Wale die durchs Meer treiben (Kurzgeschichte)

Wale die durchs Meer treiben

September
Ich klappte den Sonnenstuhl nach hinten und nahm noch ein paar von den letzten Sonnenstrahlen des Sommers und vielleicht half ja, die Wärme in meinem Gesicht, gegen die Bitternis, in meinem Herzen.
Mir war bewusst, durchaus bewusst, dass ich mich zu wichtig nahm, dass wir Menschen, alle, wie orientierungslose Wale durchs Meer treiben, um Schutz an einer Küste zu finden, an der wir verenden. Trotzdem tat es weh, tat dieses jähe Ende fürchterlich weh, als wäre es wichtig und nicht nur ein ziellos Treiben im Ozean der Zeit.
Es klingt unromantisch, aber die Tiefe der Gefühle gründet nicht auf etwas Unfassbarem, sondern nur auf Zeit! Auf Räumen, Epochen, Entwicklungen und sehr bedeutsamen Momenten. Es ist eine Qualität, jemand nicht nur in seiner Gegenwart zu sehen, sondern in der gesamten Spanne seines Lebens … bis zu ihrem Ende – und den unmittelbaren Schmerz vorzufühlen, der uns verschreckt zurückeilen lässt, in die Gegenwart, wenn wir vorahnen, wie alles endet. Ein Schmerz der uns das Herz so schwer macht, wie es sonst nur die Täuschung eines Menschen vermag, den wir lieben.
Die Sonne tat gut. Ja, sie linderte den Schmerz, ein wenig. Es gibt ja Schmerzen die löscht nichts, wenn sie leichter werden, ist es schon gut.
Lesen half nicht, in diesen Tagen. Ich hatte es versucht. Vor allem mit dem Internet, hatte ich versucht, mich abzulenken. Aber je mehr ich las, umso weniger wollte ich lesen, umso mehr bekam ich das Bedürfnis, nichts mehr zu schreiben; oder wollte Geschriebenes für immer in der Schublade verschwinden zu lassen oder unter einem Berg Papiere. Oder es zu verbrennen!
Weil alles falsch ist! Wenn man es nicht aus Sehnsucht nach Bestätigung liest: ist alles falsch oder halb wahr, überzeichnet, erlogen, zu kurz gedacht. Lesen hilft nicht, aber schreiben, weil es erleichtert.
Man sollte es nur, am Ende, wie Kafka halten und versuchen, alles zu vernichten, ehe ein fremder Blick darauf fällt.
Also schrieb ich, spärlich, wie ein Kranker Nahrung zu sich nimmt, so gab ich Gedanken von mir. Ich schrieb nicht aus Freude, sondern, weil ich nicht aufhören konnte zu schreiben. Ich schrieb, wie das Meer fühlt, schwankend, unruhig, mit einer Welle kommend, mit einer sich zurückziehend, gebend und nehmend, unruhig, sich endlos widersprechend, in diesem Hin und Wider.
Die Sonne ist klarer. Sie strahlt! Es sind Wolken, die sie verdunkeln, die sich vor sie schieben oder die Erde die sich abwendet. Die Sonne kennt nur dieses Strahlen, dies, sich verausgaben und wärmen und auch verbrennen und ausdorren. Die Sonne hat keinen Widerspruch, sie hat etwas Unerbittliches.
Jetzt tat die Sonne mir gut, unerbittlich oder nicht. Mein Körper benötigte Ruhe, meine Hände, meine Beine, mein Herz und mein Geist benötigten Ruhe und Trost und etwas Stille vor sich selbst. Ein paar Sonnenstrahlen im Gesicht, die mich von mir ablenken. Das Glitzern an der Oberfläche, unter der ich dahin treibe.
Ich hatte Wale gesehen. Einmal bei einer Wal-Tour vor Reykjavik. Ein beeindruckender Moment, den ich kaum genießen konnte, weil zu viele Touristen auf dem Boot, für zu viel Gedränge sorgten und die wilde Fahrt meinem Magen nicht bekam. Der Eindruck von Größe blieb trotzdem. Von Größe und Geheimnis. Das Geheimnisvolle von Geschöpfen, die in unermesslichen Tiefen warten, vielleicht abwarten, bis wir wieder verschwunden sind, von der Erde. Wir haarlosen Affen, die alles verwüsten. Sie tauchen durchs Meer, in endlosen, weiten Bahnen, flüstern sich Schallwellen zu und erzählen sich Geschichten über Äonen.
