKWs und wir verschwanden im M85, der in dem Augenblick losfuhr, als Oleg die Chance hatte uns zu folgen.
Wir drängten uns zu einer Haltestange und versuchten den Fahrmanövern des Busfahrers zu trotzen, wie Surfer den Wellen.
„Wie heißt du eigentlich?“
„Karla.“
Ich wartete einen Moment auf die Gegenfrage, aber die blieb aus.
„Mein Name ist Mike.“
„So.“
„Ja. Also eigentlich Michael.“
Sie schwieg und sah nicht zu mir herüber, sondern schien damit beschäftigt, auf ihrem Handydisplay, in einem Zug das gesamte Internet zu lesen.
„Wo sollen wir jetzt hin?“
Karla sah mich genervt hat.
„Das kann ich rausfinden, wenn du mich nicht störst.“

6. Falls die Polizei ermittelt

Wir trieben durch den Bahnhof, wie zwei Blätter auf einem großen Strom und mir wurde einschneidend bewusst, dass ich nichts bei mir hatte, außer meinen Kleider und zwanzig Euro. Ich dachte an meinen Sachbearbeiter und hörte „Kürzung Leistungsbezug“ und in meiner Adrenalin gepuschten Fantasie verwandelte sich der Mann in einen kantigen General und brüllte mich an: „Wegen unerlaubtem Entfernen von der Truppe!“.
Karla zerrte an mir. Ich sah sie an und hatte Schmetterlinge im Bauch, die waren einfach da.
„Mann! Markus!“
„Mike.“
„Meinetwegen, bist du bekifft oder was? Du läufst rum, als würdest du nen Film schieben.“
„Ne“, sagte ich. „Ich habe nur nachgedacht, weil ich rein gar nichts dabei habe und mich mein neuer Chef vierteilen wird.“
„Nichts ist schlimmer, als was Oleg mit dir machen würde. Hör zu: Wir fahren jetzt nach Greifswald.“
„Wo-?“
„Klappe halten! Da wohnt meine Mutter. Dir wird sich um dich kümmern, während ich weiterziehe. Bei ihr schläfste drei Nächte und dann kannst de wieder Heim fahren.“
„Aber ich will nicht nach Greifswald. Ich kann gar kein Ticket zahlen.“
„Das zahle ich, weil du mir geholfen hast.“
„Wirklich nett von dir. Aber-„.
„Kein Aber! Da vorne ist der Geldautomat. Wir holen jetzt Tickets und dann heißt es abtauchen.“
„Dein Kumpel wird ja nicht überall Helfer haben.“
Sie blieb stehen und sah mich fassungslos an.
„Mann bist du naiv! Falls die Polizei ermittelt.“
„Aber warum sollten die?“
„Wegen deiner Körperverletzung.“
„Aber ich habe dich doch nur verteidigt.“
„Oleg weiß das so zu drehen, dass seine Kumpels von der Streife an eine Anzeige aufnehmen. Dann bist du zur Fahndung ausgeschrieben und wirst nicht in einem fairen Verfahren freigesprochen, sondern verschwindest im Wald unter Moos.“
Ich schluckte und beschloss Karla vorerst zu folgen.
Wir gingen zu dem Automaten hinüber. Sie zerrte aus einer Seitentasche, der Tasche die sie bei sich trug, eine Handvoll Geldscheine.
„Gib Greifswald ein!“ Befahl sie mir und ich gehorchte. Ich sah das Moos vor mir über dem ein Käfer krabbelte und auf einem Ast darüber pfiff ein Vogel sein Abendlied. Es war besser ich machte was Karla wollte.
Der Preis für die Tickets wurde angezeigt und Karla schob das Geld in den dafür vorgesehenen Schlitz. Das Gerät ratterte freundlich und spuckte unser Ticket aus.
„So Abmarsch zu Gleis 6.“
Ich hatte ein Wortspiel auf der Zunge, welches mich vermutlich das Leben gekostet hätte. Deshalb schwieg ich.
Wir konnten direkt einsteigen, da der Regionalexpress bereits bereitstand.
Wir suchten ein Abteil und Karla warf sich in den Sitz, wie ein Teenager, der fest überzeugt ist, bald die Welt zu regieren, weil er am Mittag die Hausaufgaben nicht machen wird. Die Tasche schob sie unter den Sitz. Ich setzte mich ihr gegenüber, weil ich auch einen Platz am Fenster wollte.
Ich sah zu ihr rüber. Sie funkelte mich, mit zornigen Augen, böse an und ich kann nicht erklären wieso, aber ihre Augen wirkten, als sei sie verliebt in mich. Hinter all dem Gift und der Bosheit, der gespielten Abscheu und offenen Kälte glimmte ein zartes Feuerchen. Mir war klar, dass in meiner Zuneigung, etwas zutiefst Unvernünftiges steckte. Ich hatte dazu noch keine Worte gefunden, weil es schlicht eine Veränderung meines körperlichen Zustandes bedeutete, in ihrer Nähe zu sein. Es war nicht Begehren, alle meine Zellen waren glücklich neben ihr. Aber nüchtern betrachtet, konnte das nicht gut sein.
Der Zug ruckte los und löschte den Moment.
Ich blickte auf die Bahnhofsuhr.
„He! Wir starten pünktlich.“
„Ist das ein Fest?“
Ein bisschen schon, dachte ich.
Die Regional-Bahn quälte sich durch den Berliner Norden und wir kamen an einer riesigen Baustelle vorbei, deren trostlose Leere, durch die dürren Krananlagen kein bisschen aufgeheitert wurde. Ich malte mir aus, wie mittlerweile das gesamte Gebiet um das „Lovestory“ abgeriegelt waren und die Polizei die Arbeit aufnahm. Morgen würde die BZ titeln: „Ermittlung in Sachen Prostitution und Mord“ und auf einem Bild der Überwachungskameras aus dem „Lovestory“, würde mein Konterfei erscheinen.
Ich sah wieder zu Karla, die nachdenklich zum Fenster hinausblickte und wunderschön dabei aussah.
Ich hatte sie gerettet. Mein Herz klopfte zufrieden.

