Die Hand (10)

19.00

Campher zog an seiner Nase vorüber, frisch und klar, wie vom Regen gereinigte Luft. Er ließ den Geruch in sich wirken und weiterziehen, wie er auch die Gedanken und Empfindungen des Tages, in sich wirken und weiterziehen ließ. Dies war nichts, was man an einem Tag lernte oder in wenigen Stunden. Vielleicht ging es schneller, als bei ihm, der beinah zwanzig Jahre benötigt hatte, um bereits nach kurzer Meditation, seinen Geist frei und durchsichtig werden zu lassen.
Das war nicht an allen Tagen so, aber an ihrer Mehrzahl, vermochte er sich von der Welt zu entkoppeln und in jenen Zustand überzugehen, der dem Schöpfen an einer Quelle glich. Es war ein Zustand in dem alle Prägungen, alle Muster abfielen und er seinen Geist und sein Denken unschuldig und grenzenlos wahrnehmen konnte. Ein zugleich heilsamer, wie auch heiterer Zustand.
Susans vorbeieilendes Lächeln kam und ging. War schön um den Moment, und, als Erinnerung, in der Ewigkeit sicher. Die Hand am Morgen war schrecklich. Ihr Eindruck schmerzlich und aufwühlend. Aber er war zuversichtlich die Tat aufzuklären, den Täter zu finden und das Opfer zu sühnen. In diesem Zustand spielte Zeit keine Rolle. Er war nicht getrieben, gleich jetzt den Täter zu finden und ihn auf einen elektrischen Stuhl zu binden. Auch Täter hatten eine Geschichte und Taten und beides kollidierte fürchterlich mit der Geschichte des Opfers. Er hatte das nicht zu richten. Es ging gar nicht darum, den Täter zu bestrafen. Es ging darum weitere Opfer zu verhindern. Der Täter hatte nur all das zu dulden was notwendig war, um künftigen Schmerz durch ihn, zu verhindern. Richter entschieden was dazu am besten war.
Er dachte, an Krieger fühlte diesem überspannten und unnatürlichen Geist nach, legte den Eindruck ab, dass die Manipulation die er mit seinem Geist betrieb zu irgendetwas förderlich sein konnte und ließ die Eindrücke, ihres Gesprächs, in sich nachwirken: Ritual, Geheimbund, eine Gruppe mit Intelligenz aber ohne Humanität.
Frazer erschien vor seinem inneren Auge, alt aber inwendig lebendig und rege, ein gebildeter und kluger Mensch, listig seine Gefühle vor anderen verbergend. Hilfsbereit, ohne dass man es ganz bemerkte. Ein Mensch, wie ein Buch, voller Geschichten.
Er spürte den Begegnungen nach: der Aufregung, dem Widerwillen, der Sympathie, der Abneigung, ließ sie zu und ließ sie los und wurde wieder klar, wie ein Gefäß, dass Flüssigkeiten in jeder Konsistenz und Farbe aufnehmen kann und wieder abgeben, ohne eine Spur davon zurück zu behalten. In diesem Zustand war alles gut.
Auch die Müdigkeit, die nun durchdrang, da sein Sympathikus langsam nicht mehr nach Adrenalin verlangte, sondern seinem Gegenspieler dem Vagus Platz machte, damit der reparieren und speichern und erneuern konnte. Die Einsamkeit löste sich und gab der Einheit Raum. Das Dunkle, Schwere, Schadhafte fiel ab und wurde ersetzt durch Erkenntnis und Demut.
Er verharrte in diesem Zustand.
Einen Atemzug – zwei Atemzüge – drei Atemzüge und gab auch diesen Zustand frei, weil er zum Leben geboren war und nicht zur Abkehr vom Leben. Das waren nur kurze Verschnaufpausen. Die große Ruhe, die endgültige Ruhe kam von ganz allein. Bis dahin galt es das Leben zu genießen.
Er öffnete die Augen.
Vor ihm flackerte die Kerze, die als einziges Licht den Raum erhellte. Er spürte noch etwas nach und begann dann seine Beine zu strecken und seine Wirbelsäule aus der Aufrichtung zu lösen.
Jetzt hatte er eine Idee.

11/19 PGF

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