Dorthin musste ich wiederkommen – wenn dieser Schmerz nachließ, wenn dieser bittere Kelch getrunken war: Zu dieser Sicherheit, in meinem Element zu sein, auf meiner Bahn zu sein, ohne, dass wichtig war, wer kam und ging. Wichtig war nur, die Einsamkeit in dieser Weite zu begreifen, wenn sich das Gemeinsame nicht fand …

Oktober
Ich mag diese tief fliegenden bleifarbenen Wolken, bei denen man weiß, dass man bald, in eine Decke gehüllt, mit einem Buch auf dem Schoß, auf dem Sofa sitzen wird, während dicht fallende Regentropfen gegen die Scheibe schlagen. Man wird nicht lesen, sondern träumen und trauern über das Leben und sein vergängliches Glück.
Aus dem Unbestimmten was man fühlt, bilden sich Gedanken und Stimmungen, die man mit niemand teilen kann, denn erzählen kann man erst, wenn man zusammenhängend fühlt, solange man fragmentiert zwischen Emotionen wechselt, ist man nicht in der Lage sie mitzuteilen.
Deshalb gefährdet einen großen Text, jede große Lebenskrise, die die grundlegende Stimmung zum Einsturz bringt. Die ganz anderen Themen, einen anderen Stil fordert, die eine Disharmonie zum bestehenden Text darstellt.
Darum leben Schriftsteller gerne zurückgezogen und einsam.
Es geht darum Takt, Tempo und Melodie, über einen langen Zeitraum zu halten, unter allen Umständen, damit irgendwann, irgendjemand, der während der Regen gegen die Scheibe klopft, diese, auf Seiten fest gehaltene Stimmung, auf dem Schoß halten kann und ins Träumen und Trauern geraten, über das Leben und sein vergängliches Glück …
Die Tage waren noch einmal schön, ehe sie kühl wurden. Das klingt, wie das Leitmotiv des Alterns.
Ich mag diese Zeit, wenn das Herbstlaub ein letztes Mal in leuchtenden Farben, als wäre es Lack, die Äste schmückt und sich strahlend vom blauen Himmel abzeichnet, ehe es, braun und verwelkt zur Erde taumelt.
Früher schrieb ich in dieser Zeit gerne Gedichte, harmlos-romantische Herbstgedichte. Aber jetzt war mir, obwohl Wochen vergangen waren, noch immer nicht nach reden, nicht nach schreiben, nur nach schweigen.
Ich wusste, es wird sich ändern. Irgendwann würde ich, wie jemand der lange nicht mit anderen gesprochen hat, zum Schreiben kommen: schwerfällig und ungeübt, als müsse ich meine Stimme finden und wieder gebrauchen lernen, wie einen eingeschlafenen Arm, den man schüttelt, bis er langsam fühlbar wird. So würde ich, irgendwann, stoßweise Worte finden und wieder in Fluss kommen.
Es ging immer weiter und weiter. Bis es zu Ende geht …

November
Dann kam der Schnee, mit feuchter Luft und blassgrauem Himmel, mit Stille in der Welt und Gedanken an Heiligabend.
Wenn ich morgens zur Arbeit ging, war es bereits wieder dunkel und die kurze nachgereichte Helligkeit durch die Zeitumstellung, war bereits wieder aufgebraucht. Das gefallene Laub, lag als dichter Teppich auf den Wegen und die beiden Eichhörnchen, die ich die Wochen zuvor, auf der Jagd nach Beute durch die Nussbäume kletternd gesehen hatte, waren verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.
Mir ging es besser.
Je vertrauter ich mit der Einsamkeit wurde, umso leichter fiel es mir durch die Tage zu kommen. Ich fing an, mich zu hören, wieder in den Dialog mit mir zukommen. Fand den Abstand zum Außen, ohne den es unerträglich ist zu leben.