7. Milchpulver ist das nicht

Karla lief vor der Haustür auf und ab, wie jemand mit Harndrang vor belegten Toilettenhäuschen.
Ich fragte nichts, um mich nicht in Lebensgefahr zu bringen.
Sie murmelte etwas vor sich hin, sah nochmals alle Namensschilder eines nach dem anderen an und murmelte wieder.
Ich wartete, hier war jedes Wort die Flamme an der Lunte.
Schließlich blieb sie stehen.
„Komm!“
„Wohin?“
„Wir müssen uns was anderes suchen. Meine Mutter wohnt nicht mehr hier.“
„Du wusstest“.
Sie warf mir einen zornigen Blick zu und ich verstummte.
„Ich wusste es nicht. Nein, wir haben seit drei Jahren keinen Kontakt.“
„Aber sie sollte mich doch aufnehmen.“
Sie zuckte mit den Achseln, sprach aber nicht weiter. Sie lief einfach davon und ich beeilte mich sie einzuholen.
Wir liefen durch das schmucke Städtchen, das mich an alte Hansekultur erinnerte und auf einem großen Marktplatz einen großen Wochenmarkt anbot. Von dort liefen wir nördlich und kamen schließlich an einen Fluss.
„Wusste gar nicht, dass Greifswald am Fluss liegt.“
„Das ist die Ryck, die müssen wir entlang zum Bodden.“
„Zum Meer.“
„Wenn du so willst. Dort gibt es eine ordentlich Zahl Gartenlauben, die jetzt leer stehen. Dort werden wir übernachten.“
Dann sagte sie nichts mehr.
Wir folgten der Ryck entlang einem Feldweg der uns zwischen Wiesen und Riedgras führte und erreichten, nach etwa einer halben Stunde, eine Gartenlaubenkolonie, die wie Karla vermutet hatte, verlassen aussah. Sie suchte sich eines der Grundstücke, dass nur von einem niederen Zaun begrenzt war, schwang sich über den Zaun und zischte mich an: „Komm schon, ehe uns jemand sieht.“
Ich mühte mich über den Zaun und folgte ihr zu dem kleinen Gartenhäuschen.
Karla knackte die Tür, als hätte sie einen Schlüssel und verschwand rasch im Inneren. Ich musste mich beeilen, damit sie nicht die Tür vor mir schloss.
Die Hütte bestand nur aus einem Raum. Darin war ein Tisch, auf einem kleinen Teppich, eine Pritsche, eine Küchenzeile und ein Bollerofen, neben den Feuerholz und Papier zum anfeuern gestapelt war. Der Kühlschrank stand offen, um nicht im nächsten Frühjahr zu stinken.
Karla ging auf den Tisch zu, knallte die Tasche darauf und vergewisserte sich, das die Gardinen an den schmalen Fenstern geschlossen waren.
Ich war gespannt, wie am Heiligabend.
Sie öffnete die Schnallen und dann die Klappverschlüsse und holte fünf große Plastikbeutel aus der Tasche. Sie wog sie kurz in der Hand als wolle sie das Gewicht abschätzen.
Ich betrachtete das kritisch.
„Was ist das für ein Pulver?“
„Koks.“
„Bitte?“
„Kokain. 5 Kilo. Straßenverkaufswert eine halbe Million. Bingo mein Lieber, damit beginnt mein Leben in der Südsee.“
Okay, ich war also mit Bonnie unterwegs, aber ich war nicht länger bereit mich in meine Rolle als Clyde zu fügen.
„Wir sollten das zur Polizei bringen. Und zwar sofort! Oleg wird keine Verbindungen bis hier besitzen.“
Hätte ich das besser mal nicht gesagt.
Drohend kam sie auf mich zu und streckte mir ihre finstere Miene ins Gesicht.
„Niemand ruft hier die Polizei oder denkt an Oleg. Sobald ich das Geld habe, suche ich mir eine hübsche Insel und baue mir dort ein neues Leben auf.“
Nun, ich war nicht der Durchsetzungsfähigste, nicht sehr mutig und vermutlich viel zu naiv, aber so viel Stadt hatte ich in mir: um das Pulver in Geld zu verwandeln, musste man jemand kennen der es verkaufte.
Ich formulierte meine Frage so schlicht, wie möglich: „Kennst du in Greifswald viele, die das zu dem Preis für dich verchecken?“

8. Gehobene Literatur

Karla schwieg. Tatsächlich sagte sie kein Wort, nichts, keine Silbe, das war ungewöhnlich. Mein Magen knurrte und erinnerte uns an ein weiteres Problem.
„Muss man bestimmt grammweise verkaufen, damit der Preis stimmt.“ Ergänzte ich vorsichtig.
Sie ignorierte mich.
„Lass uns etwas essen.“ Sagte sie stattdessen und widerlegte mich damit.
Sie zog aus einer zweiten Tasche, neben der aus der sie das Geld geholt hatte, eine 6er-Packung Protein-Riegel.
„Die frisst Oleg, wie gestört. Manchmal 12 am Tag.“
Ich nickte.
Sie riss die Packung auf und warf mir einen Riegel herüber.
„Jetzt einen, heute Abend einen und morgen Früh einen. Dann gehen wir einkaufen.“
Ich öffnete den Riegel, bevor ich abbiss nickte ich ihr zu: „Danke!“
„Ist okay.“ Erklärte sie, aber ich sah ein zartes Lächeln über ihre Augen gleiten. Pochte da doch ein Herz in diesem zähen Wesen.
Ich kaute und fand die Riegel lecker. „Die sind gut.“
„Ja, bauen dir die Muckis auf, die dir fehlen.“
Ich nahm die Bemerkung sportlich und genoss den Riegel.
Dann schwiegen wir.
Sie sah immer mal wieder nach den Beuteln mit dem Koks, ohne eine Lösung zu finden und ich malte mir abwechseln aus, wie ich von meinem Sachbearbeiter, Herrn Orlowski oder Oleg ausgelöscht wurde. Per „Leistungskürzung“, per Schusswaffe oder mit bloßen Händen erwürgt. Im Kontrast wirkte Leistungskürzung mit einem mal angenehm.
Draußen verging den Tag. Ich kann nichts über ihn sagen. Vielleicht war er sonnig, vielleicht war ein ganz besonderer Duft in der Welt. Jedenfalls war er ziemlich kühl, wie man in dem kleinen Häuschen merkte, als die Sonne untergegangen war.
„Wir sollten Feuer machen.“ Schlug ich vor, weil ich sah das Karla, in ihren dünnen Kleidern bereits zittert.
„Könnte jemand merken.“
„Könnte jemand für den Besitzer halten.“
„Könnte jemand nachfragen.“
„Könnte zu unserer Flucht führen.“
Sie machte eine Bewegung, die mir sagte: Mach halt!
Ich stand auf und sah in einem Regal Streichhölzer.
„Ich helfe dir.“ Erklärte Karla und ging zu dem Stapel mit dem Holz und dem Anfeuermaterial. Sie begann Papier zu zerreißen.
Ich kam näher und sah, dass es sich um ein Buch handelte.
„Moment mal! Was machst du?“
„Papierbälle zum anfeuern.“
„Aber das ist doch ein Buch.“
„Lag beim Anfeuermaterial.“
„Lass mal sehen.“
Sie schnaufte und gab es mir herüber.
Es war eine Ausgabe von „Brief an den Vater“, aus dem Jahr 81, eine Fischerausgabe.
„Das ist Kafka.“
„Und? Brennt der nicht so gut.“
Der sollte gar nicht brennen, dachte ich. Ich nahm nicht an, dass Karla ihn kannte. Ich las selbst nicht viel, aber wir mussten in der Schule „Die Verwandlung“ lesen und, als ich Jahre später auf einem Flohmarkt den „Brief an den Vater“ sah, dachte ich, älter geworden, hätte ich vielleicht einen besseren Zugang.
„Das ist ein sehr nachdenkliches Buch, über einen Vaterkonflikt.“
Karla lächelte herzlos.
„Siehst du, dann ist besser, wenn man keinen hat oder nicht weiß wo er sich rumtreibt.“
Dann hat man trotzdem einen Konflikt, dachte ich und sagte es nicht.
„Kann ja sein“, sagte ich, „aber hör mal diese Stelle.“ Ich blätterte einen Moment und ein Buchzeichen fiel mir entgegen.
„Ich finde die Stelle nicht, aber hier steht ein Zitat drauf, das ist auch sehr schön:
„Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von deinen. Und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest du von mir mehr als von der Hölle, wenn dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich voreinander stehen, wie vor dem Eingang zur Hölle.“
Ich blickte auf und sah Karla unmittelbar in die Augen. Sie mied meinen Blick.
„Viel habe ich nicht gelesen, aber Zeilen, wie diese machen Bücher wertvoll, finde ich.“
Karla fand zum alten Muster: „Wenn ich mit dem Koks, meine Insel in der Südsee habe, lese ich vielleicht mal eins. Wir sollten Feuer machen.“

