Die Hand (8)

16.40

Tate hasste es, bei diesen Temperaturen, mit feuchten Haaren aus dem Haus zu gehen. Aber sein Fön, hatte ihm den Dienst versagt und der Termin bei Krieger rückte näher. Er zog die Wollmütze so gut er konnte über die Ohren, sodass sie ihm die Augenbrauen nach unten drückte. War ihm egal, es sah ihn auf dem kurzen Weg zum Auto niemand.
Während er das Haus verließ und die paar Schritte zum Parkplatz ging, versuchte er sich an die Adresse zu erinnern, die ihm Frazer gegeben hatte: Milleniumstreet 8. Das war ein Gebäude direkt gegenüber der Universität.
Er öffnete per Funk, die Autotür, stieg ein, schaltete die Sitzheizung und das Fenstergebläse ein und startete den Motor. Auf Musik verzichtete er. Von seinem Zuhause bis zu Krieger, war es mit dem Auto nicht mehr als fünf Minuten.
Krieger schien bereits an der Tür auf ihn gewartet zu haben. Denn er war noch nicht bei der Tür angekommen, als sie sich bereits öffnete. Ein großer, dürrer Mann stand dort, mit lockigem grau-braunem Haar, dass ihm ungewaschen in alle Richtungen stand.
„Sie müssen Tate sein?“ Begrüßte ihn der Mann überschwänglich, dessen Augen einen seltsamen Glanz hatten und zugleich präsent und abwesend wirkten. „Kommen Sie rein. Frazer hat sie bereits angekündigt.“
Tate folgte der Aufforderung lächelnd und betrat das Innere der Wohnung, die bereits hinter der Tür vollkommen unordentlich war. Im Eingangsbereich standen kreuz und quer Schuhe und an der Garderobe hingen so viele Jacken, dass die oberste abgerutscht am Boden lag. So ging es weiter durch den Flur und das Wohnzimmer in die Küche. Wo zumindest eine Ecke, ein kleiner Küchentisch, etwas Platz bot. Auf der Spüle türmten sich ungewaschene Teller und Gläser.
Krieger bemerkte seinen Blick und erklärte lächelnd: „Der alte Frazer hat sie doch bestimmt vorgewarnt oder?“
Tate nickte knapp.
„Hat er Ihnen auch vom Microdosing erzählt.“
„Nein hat er nicht. Was ist das?“
„Ihr Vertrauen gegen meine Informationen?“
„Kommt darauf an.“
„Ist nichts Schlimmes. Ich nehme regelmäßig kleine Mengen LSD ein. Nahezu homöopathisch. Haben die drüben im Silicon Valley erfunden. Haut ihnen, wie Huxley es nannte nicht die „Pforten der Wahrnehmung“ auf, sondern öffnete sie nur einen Spalt. Mein Kopf ist einfacher freier im Assoziieren und die Welt, hat einen zarten, wunderschönen Schimmer. Nie davon gehört?“
„Nein, bislang nicht. Ist mir aber offen gestanden auch egal, ich glaube, es gibt bessere Wege, um sein Bewusstsein zu erweitern.“
„Ja, aber die dauern halt und Zeit ist Geld. Sie wissen schon. Also was führt Sie zu mir?“
„Der Fund einer Hand, heute Morgen. Eine Kinderhand, amputiert und präpariert, wie für einen Fetisch.“
„Cool.“ Krieger ging zur Küchenzeile. „Wollen Sie einen Tee? Ich kann Ihnen Matcha empfehlen, weitet Ihnen auch die Hirnzellen.“
„Nein. Nichts. Ich will mich nicht lange aufhalten.“
Tate zweifelte, dass er von dem Mann irgendetwas vernünftiges erfahren würde.
„Wie sie wollen.“
Krieger füllte den Wasserkocher und schaltete ihn ein.
Er ging zum Tisch hinüber.
„Setzen Sie sich doch.“
„Nein, ich stehe lieber.“
„Sie sind echt unentspannt. Sie sollten das mit dem Microdosing mal versuchen. Also dann gebe ich ihnen Futter.“
Krieger hob die Hände und drehte sie vor seinen Augen, als wären es nicht seine eigenen.
„Diesen beiden Dinger machen uns zum Menschen – wissen Sie? Ohne Hände keine Werkzeuge, ohne Werkzeuge keine von uns gestaltete Welt.“
„Wäre ja vielleicht auch besser so.“
„Sehen Sie, dass wäre ein Grund, eine gesunde Hand zu amputieren. Damit sie die Welt nicht manipuliert. Kommt übrigens von Manus, lateinisch für Hand. Unsere Hände können die Welt also gestalten. Und was können Sie noch?“
„Keine Ahnung. Auto fahren, töten, ein Steak klein schneiden.“
„Stimmt alles, aber das ist alles gestalten, die Welt manipulieren, aber es gibt noch etwas anderes.“
„Dann spannen Sie mich nicht auf die Folter.“
„Sie können die Welt ergreifen, sie können die Welt erfassen und erfühlen. Mit unseren Händen können wir nicht nur gestalten, wir können die Welt auch, wie sie, ist erfühlen. Denken sie an die zärtliche Berührung zweier Hände.“
„Ja, okay. Aber was hat, das mit der Kinderhand zu tun?“
„Sehr viel, weil Kinderhände, noch viel mehr mit der Erfahrung, mit dem Berühren der Welt zu tun haben. Eine Kinderhand ist unschuldig. Lassen Sie Kinder mit den Händen essen und Sie sehen, wie viel sinnliche Erfahrung, wie viel Entdeckungsfreude darin liegt, statt mit zwei Metallstücken die Nahrungsmittel zu sezieren.“
„Aber dann sollte man die Hand doch schützen.“
„Oder man nimmt sie, als Sinnbild für die Unschuld der Berührung. Die sollte konserviert werden, als Bild für die unmittelbare Erfahrung der Welt. Könnte ich mir vorstellen. Vielleicht irgendein Geheimbund, der so etwas für seine Riten braucht. Für einen Anthropologen ist die Hand mehr, als ein Körperteil. Sie ist am Menschen, das bedeutendste Körperteil.“
„Also soll ich nach einer Sekte Ausschau halten“
„Wäre naheliegend, wenn Sie sonst nichts haben. Gehen Sie eher von einer gebildeten Gruppe aus. Keine Satanisten, die sich mit Hausfrauen-Esoterik beschäftigen. Das sind Leute, die die Grenzen ausloten, wie damals die Inka-Priester die nach Menschenopfern verlangten.“
Tate war nicht sicher, ob er sich bedanken sollte, für die Auskunft, aber es war eine Spur und mehr, als er vor 20 Minuten hatte.
„Danke Mister Krieger. Ich werde sehen, was ich damit tun kann.“
„Alles eine Frage von Microdosing.“ Behauptete der Anthropologe lächelnd.

11/19 PGF

8 Kommentare

    1. Guten Morgen lieber Lu, das habe ich mich auch gefragt. Habe dazu kürzliche eine Doku gesehen. Der junge Mann der so lebt, sagte ein paar ganz vernünftige Dinge, aber so ganz in dieser Welt war er nicht. Vermutlich wie bei jeder künstlichen „Leistungssteigerung“ zeigen erst Krisen, ob damit ein Fundament gelegt wurde.
      Es grüßt dich herzlich vom See
      Pe

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