Wenn man die Dinge zu nah an sich heranlässt – und ich meine die Menschen – kann man nicht glücklich werden. Man muss sein Herz heimlich öffnen, wie man die Fenster im Winter nur kurz und heimlich öffnet, damit etwas Frische, aber nicht zu viel Kälte herein kommt, ins warme Innere, wo ein Feuer brennt und einige schöne Geschichten gemütlich im Regal stehen, die bei einer Tasse Tee noch schöner zu lesen sind.
Manchmal ist Leben nicht mehr, als der verzichtbare Teil zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen. Ohne Träume nicht zu ertragen. Aber, da die Spanne zwischen Geburt und Tod kurz ist, genügen Träume nicht. Man muss irgendwann beginnen mit, Hoffnungen, mit Liebe und Sehnsucht aufzuwachen und sie durch den Tag tragen, damit man sich abends, mit etwas Schönem, im Sinn schlafen legt und freut, auf den nächsten Tag.
Statt dem Schnee kam Regen. Der Schnee sollte in jenem Jahr auf sich warten lassen bis in den Januar, wie damals …
Es regnet, wie mir schien unerschöpflich. Es regnet gegen das Dachfenster, nachts wenn ich wach lag und nachdachte, es regnete, wenn ich bei der Arbeit ankam und die Stufen hinauf zum Hauptgebäude lief und auch auf dem Weg zurück und es regnete gegen die Scheibe vom Küchenfenster, wenn ich mir abends etwas kochte, zu meist ein schnelles Pfannengericht, obwohl mein Appetit zurückgekehrt war, wie ein treuer Freund, der zu Besuch kommt, wenn alle anderen fernbleiben. Die Menschen wittern ja, wenn das Schicksal sich einen vornimmt. Die griechischen Mythen sind voll solcher Geschichten, in denen der gestraft wird, der gegen die Götter handelt, gleich ob er für die Moral gehandelt hat.
Über solches dachte ich nach, während der Regen die Welt tränkte und ich auf eine unschuldige Welt in weiß wartete.
Tatsächlich hätte ich die Götter viel zu fragen gehabt, wenn ich an sie geglaubt hätte: Weshalb Treue mit Untreue bezahlt wurde und Ehrlichkeit mit Lüge und Wachstum mit Welke. Vermutlich hätten sie gelacht und sich gewundert, weshalb ich mich an ihren Spielen störe, statt mitzuspielen und mir zu nehmen, was zu stehlen war. Sie hätten mir erklärt, dass ich selbst schuld sei, auf Liebe zu verzichten, weil ich die Täuschung nicht zu durchschauen vermochte. Ich hätte keine Antwort besessen.
Das wusste ich, während ich dem Regen lauschte, der mir erzählte, dass jeder seiner Tropfen notwendig war, um den Durst der Welt zu stillen. Nur dann, einzig nur dann, wenn jeder Tropfen mit den anderen fiel, bestand die Chance, dass die Welt irgendwann wieder blühte.
In der Liebe ist man immer geborgen. Wenn man die Liebe versteht …
Es kam die Zeit für Kaminabende. Zwei Mal am Tag, am Morgen und am Abend schichtete ich Holzspäne, um zwei Wachs getränkte Holzwolle Stücke und legte, wenn sie eine erste Glut bildeten, zwei dünne Scheite und schließlich einen kräftigen auf. Damit das Feuer gut in Gang kam. Und wartete bis es warm wurde, wie es durch die Liebe warm wird, wenn man ihr nah bleibt.
Ich saß meist nur kurz am Feuer, welches die ganze Wohnung mit Wärme versorgte. Das kleine Sofa in der Nähe nutzte ich nicht lang, weil es immer etwas zu tun gab. Aber bis das Feuer brannte saß ich beim Kamin und schaute durch die Feuerscheibe nach den Flammen.
Wenn man diese Wärme hat, ist man sicher, egal, wie kalt die Welt ist. Die Liebe ist nicht außen, sie ist eine innere Verfassung. Andere kommen und gehen, wärmen sich oder nicht, geben etwas Wärme dazu oder nehmen sie nur auf, das Feuer bleibt bis es erlischt. Die Welt muss dann sehen müssen, wo sie neue Wärme findet.