9. Die Flunder ist gut

Ich verbrachte die Nacht auf dem Boden, Karla nahm die Pritsche. Sie erwartete das nicht, sagte sogar: „Ich würde nicht zum ersten Mal auf dem Boden schlafen.“ Aber mir kam es richtiger vor, dass sie es bequemer hatte.
Die Nacht schlief ich schlecht. Karla schnarchte, nicht laut, aber sie gab ein unverkennbares Rasselgeräusch von sich, mir drückte sich der Holzboden in die Knochen und in meinem Kopf geisterten Bilder. Viele Bilder: ich und Karla, ich und der Sachbearbeiter, der Sachbearbeiter mit Orlowski, Karla und Oleg. Letztes hielt mich besonders wach. Mir wurde leicht übel bei dem Gedanken, dass die beiden ein Paar gewesen waren. Dass sie eines waren. Immer mal wieder schlief ich ein, wurde wieder wach, Karla schnarchte und ich hatte Kopfkino, alle Säle voll besetzt, wechselnde Vorstellungen, für den einzigen Zuschauer nicht sehr unterhaltsam. Außer die Passagen mit Karla. Über ihnen schlief ich meist an.
Ein grober Stoß gegen die Schulter weckte mich.
„Komm! Steh auf, wir müssen los.“
Karla sah ausgeschlafen aus. Ich sah mich irritiert in dem Schrebergartenhäuschen um und fragte mich, wo mein Zimmer war. Ich rappelte mich hoch und Karla hielt mir einen Proteinriegel hin.
„Los! Den essen wir auf dem Weg.“
Unsere Spuren zu beseitigen, gaben wir uns keine Mühe. Bis auf das wenige Holz, hatten wir auch nichts genommen und keinen Schaden angerichtet. Der Eigentümer würde uns hoffentlich verzeihen. Konnte mir auch egal sein, da es bei meinen Straftaten der letzten 24 Stunden, darauf auch nicht mehr ankam.
Karla nahm die Tasche und sah dabei unglücklich aus. Langsam schien ihr zu dämmern, dass das mit dem Koks und dem Geld doch nicht so einfach werden würde. Einen Moment tat sie mir leid. Ich kannte das, wenn Träume platzten. Das war so ein Brennen, dass man halb wahnsinnig davon wurde. Man wehrte sich und strampelte wie ein kleines Kind: „Nein! Nein!“. Aber diese eine Stimme sagte: „Wehr dich nicht. Es ist vorüber. Hör auf zu träumen.“ Aber wie sollte das gehen?
Karla öffnete die Tür und uns umfing ein strahlend blauer, aber kalter Oktobermorgen, wir beeilten uns das Grundstück zu verlassen und liefen, die Ryck entlang zurück nach Greifswald. Wir sahen uns eine Weile um, besuchten das Uni-Gelände, liefen zum Bootshafen und wieder zurück zum Marktplatz und aßen schließlich, auf einem Boot zu Mittag.
Also wir aßen nicht unmittelbar auf dem Boot, sondern an einem der Tisch davor. Aber das Essen wurde auf dem Boot zubereitet, als hätte der Koch, den Fisch eben mit einer Angel aus dem Wasser gezogen. Wir bestellten beide Flunder mit Kartoffelsalat und während wir warteten, fragte ich Karla: „Wolltest du eigentlich immer so leben?“
„Wie meinst du?“
„Na so.“
„Als Nutte und Zuhälterbraut.“
Sie sah mich herausfordernd an.
„Ich hätte es anders formuliert.“
„Hast du aber nicht, weil es da nichts zum abmildern gibt.“
Sie sah zu den Booten hinüber die im Wasser hin und her kippten, als wären sie unentschlossen, ob sie losfahren sollen.
„Ich hätte gerne studiert.“
Das irritierte mich jetzt.
„Tatsächlich.“ Erklärte ich unbeholfen.
„Ja, irgendetwas was mir erklärt, warum die Menschen so scheiße sind.“
„Soziologie?“
„Keine Ahnung!“
„Psychologie?“
„Schon eher, auch, wenn unser Schulpsychologe ein Arschloch war. Hatte immer das Gefühl der will mir lieber an die Wäsche.“
Ich versuchte mir Karla, als Psychologin vorzustellen, vermutlich würde sie eine Reiß-dich-zusammen-Therapie entwickeln, bei der der Patient solange zusammen gestaucht wurde, bis er sich wehren lernte.
Ehe ich etwas Unsinniges antworten konnte brachte der Kellner das Essen.
Zwei wundervolle Flunder im Pfeffermantel und dazu Kartoffelsalat mit etwas Remouladensauce dabei.
„Lasst es euch schmecken.“
Wir nickten uns zu und begannen zu essen.
Nach einer Weile sagte ich: „Die Flunder ist gut.“
„Ja.“ Sagte Karla. „Das ist sie.“
Sie lächelte mir zu und mir war ganz egal, was kommen würde.

10. Wer lieben kann ist glücklich

Ich glaube, es gibt Menschen, die sind nur zum Verlieben fähig, aber nicht zum Lieben. Die ziehen Bewunderung und Aufmerksamkeit auf sich und sind bereit sich zu erniedrigen, solange sie das Gefühl behalten, bewundert zu sein, aber lieben können sie nicht, weil lieben etwas Tiefes und Verbindliches ist. Deshalb sind solche, ins Verliebtsein Verliebte, für liebende Menschen, eine gewaltige Gefahr.
Mir stand es durchaus zu, mir dazu meine Gedanken zu machen, während Karla, mit einem wechselnden Stapel Kleider in die Umziehkabine ging, um die alten Klamotten, die sie im „Lovestory“ getragen hatten, gegen etwas Neues und Warmes einzutauschen. Es stand mir deshalb zu, weil es schon immer mein Verhängnis war, mich in solche Frauen zu verlieben. Weil ich in dem Verletzenden einer Frau, nicht eine Gefahr sah, sondern etwas Verletztes, dem ein Lieben zugrunde liegt, welches ich bergen möchte.
Das ist natürlich Blödsinn, aber irgendwer hat mal gesagt: „Wer lieben kann ist glücklich“, ich meine irgendein schwäbischer Dichter und ich konnte nicht bestreiten, dass mich Karla glücklich machte, ganz egal, ob mir meine Vernunft mit aller Wucht von hinten an die Stirn pochte und mir zurief: „Vorsicht! Nein! Lass das!“
„Wie findest du das?“
Karla drehte sich einmal um die eigene Achse. Sie trug ein schwarzes Spitzenkleid, mit V-Ausschnitt, indem ihr nicht wärmer sein würde, das ihr aber perfekt stand.
„Steht dir.“ Sagte ich wahrheitsgetreu, was sie zu langweilen schien.
Ich versuchte meine Gedanken zu verbergen, wie früher den Playboy, wenn meine Mutter ins Zimmer kam.
„Du solltest noch was zum warm haben kaufen.“
Sie schüttelte missbilligend den Kopf, schnappte den nächsten Kleiderberg und verschwand in der Kabine.
Wir hatten uns nach der Flunder, auf die Suche nach einer Bleibe für die Nacht begeben. Als Karla das H&M entdeckte, war sie angezogen worden, wie ein Smartphone-Display seinen Besitzer anzog.
Ich folgte ihr und duldet seit dem Moment, da wir den Laden betraten Kleiderproben.
Was am Ende der Stunde alles in der Einkaufstasche landete, kann ich nicht sagen, aber das Spitzenkleid war nicht dabei.
Als sie gezahlt hatte, hielt sie einen Moment unschlüssig die H&M-Tüte in der einen Hand und die Koks-Tasche in der anderen. Dann streckte sie mir die Tüte hin.
„Da nimm du, das sieht stilvoller aus.“
Von der Kleiderprobe anbehalten hatte sie ein langes schlichtes Kleid, über dem sie jetzt einen Mantel trug.
Wir verließen den Laden.
„Wie kommts eigentlich, dass du, in so einem Pornoladen arbeitest?“ Fragte sie mich.
„Was?“
„Paddel und Dildos, das passt nicht zu dir.“
„War mein erster Tag.“
Sie sah mich an, als befürchte sie, ich könne sie auf den Arm nehmen.
„Im Ernst, das Amt hat mich verdonnert.“
„Aber mit dem Paddel kannst du umgehen, alle Achtung.“
Ich wurde rot.
Sie lachte.
„Keine Sorge, ich steh nicht auf so was. Eigentlich mag ich Kuschelsex. Aber für zarte Gefühle, sind die Zeiten zu hart.“
Ich schwieg und dachte, nein genau das Gegenteil ist richtig: speziell die harten Zeiten erfordern zarte Gefühle. Darum ging es, wenn man als Mensch überleben wollte.
„Wir sollten uns überlegen, wie es weitergeht.“ Sagte ich.
„Ja, das sollten wir.“
Karla sah sich um.
„Weißt du was? In der Tasche ist noch einiges Geld. Für heute Nacht suchen wir uns ein Hotel und gehen vorher nochmal schön essen. Einverstanden?“
Mich überkam das Bedürfnis mich vor ihrer Zuneigung in Sicherheit zu bringen. Solange sie grob war, sah ich keine Gefahr, dass meine Zuneigung zu ihr, mir gefährlich werden konnte. Aber was geschah, wenn sie mich auch mochte und mich irgendwann nicht mehr mochte?
„Alles okay?“ Sie sah mich kritisch an.
„Ja. Gute Idee. Aber morgen sollten wir wissen, wohin wir wollen. Wir haben Glück, dass man offensichtlich nicht großräumig nach uns sucht.“
„Außerhalb von Berlin ist es für Oleg schwierig, er wird ein paar Tage brauchen, um unsere Spur zu finden.“
„Weiß er nicht wo deine Mutter wohnt?“
„Wie soll er es wissen, wenn ich es selbst nicht weiß? Hast du eigentlich Familie?“
„Nein, niemand.“
Sie nickte nachdenklich, dann nahm sie meine Hand.
„Komm! Für den Moment haben wir uns.“

