Die Hand (9)

17.12

Der Himmel färbte sich glutrot, während er auf dem Weg in die Zentrale war. Für heute gab es im Außeneinsatz nichts mehr zu tun. Er würde sich, für eine Stunde in seinem Büro an den Rechner setzen und die heutigen Gespräche protokollieren und dann nach Hause gehen. Vielleicht würde auch noch kurz recherchieren, welche auffälligen Verbindungen es in der Region gab, die auf einen Geheimbund hindeuteten.
Früher hatte er sich mit den Freimaurern beschäftigt, aber, wenn man den Hokuspokus wegließ, den das Christentum erschaffen hatte, um unliebsame Konkurrenz zu diskreditieren, blieb nicht viel übrig, außer einer Gruppe Männer, die durch Rituale die Selbsterkenntnis erhöhen wollte.
Er parkte seinen Wagen, auf dem Parkplatz vorm Revier, der für ihn reserviert war und stieg aus.
Tate bemerkte erst jetzt, wie müde er eigentlich war. Die Tage gingen manchmal so rasch dahin und waren so vollgestopft, dass er sich gar nicht spürte. Die Welt wollte gerettet werden oder vielleicht auch nur verwaltet, das war nicht ganz sicher, aber in jedem Fall musste es jemand geben, der sich um die Welt, wie sie geworden war kümmerte. Polizisten, Ärzte, Bauarbeiter, Lehrer alle teilten sich das Bemühen für Ordnung zu sorgen, für Gesundheit, für Sicherheit, für Bildung. Und in diesem Bemühen blieb oftmals keine Zeit, für das eigentliche Leben. Für den glutroten Sonnenuntergang, für den Tau auf der Wiese am Morgen, für die Berge, die der Schnee zunehmend bedeckte.
Manche wollten zurück, rannten zum Schamanen, um sich ihre abgebrochene Verbindung zur Natur erneuern zu lassen. Aber der Mensch war diese Natur, die moderne Welt war diese Natur, Plastik war diese Natur, Beton und Stahl, weil sie alle aus diesem Stück Natur, welches sich Mensch nannte hervor gegangen waren. Es half nicht Bäume zu umarmen, es half nur Verantwortung für das zu übernehmen, was die Menschheit auf diesem Planeten anrichtete. Es half nur, sich um Lösungen zu bemühen.
Die Tür zum Revier ging automatisch vor ihm auf und das grelle Neonlicht im Inneren stresste seine Augen. Er nahm mit Schwung die ersten Stufen, die hinauf in den oberen Stock führten, in dem sein Büro lag. Kaum auf der vierten Stufe angekommen, bemerkte er, dass ihm jemand entgegenkam. Er sah hoch und erkannte Susan. Sofort begann sein Herz, den Takt zu ändern.
Auch, wenn ihr Gesichtsausdruck nichts verriet, bemerkte er an ihrem Gang, dass sie ebenfalls unsicher wurde. Denn sie fasste nach dem Handlauf, als könne sie ihren Schritten nicht sicher vertrauen, weil sie abgelenkt war.
Auf halber Höhe der Treppe, trafen sie sich. Sie sah ihn an, sagte aber nichts.
Sie sprach ihn eigentlich nie an. Aber, wenn er auf sie zuging, ließ sie sich das gefallen.
„Hi!“. Er lächelte. „Schon Feierabend?“
Sie nickte und blieb stehen.
„Ja, die Rechner oben funktionieren gerade nicht. Ist wohl ein Netzwerkproblem.“
„Ach Mist! Ich wollte noch meine Gespräche protokollieren.“
Er sah sie an und sie wich seinem Blick nicht aus. Als würden sie sich gegenseitig in den Gedanken lesen.
„Das würde ich nicht riskieren. Du kannst nichts auf dem zentralen Server speichern.“
Er fluchte und wunderte sich, warum es ihm so gut gelang, seine Aufregung zu verbergen. Warum zeigte er es nicht? Warum lud er sie nicht ganz spontan ein?
„Dann bleibt mir wohl nur nach Hause zu gehen.“
Sie lächelte.
„Ja. Muss ich auch. Ich habe es eilig.“
Okay, dachte er, das war deutlich. Es war wohl der falsche Zeitpunkt, sie einzuladen. War das immer so? War das Schicksal vielleicht stärker, als die Liebe und egal, was man für einen Menschen fühlte, lief alles immer so, dass man nicht mit ihm zusammenkam?
„Ja, dann schönen Abend.“
„Ja, dir auch.“
Ihre Stimme war warm, fast zärtlich.
Blödsinn, dachte er, ihre Stimme ist, wie immer.
„Bis morgen“, sagte sie noch und ging die Treppe hinab.
Tate stand da, unschlüssig, wo er nun hinwollte.
Noch viel unklarer, als die Frage, was Wirklichkeit ist, war für ihn die Frage: Was Liebe ist?

11/19 PGF

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