Wale die durchs Meer treiben (10)

Januar

Dann wurde die Welt weiß und still. Der Schnee kam über Nacht. Er war am Vorabend zu ahnen, aber der Himmel hielt die Flocken noch zurück. Als würde er warten, wie eine Frau manchmal mit ihrer Antwort wartet, damit der Mann sich mehr darüber freut. Eine schöne Spannung, wenn beide sich darin verstehen und es ernst miteinander meinen.

Ich zog gleich Kleider, Stiefel und Mantel an und ging hinaus. Ohne Frühstück und noch halb schlaftrunken. Wenn der Schnee frisch ist und noch keine Trittspuren den Weg markieren, ist es am schönsten unterwegs zu sein. Die Beine werden schnell schwer und es knirscht wundervoll bei jedem Schritt, den man in die unberührte Welt macht. Als wäre man der erste Mensch oder der erste Affe, in dem menschliches Bewusstsein erwacht. Als würde man den Moment erleben, in dem ein erstes Geschöpf sich nicht mit, sondern neben der Welt empfand, als Beobachter, als Gast, als etwas nicht Systemimmanentes, auch, wenn dieses Wort gar nicht den Zauber beschreibt, der sich einstellt, wenn das Erstaunen über das Sein der Welt einsetzt.

Beeilt hatte ich mich auch deshalb, weil es noch immer schneite. Noch schöner finde ich Schneewanderungen, wenn sie nicht gemütlich unter blauem Himmel stattfinden, sondern, wenn weiter dicht Schnee fällt, wie etwas Unerschöpfliches. Wenn Flocken auf die Wangen fallen und dort zärtlich stechend schmelzen oder sich im Bart verfangen, schmelzen und zu kleinen Eiskugeln werden. Als wäre man weit draußen, einsam auf Polarexpedition im Ewigen Eis, in Gesellschaft nur von Schlittenhunden, die den Proviant ziehen. Von der Kälte nicht mehr bedroht, als von Eisbären, die nach Nahrung suchen.

Dabei geht es nicht um Einsamkeit! Sie hören es ungern, weil es ihr Ego trifft, aber einsame Menschen machen einsame Menschen, weil ihnen Kraft und Mut fehlt eine Bindung zu riskieren, nicht, weil sie stark in der Einsamkeit sind. Sie sind schwach in der Bindung.
Die eigentliche Sehnsucht, ist die Sehnsucht nach Resonanz. Nach einem Widerhall und Verstanden werden. Wenn Menschen sich mögen, wenn sie sich lieben, dann achten sie darauf einander eine Resonanz zu bilden. Nicht im Sinn einer Angleichung, sondern eines Dialogs. Es geht kein Gefühl ins Leere, es bleibt nichts unbeantwortet.
Die Welt gibt uns Resonanz, sie duftet für uns oder wir lehnen uns gegen den Wind, sie bezaubert uns mit Herbstlaub und droht uns mit Gewittern. Sie lässt uns suchen nach Antwort und belohnt uns mit Erkenntnis. Sie ist wie ein gewaltiger Raum, in welchem der Klang unserer Seele voll wird.

11/19 PGF

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