11. Über die Ostsee kommt man überall hin.

Die Nacht lag ich wach. Karla schnarchte leise, auf der Matratze neben mir und ich bewunderte sie für diese Nervenruhe. Sie hatte gar keine Angst, kannte gar kein Morgen und kein Gestern. Sie war wie ein spielendes Kind und, wenn ihr ein Spiel langweilig wurde, dachte sie sich das nächste aus. Während ich mir Sorgen machte und auf Sicherheit bedacht war. Ich hatte mir von dem Abend etwas erwartet, sie nicht. Deshalb lag ich wach und dachte nach, was sie mir bedeutete und sie schlief, weil sie sich keine Fragen stellte.
Irgendwann in den Morgenstunden schlief ich dann doch ein. Als ich wach wurde kam Karla gerade aus dem Bad, frisch geduscht, mit einem der Kleider von gestern.
„Beeil dich! Ich will frühstücken. Schlafen kannst du ja.“
Ich hebelte mich hoch und griff nach meinem Smartphone, das neben mir auf dem Nachttisch lag. Ich nahm es vom Adapter kontrollierte mein WhatsApp-Nachrichten, meine Mails und entschied mich, wider alle Vernunft, auf die Online-Seite der BZ zu gehen.
Dort las ich, was ich längst befürchtet hatte: „Im Fall des Berliner Sex-Shop-Überfalls gibt es erste Fortschritte.“ Neben dem Artikel war ein Bild von Oleg und Orlowski zu sehen, darunter stand: „Der Inhaber, der seinen Urlaub auf Mauritius abbrechen musste, bedankt sich, bei einem tatkräftigen Bürger der verhindert hat, dass der Laden vollständig ausgeraubt wurde. Beide vertrauen der Polizei, bei der Festnahme des Diebespaares.“
Oleg grinste, als wolle er mich wissen lassen, dass ich dafür zahlen würde. Orlowski grinste, als sollte ich wissen, dass mein letztes Stündlein geschlagen hatte.
„Ich glaube, wir sollten nicht frühstücken.“
Ich schwang mich aus dem Bett und hielt Karla das Display hin.
Sie warf einen flüchtigen Blick darauf.
„Dann suchen Sie jetzt nach dir!“
Ich fragte mich, was aus dem Uns geworden war. Mein Magen zog sich grimmig zusammen, wie nach einem Magenbitter.
„Ja, das machen sie wohl.“ Ich sah mich mutlos im Zimmer um.
Sie betrachtete mich, wie ich dastand allein und verloren und ich spürte, wie sie ihre Worte abwog, wie sie alle Optionen durchspielte, wie ein Großrechner Wettermodelle.
„Oleg wird dafür gesorgt haben, dass sie nach uns suchen. Bedeutet: wir müssen schnell sein.“
Ich zog mir meine Jeans über und streifte meinen Pullover über den Kopf. Als auftauchte sah sie mich an.
„Wir sollten uns stellen.“
Sie lächelte und ich war fassungslos.
„Du bist immer so dramatisch.“ Sie nahm die Tasche mit dem Kokain und warf mit die H&M-Tüte zu. „Wir sollten uns stellen …, wie das klingt. Unsinn, wir sollten cool bleiben. Wenn sie uns fassen haben wir Pech gehabt.“
„Aber das werden sie. Ich verstehe gar nicht, wie du so entspannt bleiben kannst.“
Sie kam zwei Schritte auf mich zu.
„Weil du dich um uns sorgst. Das ist gut. Wir sind ein gutes Team. Das hätte ich nie gedacht. Als du hinter dem ganzen S/M-Geschirr aufgetaucht bist, dachte ich: O Mann! Was habe ich falsch gemacht, damit man mir dich als Retter schickt. Das war dumm, denn in deiner Nähe kann ich besser denken und fühle mich stärker als sonst.“
„Wirklich?“
„Jetzt mach nicht daraus wieder ein Drama. Wir sind ja kein Paar. Aber ein gutes Team.“
Ich packte die H&M-Tüte etwas fester.
„Ja, das sind wir wohl. Und was schlägt mein Team-Mitglied vor?“
„Wir suchen uns eine Fähre! Über die Ostsee kommt man überall hin …“