Diese Liebe in sich zu entwickeln, ist das Geheimnis. Nicht die Liebe, die beliebig alles umfasst, verantwortunglos und selbstbezogen, sondern jene wohlwollende, an der man sich wärmen kann; an der man sich verbrennt, wenn man sie halten will; die man verliert, wenn man sich entfernt.
Diese wohlwollende Liebe, die alles sicher und schön machen will, an die dachte ich, während das Holz im Ofen knisterte und hielt still die Hände, weil sich früher oder später immer, jemand mit ans Feuer setzt …
Die Feiertage waren still in jenem Jahr. Zum Heiligabend hin wurde es nicht weiß, sondern es blieb grün und mild, als würde der Winter dieses Jahr ausfallen und durch einen zweiten Frühling ersetzt.
Mir war das einerlei, nicht weil mir alles gleichgültig wurde, sondern weil mir alles gleich bedeutsam erschien. Weil ich milde Feiertage so schön finden konnte, wie weiße. Die frühlinghaften würde ich draußen mit Spaziergängen verbringen, die winterlichen, mit einem Buch auf dem Schoss am Kamin.
Du warst weg und, wenn ich ehrlich war, fehlte mir nicht viel. Viel fehlt nur, wenn Respekt oder Wärme oder Nähe verloren geht. Das fühlte ich nicht. Ich merkte, dass ich, wie Nietzsche es einmal beschrieben hatte, schon länger „in meinem eigenen Licht gelebt“ hatte und das musste ich einfach nur weiter tun.
Natürlich war manches beschwerlicher. Das ist es immer, wenn man allein lebt, deshalb sehnt sich ja jeder Mensch nach Bindung. Aber, wenn er immer ans Geben denkt, verliert er nichts, wenn ein Nehmender wegfällt. Nur eines verliert er, die Freude am Schenken. Aber es gibt so viel Bedürftigkeit, dass sich damit leben lässt.
Diese Bedürftigkeit, wurde noch nie mit Weihnachtsgeschenken gestillt.
Weihnachten blieb grün. Ich war mehr draußen unterwegs, als mit einem Buch auf dem Sofa. Wenn es mir doch lästig war, dass die Luft nach Frühling roch, dachte ich an ein Weihnachten, welches ich im Süden Indiens verbracht hatte, in Badehosen am Strand bei 25 °C kurz vor Mitternacht.
Wir assoziieren uns, was wir für richtig halten.
Auf den Jahreswechsel freute ich mich, weil er sich mir immer, als Neuanfang darstellte, als Chance alte Haut abzustoßen und neue aufzubauen. Ich beging ihn auch in diesem Jahr, mit dem gleichen Ritual, wie in den letzten zwanzig. Es war schön, etwas Beständiges in mir zu finden, das all diese Umbrüche und Veränderungen überlebt hatte.
Ich fragte mich, ob das meine Seele sei. Oder die Allseele, der Atman, an den die Hindus glauben

Januar
Dann wurde die Welt weiß und still. Der Schnee kam über Nacht. Er war am Vorabend zu ahnen, aber der Himmel hielt die Flocken noch zurück. Als würde er warten, wie eine Frau manchmal mit ihrer Antwort wartet, damit der Mann sich mehr darüber freut. Eine schöne Spannung, wenn beide sich darin verstehen und es ernst miteinander meinen.
Ich zog gleich Kleider, Stiefel und Mantel an und ging hinaus. Ohne Frühstück und noch halb schlaftrunken. Wenn der Schnee frisch ist und noch keine Trittspuren den Weg markieren, ist es am schönsten unterwegs zu sein. Die Beine werden schnell schwer und es knirscht wundervoll bei jedem Schritt, den man in die unberührte Welt macht. Als wäre man der erste Mensch oder der erste Affe, in dem menschliches Bewusstsein erwacht. Als würde man den Moment erleben, in dem ein erstes Geschöpf sich nicht mit, sondern neben der Welt empfand, als Beobachter, als Gast, als etwas nicht Systemimmanentes, auch, wenn dieses Wort gar nicht den Zauber beschreibt, der sich einstellt, wenn das Erstaunen über das Sein der Welt einsetzt.
