Die Hand (7)

12.36

Tate nahm in seinem Sessel Platz, legte die Füße auf den Hocker davor und schloss die Augen. Er überließ sich der Verdauungsmüdigkeit, ohne, dass sie ganz von ihm Besitz ergreifen konnte. Er versuchte seine Gedanken treiben zu lassen, als wolle er einschlafen und beschäftigte sein Gehirn zu gleich, damit er die Kontrolle nicht über sie verlor. Sein Körper wurde schwer.
Mit Klarträumen beschäftigte er sich erst seit Kurzem. Mehr aus gelangweilter Neugier, als aus echtem Interesse. Das Phänomen war interessant, weil ihn die Frage nach der Wirklichkeitskonstruktion schon länger beschäftigte. Vermutlich war es, ab einem gewissen Leidensdruck, der einzige Weg, um menschlich zu bleiben: sich alles als eine Art Traum oder Illusion zu erklären. Als etwas was dem eigenen Denken mehr entsprach, als einer greifbaren Wirklichkeit. Die Realität war für einen alten Menschen aus New York etwas anderes, als für eine Eskimomutter. Man hielt für wahr, was man wahrnahm und je älter man wurde, umso mehr begnügte man sich damit es nicht mehr zu hinterfragen.
In Klarträumen durchbrach man diese Schranke des Bewusstseins, die im Wesentlichen mit den Hirnwellen zu tun hatte. Der Geist war keine konstante Verfassung, sondern flackerte, wie eine alte Glühbirne oder eine Kerzenflamme im Wind. Angefangen mit einem langsamen Pulsieren, wie in den traumlosen Tiefschlafphasen, in denen das Bewusstsein mehr oder weniger an und wieder aus ging, über einen mittleren Zustand entspannter Wachheit, bis hin zum hellen, klaren Zustand des Meditierenden, bei dem das Flackern kaum mehr zu messen war, besaß der Geist viele Stufen Aktivität.
Klarträumer versuchten sich in der Mitte, zwischen Wachsein und Träumen anzusiedeln, um jene kreative Fantasie anzuzapfen, die den Träumen innewohnt, ohne die Deutungssicherheit des Wachseins zu verlieren.
Tate erhob sich aus dem Sessel. Er musste dafür nicht einen Muskel anstrengen. Er erhob sich, als würde er in der Schwerlosigkeit von einer Unterlage wegdriften, wie man es von ISS-Astronauten aus Videos kannte. Er wandte den Kopf nach rechts und links und merkte, dass er nicht mehr zu Hause war, sondern in einem fremden Haus. In einem Haus, welches über viele Etagen, unzählbar viele Zimmer besaß. Hinter jeder Tür verbarg sich ein Geheimnis. Es gab schöne Geheimnisse und schlimme Geheimnisse. Er sah sich um und bemerkte, dass, in dem Raum in dem er sich befand vier Türen waren: eine rote, eine gelbe, eine blaue und eine grüne. Welche er öffnete stand ihm frei. Aber, wenn er die eine öffnete, konnte er in diesem Raum, nicht mehr die anderen öffnen. Er entschied sich für die grüne.
Aus der Nähe sah die Holztür verwittert und alt aus, der grüne Lack splitterte an einigen Stellen vom Holz und er wurde unsicher, ob es die richtige Wahl war. Aber die Tür sprang auf und vor ihm war eine Wiese. Er ging darauf zu und sah in der Wiese eine Hand liegen. Er wollte, dass dort in der Wiese diese Hand lag. Er kniete sich nieder und ergriff die Hand. Wie Excalibur im Stein, war sie fest mit dem Boden verbunden und wie nur Artus Excalibur aus dem Stein befreien konnte, war es nur einem Auserwählten möglich die Hand aus diesem Boden zu ziehen. Er zog und die Hand folgte leicht seinem Zug, aber es war nun nicht nur eine Hand, die er aus der Erde zog, sondern ein ganzer Körper mit dunklen Schlieren auf der fahlen Gesichtshaut und mit Erdklumpen verschmierten Augen. Tate wollte die Hand loslassen, aber sie ließ ihn nicht los, nun schob sie ihn, schob ihn rückwärts, schob ihn weiter bis er das Gleichgewicht verlor, nach hinten fiel …
… und aus seinem Sessel hochschreckte.
„Scheiße!“ Fluchte er. Er war doch ins Träumen geraten.
Hektisch nahm er die Füße vom Hocker und rieb sich das Gesicht.
Er sah zur Uhr. Fast zwei Stunden hatte er geschlafen. Es war bald drei. Wann hatte Krieger ihm angeboten zu kommen? Ab halb fünf? Dann sollte es noch reichen, um sich frisch zu machen. Eine Dusche hatte er jetzt in jedem Fall nötig.

11/19 PGF

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