12. Ich habe Sehnsucht nach dem Meer

Wir verließen unbehelligt das Hotel. Während wir durch die Fußgängerzone, von Greifswald, Richtung Hafen liefen, bedrängte mich eine Frage, die ich schließlich stellte:
„Hm! Karla, du hast recht, dass wir über die Ostsee überall hinkommen, aber, wie kommen wir mit dem Zeug in deiner Tasche, über die Grenze?“
Sie blieb stehen.
„Dass du immer so negativ denken musst!“
„Wir werden gesucht.“
„Dann beschaffen wir uns neue Papiere.“
„Ohne Geld?“
„Ich habe Geld.“
„Wie lange noch?“
Wenn die Realität sich, in die Verliebtheit drängt, dachte ich.
Sie warf mir einen bösen Blick zu.
„Okay, was ist dein Vorschlag?“
„Wenn du nicht bereit bist, das Zeug bei der Polizei abzugeben, es mit Kreidefelsen zu vermischen oder in den Bodden zu werfen, gibt es nur eine Möglichkeit: wir verkaufen es, auf einen Schlag im Darknet.“
Sie sah mich skeptisch an.
„Du hast dunkle Kanäle ins Darknet?“
„Nein, ich habe keine Ahnung. Aber, wenn wir uns nicht in Berlin an den Bahnhof Zoo stellen wollen oder in Frankfurt auf den Strich, in München unter die Schickeria mischen oder auf Sylt Austern schlürfen, bleibt uns nichts anderes. Die Polizei wäre nicht das Problem, das könnte man aufklären und auch nicht Orlowski, aber Oleg wird mit dir abrechnen und er wird sich mich vorknöpfen. Oder?“
Sie sah mich nicht an.
„Könnte sein.“
„Du hast Mist gebaut, Karla.“
„Ich bat dich nicht um Hilfe.“
Sie hatte Recht. Ich schwieg.
„Wie viel Geld ist noch in der Tasche.“
„Etwa 2000,- €.“
„Gut, das hilft für ein paar Tage, wenn uns niemand entdeckt. Ich lade mir einen TOR-Browser auf mein Handy und wir stöbern uns durch die Marktplätze, die es gibt, bis wir das passende Angebot finden.“
„Und, wenn man uns das Zeug abgreift oder wir auf verdeckte Ermittler treffen.“
„Geschieht nichts. Wir können aber hier nur noch gewinnen.“
Sie sah sich um, als wäre irgendwo jemand, den wir nach dem Weg fragen könnten. Als sich niemand fand, sagte sie: „Aber wir sollten aus Greifswald verschwinden. Wir könnten nach Rügen fahren, ich habe Sehnsucht nach dem Meer.“
„Wie du willst. Sicher gibt es dort auch eine Fähre, die uns über die Ostsee bringt.“
„Und jetzt?“
Karla wirkte plötzlich hilflos. Das gefiel mir nicht. Hatte sie nicht gestern behauptet, meine Nähe mache sie stark?
„Was denkst du?“
Ihre hübsche Stirn runzelte sich.
„Dann zum Bahnhof und nicht zum Hafen. Ich habe gestern gesehen, dass es nur eine Fähre von hier gibt: die fährt nach Dänemark. Wir fahren mit dem Zug nach Rügen.“
Am Bahnhof entschieden wir uns für ein Ticket nach Sassnitz. Das lag im Norden von Rügen und besaß einen Fährhafen und mehr wollten wir für den Augenblick nicht.
Die Fahrt über waren wir beide schweigsam. Jeder hing seinen Fragen nach und nach dem Rausch der erfolgreichen Flucht standen wir nun vor den nicht so erfolgreichen Antworten auf das was wir getan hatten. Wie zwei Kinder, die am Ende eines Streichs, wenn alle gelacht und sich ausgeschüttelt hatte, plötzlich bemerkten, dass es Ärger geben würde. Ich sah zum Fenster hinaus. Karla starrte auf ihr Smartphone.
In Sassnitz stiegen wir aus und sahen uns, auf dem trostlosen Bahnhofsgelände um.
„Könnte schwierig werden was zu finden.“ Meinte ich und sah mich um.
„Das täuscht.“ Karla wirkte zuversichtlich. „Ich habe, während der Fahrt ein kleines Häuschen entdeckt, ganz nah der Ostsee. Inmitten eines großen Gartens, abseits vom Ort. Da wird uns so schnell niemand finden.“
„Ja, dann hoffen wir, dass es noch frei ist.“
Sie hängte sich an meinen Arm.
„Ist schon reserviert für uns. WLAN-inklusive, das Meer zu unseren Füßen.“
Ich lächelte und dachte, wie weh es tun würde, wenn das alles zu Ende ging.
13. Der Deal im Darknet
Nach Stunden schafften wir es ins Darknet. Und dort, nach nicht ganz so langer Zeit, auf die Seiten, in die Foren und zu den Kontakten, die wir für den Absatz unseres weißen Goldes benötigten.
Wenn ich im Laden von Orlowski bereits das Gefühl hatte an die Grenzen menschlicher Lüste und Abgründe zu geraten, hatte ich mit den Seiten auf denen wir jetzt surften, das Tor zur Hölle aufgestoßen. Wir trafen auf Seiten mit Bildern bei denen sogar Karla kurz die Spucke wegblieb und bei denen der Satz: „Ist das wirklich das, wofür ich es halte, was da in ihm steckt“, noch der harmloseste war.
Es wurden Handlungen, Waren und Fetische angeboten, bei denen Karla sich irgendwann angewidert abwandte.
„Ich dachte“, sagte sie nach einer Weile, „die Polizei hätte auf den Straßen weitgehend die Kontrolle verloren, wenn jemand wie Oleg tun und lassen kann was er will. Aber das, das ist ja noch viel schlimmer, warum kann man das nicht verbieten?“
„Weil wir ein freies Land sind.“
„Aber das hat doch nichts mit Freiheit zu tun“, empörte sie sich, wenn man Bilder von Kindern – ach das ist widerlich. Dafür müsste man die Todesstrafe einführen.“
Ich nickte kommentarlos und fand tatsächlich, dass unsere 5 Kilo Kokain ein albernes Kavaliersdelikt waren, verglichen mit dem, was hier jedem zugänglich war. Es war schwer zu ertragen.
Zu unserer Erleichterungen fand ich schließlich eine Seite, die entfernt an Ebay erinnerte. Dort konnten wir unsere Ware unter „Kampfer mit erweiterter Wirkung“ platzieren und ein erstes Angebot setzen.
„50000.“ Schlug ich vor und machte mir bewusst, dass ich soviel Geld noch nie im Leben gesehen hatte.
„100000.“ Legte Karla fest und ich sah ihr an, sie würde nicht verhandeln.
Ich gab die Zahlen ein und alle zusätzlichen Angaben und bestätigte das Angebot.
Vermutlich würden wir einige Tage warten müssen. Aber die Unterkunft die Karla entdeckt hatte, war wunderschön und wir konnten beim Frühstück jeden Morgen aufs Meer sehen. Es war nicht weit –
„Bling!“
Ein erstes Angebot war eingegangen. Zeitgleich öffnete sich ein kleines Chat-Fenster, über dem stand: „Der Kunde hätte noch eine Frage.“
Ich rief Karla, die sich einen Tee hatte zubereiten wollen.
„Wie hoch“, wollte sie wissen, während sie näher kam.
„100000.“
„Keinen Euro mehr?“
„Nein.“
Öffne den Chat.
„Bist du sicher?“
Ihr warnender Blick sagte ja.
Ich öffnete den Chat und schrieb:
„Sie haben eine Frage?“
„Wir rein ist das Zeug?“
„Schreib 80%.“
Ich gab die Zahlen ein.
„Schreib: wir wollten eigentlich 250000.“
„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.“
Ihr Blick wiederum sagte ja.
Die Antwort dauerte einen Moment.
„Am Preis ist nix zu machen. Wir haben in Hamburg gerade ne Schwemme. 10 Tonnen die gefunden wurden. Die Preise sind im Keller. Wenn ich was verdienen will, ist das mein Preis.“
Ich sah Karla an. Unsere Chat-Punkte blinkten.
Ich wurde ungeduldig.
„Schreib: Wie soll das ablaufen?“
Ich schrieb.
Unser Kontakt antwortete: „Ich überweise euch das Geld auf ein Paypal-Konto. Ihr schickt mir die Ware per Kurier. Es gibt ein Fahrernetz, dass für so etwas geeignet ist. Der Fahrer sendet mir eine Bestätigung, wenn er das Paket hat und ihr lasst ihn losfahren, wenn auf eurem Konto der Geldeingang bestätigt ist.“
Top organisiert, dachte ich.
„Was soll ich schreiben?“
Karla kaute sich nervös auf der Unterlippe herum, was sie sexy aussehen ließ. Ich nahm an, für ein Kompliment war es der falsche Moment.
„Haben wir ein Paypal-Konto?“
„Kann ich einrichten.“
Sie presste die Arme gegen den Körper und brummte: „Dann mach!“
„Okay, das klingt gut“, schrieb ich, „richte kurz noch ein Paypal ein und melde mich dann.“
„Ja, lass mich nicht warten.“
Das tat ich nicht. Kurz darauf kam die Nachricht:
„Der Kurier ist jetzt unterwegs. Ihr trefft ihn im Gasthaus „Hülsenkrug“, am Fährhafen von Sassnitz.“
Karla starrte auf mein Display und nickte angespannt.
Dann ging sie zu der Tasche mit dem Kokain, nahm das Geld aus den Seitentaschen und öffnete die Haupttasche.
Die Beutel ließ sie drin, dafür hatte sie plötzlich eine Pistole in der Hand.
„Ich hoffe, der macht keinen Fehler.“

