Die Hand (5)

10.52

„Und wer, sagen Sie, schickt Sie zu mir?“
„Dr. Miller, der Pathologe aus dem Städtischen Krankenhaus.“
Frazer verbarrikadierte mit seinem Körper weiterhin den schmalen Türspalt, den er offengelassen hatte, um nachzusehen, wer an seiner Haustür geklingelt hatte.
Es war ein nettes Einfamilienhäuschen, mit weißem Holzzaun und gepflegtem Garten, den sicher nicht der alte, dürre Mann versorgte, der Tate misstrauisch im Blick hatte.
„Ist das diese übergenaue Laborratte, die meint, wenn man Tote aufschneidet, könnte man das Leben begreifen.“
Tate verbiss sich ein Schmunzeln.
„Ja, so könnte man ihn beschreiben.“
„Und was haben Sie miteinander zu tun?“
„Wie ich sagte. Ich bin Ermittler und untersuche einen ungewöhnlichen Leichenfund. Genauer gesagt einen teilweisen Leichenfund.“
„Und was haben Sie gefunden?“
„Sir, ich würde das ungern hier draußen besprechen. Wenn ich kurz hereindürfte.“
Frazer schien kurz mit sich zu hadern und es war unklar, ob es Angst vor dem Fremden war oder Scham über den Zustand der Wohnung, die vielleicht nicht so gepflegt war, wie der Garten.
„Wenn es denn zur Hölle sein muss.“
Der Ethnologe öffnete die Tür ganz und ließ Tate eintreten. Dem fiel nicht mehr auf, als abgestanden Luft, ansonsten war die Wohnung ordentlich.
Das Wohnzimmer allerdings sah weniger geordnet aus. Überall lagen Bücher herum. Die meisten aufgeschlagen, mit Post-ITs die Seiten markiert. Wo keine Bücher lagen, standen Gläser oder Teller auf denen Essenreste langsam eintrockneten.
„Sehen Sie sich ja nicht zu genau um. Worum geht es?“
„Nein, Sir, keine Sorge. Sieht einfach nur belebt aus. Es geht um eine Hand.“
„Erzählen Sie mir von der Hand!“
„Die Hand haben wir unten am Falstaff gefunden. Eine Kinderhand, amputiert.“
„Von einem lebenden Kind?“
„Ja.“
Frazer verzog angewidert das Gesicht und ging zu einem Regal. Es übersät war mit Ordnern, in denen Zeitungsausschnitte, Internetdrucke und handgeschriebene Notizen gesammelt waren. Er nahm einen heraus und fing an darin zu blättern.
„Also hier haben wir es ja: Übertragen von Unheil auf Menschen. Warten Sie! Nein, nichts mit Kindern.“
Er blätterte weiter.
„Polynesier – Kinder bei Geburt getötet. Kinder durch magische Riten erzeugen. Neugeborene für die Maissaat opfern. Nein, nichts mit Händen. Amputiert sagen Sie?“
„Ja, amputiert und dann so vernäht, dass das Körperteil in sich integer wirkt.“
„Aber es würde verwesen.“
„Wie meinen Sie?“
„Nun, wenn die Weichteile drin sind und die nicht plastiniert werden, wird die kleine Hand verwesen. Sie wissen schon mumifizieren, wenn es erhalten bleiben soll.“
Der Alte sah Tate verschmitzt an.
„Na! Aufs Naheliegende nicht gekommen.“
„Nein, Sir, offensichtlich nicht. Könnte das was bedeuten?“
„Alles hat etwas zu bedeuten. Wissen Sie das nicht? Uns fehlt nur der intuitive Zugang zur Welt, um das zu verstehen. Weil wir alles denken. Sie denken jetzt auch viel zu viel. „
„Dr. Miller meinte ich denke zu wenig.“
„Papperlapapp! Ich habe als Ethnologe mindestens zwei Dutzend Medizinmänner kennen gelernt, die Dinge über die Natur, über die Sterne, über den Menschen wussten, dass würden Sie nicht lernen, wenn Sie 30 Semester studieren. Denken ist gut. Aber die waren Geheimnisse liegen im Unbewussten. Sie stehen da, aber schalten Sie jeden Muskel an, damit Sie stehen können? Sie atmen, machen Sie das bewusst? Sie reden mit mir, kontrollieren Sie bewusst ihre Zunge oder lagern Sie was ich sage bewusst in ihren Nervenzellen ein? Sie wüssten nicht mal wo die liegen, um ihr Gedächtnis zu bilden. Unser Denken ist nur der Schaum, nicht mehr. Den muss man abschöpfen, um klar zu sehen.
Diese Hand ist spannend. Ich hatte einen Studenten: Krieger, Edward. Ein ziemlicher Spinner, aber ein verdammt kluger Kopf. Er hat sich zum Anthropologen gemausert. Sprechen Sie mal bei ihm vor. Vielleicht kann der mehr helfen.“
„Das ist sehr freundlich. Wenn Sie die Adresse hätten. Aber Sie haben mir schon geholfen.“
„Ich? Wie denn?“
„Sie haben den Schaum abgeschöpft.“

PGF 11/19

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