Beeilt hatte ich mich auch deshalb, weil es noch immer schneite. Noch schöner finde ich Schneewanderungen, wenn sie nicht gemütlich unter blauem Himmel stattfinden, sondern, wenn weiter dicht Schnee fällt, wie etwas Unerschöpfliches. Wenn Flocken auf die Wangen fallen und dort zärtlich stechend schmelzen oder sich im Bart verfangen, schmelzen und zu kleinen Eiskugeln werden. Als wäre man weit draußen, einsam auf Polarexpedition im Ewigen Eis, in Gesellschaft nur von Schlittenhunden, die den Proviant ziehen. Von der Kälte nicht mehr bedroht, als von Eisbären, die nach Nahrung suchen.
Dabei geht es nicht um Einsamkeit! Sie hören es ungern, weil es ihr Ego trifft, aber einsame Menschen machen einsame Menschen, weil ihnen Kraft und Mut fehlt eine Bindung zu riskieren, nicht, weil sie stark in der Einsamkeit sind. Sie sind schwach in der Bindung.
Die eigentliche Sehnsucht, ist die Sehnsucht nach Resonanz. Nach einem Widerhall und Verstanden werden. Wenn Menschen sich mögen, wenn sie sich lieben, dann achten sie darauf einander eine Resonanz zu bilden. Nicht im Sinn einer Angleichung, sondern eines Dialogs. Es geht kein Gefühl ins Leere, es bleibt nichts unbeantwortet.
Die Welt gibt uns Resonanz, sie duftet für uns oder wir lehnen uns gegen den Wind, sie bezaubert uns mit Herbstlaub und droht uns mit Gewittern. Sie lässt uns suchen nach Antwort und belohnt uns mit Erkenntnis. Sie ist wie ein gewaltiger Raum, in welchem der Klang unserer Seele voll wird.
Dann trafen wir uns und einen unvernünftigen Moment lang, nahm ich an, dass damit alles, von allein schön werden würde, weil du in mein Leben kamst, wie nur die richtigen Dinge ins Leben kommen: wie man einen Freund unverhofft kennenlernt, Lösungen, wie zu geflüstert findet, im passenden Moment den richtigen Satz auf den Lippen hat, wenn so vieles, falsch gesagt sein könnte; wie man sich verliebt.
Aber so, wie man im Januar keiner Frühlingsahnung glauben sollte, sondern geduldig bleiben musste, so musste auch ich besonnen bleiben. Ich musste dich hören und sehen, in deiner Suche und durfte nicht blind, dich zum Ziel meiner Suche machen.
Denn das macht die Sehnsucht aus, dass wir insgeheim alle nach Verbindungen suchen, nach einem Muster welches erklärt was wir erleben, welches zu einem Sinn und damit zu einem Trost führt, weil das alles Leid, alles Weh, alle Verluste erklären würde, die wir im Kleinen und Großen erleben. Welche zu ertragen sind, wenn die Welt, wenn das Leben einen Sinn hat. Wenn durch, alle Schritte, Verluste und Veränderungen, etwas Großes und Schönes werden kann, wenn wir sie erdulden, wie mit jeder Wehe Leben wird.
Ich weiß von diesem Tag nicht mehr viel, weil ich ihn nicht wahrnahm, neben dir. Da wir Zeit hatten setzten wir uns in ein Café und erzählten: die Zeit ging schneller vorbei, als uns die Themen ausgingen und nachdem du gingst, verbrachte ich den Rest des Tages damit nachzuhorchen, was du in mir ausgelöst hattest.
Es war nicht ein Gefühl, nicht eine Gruppe ähnlicher Gefühle, sondern eine wilde Mischung von Gegensätzlichem: Ich hatte Angst vor dem was ich fühlte, weil ich gerade bei mir heimisch geworden war. Ich hatte Angst, dass es dir ähnlich ging und für dich unsere Begegnung, nicht mehr als Zufall war. Und hatte Angst, dass du ähnlich verunsichert sein könntest und daran alles scheitern würde.