14. Zwei Bier und ne Cola

„Was darf ich Ihnen bringen?“
Der Wirt vom „Hülsenkrug“ sah freundlich aus. Alle Tische waren belegt und in dem Stimmengewirr der Gäste wirkte seine Stimme, wie eine klarer Klingelton in einem überfüllten S-Bahn-Abteil.
„Ich würde gern die Karte“.
„Wir trinken nur etwas.“
Karla lächelte dem Mann freundlich zu und der ließ seine Speisekarte wieder unter dem Arm verschwinden. Er warf mir einen spöttischen Blick zu, weil ich mir das gefallen ließ.
„Wie Sie möchten. Was darf es sein?“
„Ich nehme ein Bier.“ Karla sah angespannt zum Fenster hinaus. Der „Hülsenkrug“ lag direkt an der Straße nach Binz, auf die man, durch große Fenster mit kleinen Fensterkreuzen hinaussah.
„Ja, für mich auch.“
Der Wirt nickte mir knapp zu und verschwand.
„Ich hätte Hunger.“ Beschwerte ich mich.
„Zum Essen haben wir später Zeit, wenn das alles vorüber ist.“
Wir warteten etwa eine halbe Stunde. Mit Karla war in dieser Zeit nicht zu reden. Sie beobachte die Gäste, dann wieder die Straße, zwischendurch nahm sie einen Schluck von ihrem Bier. Mich beachtete sie kaum. Die unangenehme Frage begann mich zu beschäftigen, was aus mir werden würde, wenn wir das Geld hatten. Wenn sie das Geld hatte. Im Moment machte sie nicht den Eindruck, als würde ich in ihrer Zukunftsplanung vorkommen. Es gab ja solche Frauen, die sich lange unterhalten und bezahlen ließen, um am Ende ihr Erspartes oder Geraubtes zu nehmen, um ein eigenes Leben zu beginnen. Sie nannten das dann ihre „Freiheit“. Karla machte durchaus den Eindruck zu dieser Freiheit zu tendieren. Auch, wenn Oleg vermutlich kein angenehmer Lebensgefährte war, musste er im Moment zu einer ähnlichen Erkenntnis gelangen.
Draußen fuhr auf den Parkplatz ein Auto vor. Auf der Seite stand „Müllers Kurierservice 24h 7T“. Ein junger Kerl stieg aus. Er sah etwas schwerfällig aus und war ziemlich dick, der Bauch hing ihm schwer über den Hosenbund.“
„Also den rauch ich in der Pfeife.“ Behauptete Karla.
Es dauerte einen Moment, dann betrat der Fahrer den „Hülsenkrug“. Er sah sich hektisch um und wirkte erleichtert, als Karla sich kurz erhob und ihn zu uns winkte.
Er setzte sich.
„Hallo.“
„Hallo.“
„Hallo.“
Mehr wusste keiner von uns zu sagen.
Der Wirt kam.
„Auch ein Bier“
Der Kurierfahrer sah auf den Tisch.
„Ne, ne Cola wäre mir lieber.“
Der Wirt nickte spröde und ging davon.
„Die Tasche steht unterm Tisch.“ Erklärte Karla. „Tu so, als ob du dir die Schuhe bindest und sieh nach, ob alles drin ist.“
Ich war beruhigt zu sehen, dass der Fahrer Karla gehorchte, wie ich es tat. Sie hatte diese Macht.
Er tauchte wieder auf.
„Sieht gut aus. Ich soll ein Bild von euch machen, falls die Qualität nicht stimmt.“
„Kein Bild.“ Fuhr Karla ihn an.
„Kein Bild, keine Kohle.“ Erwiderte der Fahrer. „Ich hab nicht viel Zeit, wir versprechen Expresslieferung.“
Cool, dachte ich, hätte ich dir nicht zugetraut. Dann dachte ich an die Pistole, die Karla unter dem Kleid versteckte. Ich sah ihr an, dass sie gerade verschiedene Folterarten für den Kerl durchspielte, weil vermutlich keine perfekt war, erklärte sie: „Gut. Mike lehn dich zu mir, wir machen auf Food-Selfie.“
„Aber, wir haben nur Bier.“
„Mach einfach.“
Ich lehnte mich zu ihr. Sie roch gut, etwas salzig nach Schweiß und dezent süß, nach ihrem Parfüm.
Der Kerl verschickte das Bild, mit der Nachricht, dass die Tasche vor ihm stand.
Kurz darauf vibrierte mein Smartphone und zeigte den Zahlungseingang bei Paypal an. Der Buchung war eine Nachricht beigefügt:
„Wird Oleg nicht gefallen, dass Ihr sein Zeug so billig verscherbelt. Wäre auch ein zu großer Zufall gewesen, dass die 5 Kilo die bei euch auftauchen, nicht die 5 sind, die in Berlin verloren gingen. Schönen Abend noch.“
Und ein Smiley.
Es war Zeit, das Bier zu bezahlen.

15. Jetzt fuchtel nicht mit der Pistole rum

„Was hast du denn nur.“ Karla verstand nicht, weshalb ich es plötzlich so eilig hatte. Es war mir nicht als klug erschienen, ihr hektisch, das Display mit der Nachricht zu zeigen. Ich hatte den Kurier gebeten, in Ruhe seine Cola zu trinken und für uns zu zahlen. Er schien nichts von den Zusammenhängen zu wissen. Der Kerl in Hamburg war vermutlich nur froh, billig an gute Qualität gekommen zu sein und freute sich nun, über den Spaß den wir mit Oleg haben würden.
„Wir brauchen ein Auto.“ Hechelte ich während ich versuchte Karla mit meinem Tempo anzutreiben.
„Wieso brauchen wir denn jetzt ein Auto?“
„Oleg weiß Bescheid.“ Erklärte ich knapp, während ich sie über den Parkplatz drängte. „Wir brauchen ein Auto und zwar schnell.“
Sie blieb stehen.
„Woher?“
Ich hielt ihr das Display hin und sie überflog die Nachricht.
„Wegen dieser Scheiß Zusammenhänge die es zwischen allem gibt.“ Fluchte ich. „Du denkst an irgendwas und schon hast du den ganzen Mist, die ganze Zeit um dich. Hat irgendwas mit Schmetterlingen und Chaos zu tun. Hab das nie ganz verstanden.“
Karla musterte mich kritisch.
„Ist das so ein Versuch an mein Geld zu kommen.“
„Was für ein Blödsinn!“ Jetzt machte sie mich wirklich wütend. „Da müsste ich gar nix machen, weil es auf meinem Paypal-Konto ist. Keine Sorge du bekommst dein Geld, sobald wir überlebt haben.“
Ich trat von einem Bein aufs andere.
„Los jetzt!“
„Wir könnten ein Auto kurzschließen.“
Ich schüttelte energisch den Kopf. „Das klappt nur noch in Filmen aus den 80ern. Heute musst du Funktechnik beherrschen.“
„Okay, dann kapern wir einfach ein Auto.“
Sie fing an die Pistole aus ihrer Manteltasche zu ziehen.
„Jetzt fuchtel nicht mit dem Ding hierum.“
„Jetzt entspann dich mal.“ giftete sie mich an.
Ich ließ sie stehen, stellte mich an die Straße und hielt den Daumen raus.
Die ersten zwei Autos schienen zu beschleunigen, als sie mich sahen.
„Das wird nie was.“ Hörte ich Karla hinter mir.
Auch egal, dachte ich.
Wir warteten fünf Minuten, dann hielt ein schwarzer BMW. Der Fahrer ließ die Scheibe runter. Es war ein älterer Mann mit kurzgeschnittenem Bart und einem runden, fröhlichen Gesicht.
„Soll ich sie mitnehmen?“
Ich nickte und bemühte mich, nicht aufdringlich zu wirken.
„Das wäre sehr nett. Wohin fahren sie denn?“
„Ich muss nach Bremerhaven. Und sie wollen nach?“
„Bremerhaven.“ Tönte Karla von hinten und drängte sich an mir vorbei auf die Rückbank. „Das ist ja perfekt.“
„Sehen se mal, wie der Zufall spielt. Also steigen sie ein.“
Ich sah mich noch kurz um, ob irgendwo ein Fahrzeug näherkam, dass nach Oleg aussah und dachte, das ist unsere Chance. Ich klemmte mich auf den Vordersitz und der Mann fuhr los.
„Darf ich fragen, wie Sie heißen.“
„Ich heiße Ingo.“ stellt ich mich spontan vor und fragte mich, woher mir der Name einfiel.
„Ich bin Klara.“ Behauptete Karla von der Rückbank.
„Mein Name ist Maaz. Aber ihr könnt mich Heinrich nennen.“
Er sah zu mir rüber.
„Ich bin Paartherapeut und auf dem Weg zu einem Kongress in Bremerhaven.“
„Ah!“ Sagte ich.
Wir schwiegen eine Weile.
„Und sie beide, sind ein Paar?“
„Nein.“ Sagte ich.
„Ja.“ Sagte Karla.
Heinrich lachte.
„Ihr seid eine seltsame Generation: wisst nicht wo ihr hingehört, könnt euch nicht binden, man hat euch nichts beigebracht, außer das ihr Geld verdienen müsst, wenn ihr überleben wollt, in einer Welt die am Abgrund steht und mit dem ganzen verdienten Geld ruiniert wird. Paare, wie euch erlebe ich oft. Bindungsvermeidend, bindungsfixiert, narzisstisch gesteuert, bedürftig und einsam. Schuld daran ist meine Generation, nur das ihr mich nicht missversteht.“
„Kann man so was reparieren?“ Fragte Karla.
Heinrich verzog nachdenklich lächelnd das Gesicht.
„Du meinst heilen, Klara. Ja, manches. Unser Gehirn ist sehr wandlungsfähig. Davon machen nur die wenigsten Gebrauch. Sie schleifen lieber die immer gleichen Gewohnheiten ein.“
Heinrich setzte den Blinker und fuhr in Richtung Autobahnauffahrt.
„Wo habt ihr euch denn kennengelernt.“
„In einem Sexshop, in Berlin, erst vor Kurzem.“
„Das ist aber ein ungewöhnlicher Ort.“ Meinte unser Fahrer, ohne entsetzt zu sein.
„Ingo arbeitet dort, in der S/M-Abteilung.“
Ich merkte das Karla in Fahrt kam. Es machte ihr Spaß mich zu ärgern.
„Erst seit Kurzem.“ Versuchte ich mich zu rechtfertigen.
„Mach dir nix daraus.“ Beruhigte mich Heinrich. „In einem gewissen Sinn, verkaufst du Therapiematerial für meinen Arbeitsbereich.“
Karla kicherte laut und ich war überrascht, weil es zu naiv, für sie klang.
„Ich glaube, ich weiß jetzt endlich was ich studieren will.“
Der BMW rauschte auf die Autobahn und in die Nacht.

