Die Hand (6)

12.10

Krieger gab Tate zu verstehen, dass er vor dem Nachmittag nicht zu erreichen war. Deshalb entschied Tate nach Hause zu fahren und sich um ein vernünftiges Mittagessen zu kümmern. Er bewohnte eine gemütliche Zwei-Zimmerwohnung am Rande der Stadt, die ihm ausreichend Platz und Ruhe bot, um sich von der Arbeit zu erholen.
Er ging seinem Beruf gerne nach. Auch, wenn der manchmal dazu führte, dass er es mit amputierten Kinderhänden zu tun hatte. Die Illusion, mit seiner Arbeit, das Böse aus der Welt zu bannen, hatte er längst verloren. Für Tate ging es darum, den einzelnen Täter, für die einzelne Tat bestraft zu sehen und das gelang ihm in der größten Zahl der Fälle.
An das Alleinleben hatte er sich gewöhnt. Er folgt gerne seinen Launen und für solche Menschen war es gut, wenn sie sich nie für Familie entschieden und diesem stillen Narzissmus der eigenen Empfindung folgten, statt andere Leben damit zu belasten. Darin war er einsichtig.
Manchmal hatte er eine Verabredung und für einen Abend konnte er unterhaltsam sein, aber er war ungern dauerhaft unterhaltsam, unternehmungslustig und ein guter Zuhörer.
Wenn die trüben Tage kamen, hing er dieser Stimmung gerne nach.
Über die Jahre war er selbstgenügsam geworden und musste sein Glück nicht auf Reisen suchen.
Seine Fähigkeit zu zuhören, war mit der Zeit, immer stärker davon beeinflusst, dass er Menschen verhören musste. Er neigte dazu, zu erfragen was er hören wollte und nicht sehr geduldig mit dem zu sein, was jemand von sich erzählen mochte.
Alles in allem war die Lage also klar und er hatte mit seiner Beziehungslosigkeit Frieden geschlossen.
Einen Bruch in diesen Frieden brachte Susan. Sie war seit zwei Jahren, in seinem Revier angestellt und beschäftigte ihn, ohne dass er das näher erklären oder begründen konnte. Es war schön sie zu treffen. Es war schön sich mit ihr zu unterhalten und in ihrer Nähe zu sein. Aber er zweifelte, dass sie mehr für ihn empfand, als Sympathie. An Tagen, an denen sie sich trafen, war der Abend nicht gemütlich, sondern einsam und er malte sich aus, wie es wäre, mit ihr Essen zu gehen oder gemeinsam mit ihr auf dem Sofa zu sitzen und den Abend zu gestalten. Den Mut sie einzuladen hatte er nicht.
Also kochte er für sich allein, wie an diesem Mittag. Schweinefleisch in Streifen und Schwarzwurzeln in Sahnesauce. Gesund und herzhaft war sein Motto.
Als das Essen fertig war, nahm er es an den kleinen Tisch, der in der Küche stand und begann zu essen.
„Sie wüssten nicht mal wo die Nervenzellen liegen, die ihr Gedächtnis bilden.“ Hatte Frazer vorhin zu ihm gesagt und recht damit. Genauso wenig wusste er, was aus dem wurde, was er, als Mittagessen in diesem Moment zerkaute und wo es genau hinfiel. In den Magen – aber was bedeutete das? Noch weniger was dort damit geschah. Er wusste nur was er in den Mund schob und was am anderen Ende wieder herauskam. Den ganzen Rest – und der war entscheidend, für sein Leben und seine Gesundheit – war ihm unbekannt.
So lebte er Tag für Tag. In einer Welt die er nicht verstand, in einem Körper den er nicht kannte, obwohl es sein eigener war. Es war seltsam das zu begreifen. Es war einer dieser Gedanken die, wenn man ihnen folgte, alles unwirklich machten.
Also folgte er ihm nicht und konzentrierte sich auf sein Essen.
In tieferen Schichten seiner Seele allerdings, in jenen Schichten, die unterhalb der Schwelle zu den Worten liegt, beschäftigte ihn die Frage, ob er in Susans Fall ebenfalls nicht begriff, was in seinem Inneren geschah. Möglicherweise viel mehr als er sich eingestand, vielleicht etwas, das ihm bestimmt war …

11/19 PGF

3 Kommentare

  1. Zitat: Tagen, an denen sie sich trafen, war der Abend nicht gemütlich, sondern einsam…
    Da fehlt ein „nicht“? „… an denen sie sich nicht trafen …“

    Der letzte Satz, da gehört ein DAS (anstatt des dass) hin.

    Genau dieser letzte Satz macht neugierig wie es weiter geht… 🙂

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      1. Es gibt so Sachen… Bei mir ist es die Kommasetzung. Das fällt mir zwar bei dir auch auf, du setzt zu viele Kommas, die den Fluss unterbrechen. Aber ich bin da eben selbst nicht sehr sicher. Und es gibt zwar Regeln dazu, aber irgendwie… 😉

        Ach so war der Satz gemeint, verstehe. Also wenn sie sich tagsüber trafen, war der Abend einsam. Ich dachte „An Tagen, an denen sie sich trafen…“ bedeutet, da haben sie sich gesehen und wie kann es dann einsam sein. Dass sie sich dann nur tagsüber sahen und er abends alleine war, kam für mich nicht so klar hervor.

        Du bist selbst gespannt wie es weiter geht…? Haha… Na dann… 😀

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