Zugleich war in deiner Nähe alles gut! Als würde alles in dir Ja zu mir sagen und alles in mir Ja zu dir.
Also zweifelte ich.
Und tröstete mich: mit deinen Blicken, deinem Lächeln und deinem Duft.
Dann kam der Regen und spülte den Schnee weg und tauchte die Welt in ein diffuses Grau, welches nur vom wechselnden Licht, zwischen den Tageszeiten variiert wurde. Den meisten Menschen schlägt diese Witterung aufs Gemüt, ich hingegen fühle mich wohl und habe zu meist meine kreativsten und ruhigsten Phasen.
So war es auch in diesem Jahr. Dich traf ich nicht wieder. Du meldest dich nicht und ich hatte nicht die Kraft, mich um jemand zu mühen, der nicht mit mir in Dialog treten wollte. Aber das war okay. Ich nahm es dir nicht übel. Es war vielleicht auch gut, um nichts zu überstürzen und um die eine Wunde heilen zu lassen, ehe ich den Weg einschlug, mir die nächste einzufangen …
Die Tage hatten wieder Rhythmus: Aufstehen, Feuer machen, Frühstück, Arbeiten, Essen, Arbeiten, Kaffee, Schreiben, Abendbrot, ein wenig Fernseher und Schlafen. So ging es Tag für Tag und all diese Dinge waren mit unzähligen Feinheiten verbunden. Manchmal stand ich leicht, aus einem guten Traum, auf. Manchmal war ich kaum in der Lage, die Bettdecke von mir zu heben. Mal genoss ich den Moment am Kamin, manchmal war ich zu müde wieder und wieder das Gleiche zu tun. An einem Tag war das Frühstück liebgewonnenes Ritual, am nächsten ekelte mich der gleiche Tee, zum gleichen Brot. Die Arbeit war angefüllt, mit stillen Erfolgen und lauten Niederlagen und das Schreiben ging an manchem Abend leicht von der Hand, am nächsten stotterte ich jedes Wort. Zwischen diesen Extremen lagen so viele Stufen, wie es graue Stufen draußen gab, in einer verregneten und durchnässten Welt.
Wir wissen manchmal nicht warum. Der eine braucht einen Glauben, um trotzdem weiter zu machen. Der andere zerbricht an dieser unlösbaren Frage. Ich hielt es aus. Vielleicht, weil mir der Glauben an weitere Leben fehlt und der an ein Paradies (oder eine Hölle). Es gab vielleicht nur diese eine, einzige Chance, leben zu dürfen. Das war etwas Besonderes. Etwas Schönes und Ahnungsvolles, egal wie viel Regen draußen fiel.

Februar
Ab diesem Tag, trafen wir uns häufiger. Wir redeten nicht viel und gingen auch nicht erneut zusammen aus, aber die kurzen, ruhigen Begegnungen waren schön und ich wurde von Mal zu Mal sicherer was ich fühlte. Es war, wie ein Wolkenspalt durch den Sonnenlicht dringt.
Ob es dir genauso ging, konnte ich nicht einschätzen. Ich wusste nicht, ob du unsicher warst, weil du, wie ich fühltest oder einfach distanziert, weil du gar nichts in meine Richtung dachtest.
Ich entschied, dass ich darüber nicht entscheiden musste. Mir war klar was ich fühlte und ich war bereit diesem Gefühl zu folgen, egal wohin es mich bringen würde.
Es war ein schöner Monat. Ziemlich mild, mit Temperaturen von fast 10 °C. Der Himmel war an vielen Tagen blau und die Luft frisch und, wie vom Winter gereinigt. Mein altes Leben, welches so plötzlich und schmerzhaft zerbrochen war, erschien mir, wie ein fremdes Leben und ich hatte alle Mühe, diesem ungesunden Prozess der Verdrängung eine bewusste Verarbeitung entgegen zu stellen, um für die Zukunft zu lernen.