16. Aber Schweigen … sehr mysteriös

Karla schlief auf der Rückbank.
„Also bist du verliebt in sie?“ Fragte Heinrich, viel zu laut für meinen Geschmack. Ich hoffte Miles Davis, der uns aus den Boxen antrötete war laut genug. Trotzdem warf ich einen kurzen Blick nach hinten. Karla reagierte nicht.
„Ja ein wenig.“ Flüsterte ich. „Aber ich weiß nicht.“
Heinrich prüfte mich abschätzig mit seinem Blick.
„Was heißt: aber ich weiß nicht.“
Ich wusste nicht was er wollte.
„Na! Was ich sage: Ich bin nicht sicher, ob sie die richtige Frau für mich wäre.“
„Ist!“
„Wäre.“
„So wird das nichts. Du musst wollen. Stimmt denn dein Bauchgefühl.“
„Ja.“
„Du magst ihren Duft.“
Ich sah wieder zurück. Sie schlief.
„Sehr.“
„Du findest sie aufregend und ihr geht es in deiner Nähe deutlich besser.“
Ich schwankte kurz wollte „schon irgendwie“, sagen, aber entschied mich für: „Ja!“
„Und ihr habt gleiche Interessen? Ich meine außer denen im Sexshop.“
Ich stockte kurz. Eigentlich hatten wir noch gar keine Zeit gehabt unsere Interessen abzugleichen. Wir hatten aber sicher den gleichen Ärger.
„Dafür kennen wir uns noch nicht lange genug.“
„Aber ihr reist schon gemeinsam.“
„Joa.“ Sagte ich und verschluckte: „Wir fliehen zusammen.“
„Da ist was Schönes, zwischen euch. Ich weiß nicht, ob es euch gut tun wird. Bei meinen Paaren, wenn ich das Gefühl habe, sie sollten sich nicht trennen, sage ich manchmal: Ihre Beziehung ist wie ein gutes Möbelstück: man nimmt es manchmal gar nicht wahr und manchmal findet man es hässlich, aber, wenn man es braucht, steht es am richtigen Platz. Das Gefühl habe ich bei euch beiden.“
Das schien mir jetzt doch etwas weit gefasst.
Ich schielte nochmals nach hinten.
„Davon merke ich aber nicht immer etwas.“
Heinrich presste den Kopf, an die Kopfstütze.
„Das wirst du auch nicht, solange du ihr keine Sicherheit gibst.“
„Aber sie will doch“.
„Sie testet dich.“
„Aber ich bin kein Experiment.“
„Das ist Biologie, nimm doch nicht alles so ernst.“
„Das sagt Karla -hmm, ich meine Klara auch.“
„Dann hat sie recht. Es ist ein Spiel. Am Anfang ist es ein Spiel und, wenn es später schön werden soll, muss es am Anfang getestet werden. Wie alte Holzbrücken, auf die man nicht einfach drauf marschiert. Man prüft sie.“
Ich dachte darüber nach. Ich fühlte das Heinrich recht hatte, wehrte mich aber, gegen die Rollenklischees die das beinhaltete.
„Aber man kann sich auch einfach gernhaben.“
„Wer?“ Kam es von der Rückbank.
Ich blickte, soweit es der Winkel des Rückspiegels zu ließ nach hinten und sah, Klara aufrecht auf der Rückbank sitzen. Im roten Rücklicht des Fahrzeugs vor uns wirkte sie kurz, wie ein Psychopath aus einem Stephan-King-Roman.
„Ihr beiden.“ Sagte Heinrich und lachte vergnügt.
Karla schwieg und ich hätte ihr gerne dabei in die Augen gesehen. Schweigen war in diesem Moment, am geheimnisvollsten. Spott oder Zustimmung oder ein kurzes, sachliches Statement hätten das Tor zur Spekulation geöffnet. Aber Schweigen … sehr mysteriös.
Bis zum Ziel sprachen wir nichts mehr. Miles Davis putzte uns die Ohren und jeder hing seinen Gedanken nach.
Im Morgengrauen erreichten wir Bremerhaven. Heinrich setzt uns, am Fährhafen ab und wünschte uns viel Erfolg.
Ich bedankte mich, die H&M-Tüte von Karla in der Hand und ein Herz voller Fragen.
„Viel weiter sind wir jetzt auch nicht.“ Meinte Karla und sah sich um.

17. LTE, wenn man es nicht braucht

Mein Handy vibrierte und im nächsten Moment, das von Karla, wie nahmen unsere Smartphones raus, wie Synchronspringer bewegungssynchron vom 10 Meter Turm springen.
„Ja.“ Sagten wir deckungsgleich, wie ein Spiegelbild das folgt.
Orlowski brüllte mich an.
„Denkst du ich finde dich nicht?“ Schrie er.
Neben mir schimpfte Karla: „Fick dich, Oleg! Du musst mich erstmal finden.“
„Ich mach dich fertig.“ Hörte ich Orlowski sagen und hatte das Gefühl, ich könne seinen stinkenden Speichel am Ohr spüren.
„Du musst mich erstmal finden um mich fertig zu machen“, ließ Karla Oleg wissen.
Mir fehlte die Spucke um etwas zu sagen. Ich dachte nur, ob man uns orten kann?
Karla dachte nichts. Sie fluchte und schimpfte und drohte ins Telefon, dass ich mir wünschte, sie niemals wieder zu verärgern.
Orlowski blaffte mich an, der sicher keine Kontaktapp zum Orten auf meinem Handy hatte und seinen Zorn auf die Art loszuwerden suchte.
Falls sich die beiden nicht verbündet hatten.
„Fick dich!“ Brüllte Karla wieder neben mir.
An der Schwelle zu meinem Bewusstsein tauchte ein Gedanke auf. So wie manchmal im Sommer, die Sonne sehr lang am Horizont bereitliegt, ohne richtig aufzusteigen. Nur, dass die Sonne gewiss jeden Tag aufsteigt, während ein solcher Gedanke, vermutlich musste man ihn Einsicht nennen, auch wieder weg und zurück ins Dunkel rutschen konnte, bis neue Erfahrungen, neue Reifung ihn wieder an die Schwelle zurückholte. Ich war mir sicher, dass ich in diesem Fall, aber nicht die Zeit haben würde. Ich versuchte ihn zu packen, hektisch, wie einen Eiswürfel, der einem aus dem Förmchen rutscht.
Ich riss Karla das Handy aus der Hand.
„Du Arschloch!“ Schrie sie meinen Händen nach, die sich mit dem Smartphone von ihrem Ohr entfernten, wie Luke, Han, Leia und Chewbacca, vom Todesstern flohen, nach ihrer Rettung aus der Müllpresse.
„Du musst mich nicht gleich beleidigen.“
Sie sah mich verblüfft an.
„Ich meinte auch Oleg.“
„Er kann dich orten.“
„Was?“
Ich versuchte ihr Handy auszuschalten, aber es forderte, per Fingerprint ausgeschaltet zu werden.
Ich hielt es ihr hin.
„Die wollten uns orten. Mich sollte Orlowski ablenken und dich wollte Oleg provozieren.“
„Hat das gereicht?“
„Vermutlich. Aber sie können von Bremerhaven nichts wissen. Heinrich wird uns nicht verraten haben. Ihre letzte Spur ist Sassnitz. Wir haben also etwas Vorsprung.“
Zum ersten Mal sah Karla so aus, als hätte sie wirklich Todesangst vor Oleg, vielleicht, weil sie ihren ganzen Zorn gerade gegen ihn entladen hatte. Wie ein Kind einen Löwen hinter Sicherheitsglas neckt, bis die Scheibe einen ersten Sprung zeigt.
„Geh Mike!“ Sie sah mit einem Mal müde aus. „Geh! Ich werde dir nur Unglück bringen. Du kannst das Geld behalten oder der Polizei geben. Ich bin nur gut, um kurz mal Spaß zu haben.“
Sie meinte es ernst, das war unverkennbar.
Ich wusste das es bei ihr nur einen Weg gab, um sie umzustimmen, der hatte mit Betteln nichts zu tun und war lebensgefährlich, wie eine Operation am offenen Herzen, aber alternativlos.
„Cool. Pass gut auf dich auf. Ich hab eh keinen Bock mehr auf Berlin.“
Sie starrte mich fassungslos an, war aber zu stolz, zu zeigen, wie es sie verletzte.
„Dann geh jetzt.“
Ich lächelte, das war kein 1:0, höchstens ein 0,1:0, aber ich hatte sie überrascht.
„Komm schon.“ Ich hielt die H&M-Tasche hoch. „Jemand muss dir die doch tragen.“
„Was soll das? Geh jetzt.“
Ich streckte meine Hand, in Richtung ihres Oberarmes und einen Moment schien sie sich wegzudrehen, aber dann ließ sie meine Berührung zu. Sie fühlte sich warm an und weich.
Ich zog sie sanft mir nach.
„Komm schon! Ich habe einen Plan.“

18. Liebe ist vielleicht nicht mehr

„Wo willst du denn hin?“ Karla hatte sich keine zehn Meter von mir ziehen lassen.
„Ich glaube“, begann ich und stoppte mich. Ich blickte ihr fest in die Augen und dachte, so jetzt heißt es alles oder nichts!
Ich sammelte mich und fing neu an.
„Ich will mit dir Polarlichter sehen. Ich habe da kürzlich ne Doku gesehen. Danach habe ich mir gewünscht, dass einmal im Leben zu sehen und ich möchte die Lichter zusammen mit dir sehen.“
„Was sind das für Lichter?“ Sie kniff die Augen zusammen, weil es sie ärgerte, dass sie nicht wusste, was sie sich vorstellen musste.
Ich holte mein Handy raus und startete Youtube. Ich wählte ein x-beliebiges Video.
Sie betrachtete es erst ohne großes Interesse, aber je faszinierender die Landschaften wurden und je kräftiger die Farben über die Himmel wehten, desto näher zog sie meine Hand zu sich, um das Video besser sehen zu können.
„Das ist aber schön.“ Sagte sie schlicht.
„Ich habe mich damals informiert. Von Berlin wäre ein Direktflug möglich gewesen. Aber wir könnten auch von hier nach Amsterdam. Von dort mit der Fähre nach Schottland und dann hoch, nach Norwegen oder Island.“
Ich wurde unsicher.
„Mit dem Geld. Mit deinem Geld, könnten wir uns was aufbauen.“
Sie rückte ein Stück näher zu mir.
„Das klingt schön. Aber was sollen wir denn aufbauen?“ Sie sah verzweifelt aus. „Ich kann doch nix, außer verführen und die Beine breit machen. Und du?“
„Rede nichts so.“ Ich sah sie wütend an.
„Wir können beide was, wir haben es nur noch nicht herausgefunden. Wir müssen ja erstmal nichts als überleben und das haben wir die letzten Tage ganz gut hinbekommen.“
„Und die Grenzen?“
„Offene Grenzen und kein Kokain.“ Ich packte das Handy weg. „Aber wir können auch aufgeben. Ich habe die Tage nur von dir gelernt, dass man das nicht tun soll!“
Ich sah ihr wieder in die Augen.
„Weißt du, Liebe ist vielleicht nicht mehr, als ein Traum den man teilt.“
Sie küsste mich, es war ein kurzer, zarter Kuss, aber wunderschön. Ich wusste, dass ich jetzt vermutlich verloren war.
„Alles okay?“ Sie sah mir prüfend in die Augen.
„Ja, ja“, stammelte ich. „Das war schön, nur viel zu kurz, um es zu genießen.
Karlas Augen strahlten mich an.
„Das kann man ja bei Gelegenheit wiederholen.“
„Wäre schön.“
Ich lächelte sie an und dachte an den ersten Moment, als sie im „Lovestory“ aufgetaucht war. Mit dem was dann kam, hatte ich nicht gerechnet.
Sie warf mir einen flüchtigen Blick zu.
„Aber, jetzt brauchen wir erstmal Tickets nach Amsterdam und für dich auch mal ein paar passende Klamotten.“
Ich genoss, wie sie wieder Mut fasste. Sie besaß eine wilde, wunderschöne Lebendigkeit.
„Sollen wir los?“
„Ja“, sage ich knapp.
Sie beugte sich zu mir und küsste mich noch einmal kurz. „Zum Überbrücken bis später. Komm!“
Ich hielt Schritt. Mein Kopf war voller Musik. Etwas wie Rock, so ‚en Sound, wie bei U2 oder Aerosmith, einer der zum Abspann eines Road-Movies passte. Ich wippte mit dem Kopf und spürte die zunehmende Aufregung die sich in meinem Bauch ausbreitete. Alles war ungewiss. Aber eh! Alles würde gut werden!

Ende