Irgendwann hatte ich verstanden, dass die meisten Menschen ihr Leben lang im gleichen Hamsterrad rennen, weil sie keine Erfahrung, lange zu betrachten, fähig sind. Sie erlebten etwas, nehmen es als gegeben hin und wundern sich Jahre später, dass ihr kleines Glück immer kleines Glück bleibt und sich ihr Elend immerfort wiederholt.
Das änderte sich, prinzipiell nicht, wenn man bewusst zu leben versucht. Auch dann gibt es Höhen und Tiefen. Was sich verändert ist, dass das Glück sich in einer großen Leidenschaft, einem Werk oder einer Wirkung vollenden kann und das Leid in ein Lernen übergeht, welches Leid von anderen abhält – weil man verstanden hat.
Während ich die kurzen Stunden am Wochenende, die frei von Pflicht waren, für Spaziergänge entlang des kleinen Flusses nutzte, der ganz in der Nähe floss, räumte ich in diesem Sinn, in meinem Herz und in meinen Gedanken auf. Das ging ganz nebenher, während ich nach dem Stand der Haselsträucher und der Brombeeren sah, die noch kein Erwachen aus dem Winterschlaf zeigten und meine Blicke über die Apfel- und Birnenbäume strichen, die ihre kahlen Äste der Sonne entgegenstreckten, damit die ihnen Blüten aus den Knospen lockte.
Ich war mit der Welt im Einklang. Es gab nichts aufzurechnen. Sie konnte nichts für meine Schmerzen und sie hinderte mich nicht an meiner Zufriedenheit.
Sehnsucht weckte nur die Frage, wie es wäre, diese Wege, mit dir an meiner Seite zu gehen.
Wie Wale durchs Meer treiben, trieben die Wolken am Himmel, langsam, kraftvoll, majestätisch. Ich saß an meinem Küchentisch und sah ihnen zu und versuchte zu fassen, was unser Bewusstsein nie fasst: Die Wirklichkeit.
Die Natur ist heilsam, wenn die ganze Seele brennt. Manchmal auch ein gutes Buch, ein kluger Film, eine Tasse Tee auf dem Sofa – und stille, friedlich, wissende Stille.
Das Fenster durch das ich sah, war von einem Platz in meiner Küche, wie ein Gemälde. Ein Gemälde mit immer neuen Themen. Heute waren es die Wolken, die über einen Streifen Siedlung, eine hinter Bäumen verborgene Schnellstraße, die Pferdekoppel, die Wiesen und Gärten zogen.
Es waren weiße Wolken, Cumuluswolken, die mich eher an Schafe, als an Wale hätten erinnern müssen. Aber in meinen Gedanken war das nicht entscheidend. Die Wolken trieben ins Ungewisse, wie die Wale. Manchmal trieben sie auf eine Küste zu, um zu verenden, aber auch, wenn das geschah, sie trieben gemeinsam und das machte ihr Glück aus.
Ich nahm einen Schluck Grüntee aus der Tasse vor mir und stellte sie wieder ab.
Es war ein schöner Morgen, ich hatte das Buch zu Ende gelesen, welches mich die letzten Tage beschäftigt und berührt hatte. Ein einfacher Roman, den man nur fühlt, wenn man „es“ kennt.
Mancher Text ist erlitten, mancher nur geschrieben. Mancher braucht Licht, um zu strahlen und mancher leuchtet aus sich selbst. Mir hatte dieser Roman geleuchtet. Wie damals „Roßhalde“ von Hesse, wie „Victoria“ von Hamsun oder die „Schwere Stunde“ von Mann. Alles Geschichten, die nicht blendeten, alles Geschichten die nicht im Licht eines Nobelpreises badeten. Mir hatten sie, jede zu ihrer Zeit, die Tür zu einem tieferen Verständnis geöffnet.
Ich war froh, nach langer Zeit, ein solches Buch wieder gefunden zu haben. Und ich war froh, um diesen Moment.
Ich spürte deinen Blick und sah zu dir hinüber. Du lächeltest, mit diesem Blick in mein Herz, dem ich nichts verbergen kann.
Und draußen trieben die Wolken vorbei, wie helle Wale, die durchs Meer treiben.

Ende

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