Die Hand (12)

12.00

Er betrachtete die Finger und die Nägel und fand nichts, was auf Spuren eines Kampfes hindeutete. Es war eine Kinderhand, der nur das Leben fehlte, mysteriös war, dass dem Körper die zweite Hand fehlte.
Es war ein schmächtiger Leib. Er war sicher nicht kräftig genug, sich einem Kampf zu stellen. Der Brustkorb zerbrechlich, der Schultergürtel schmal, die Beine mager. Das Gesicht noch glatt und ohne Kontur, wie ein Puppengesicht. Eine Röntgenaufnahme der Handwurzel würde die Altersbestimmung klären.
Die Tat sah in jedem Fall nach einem Ritual aus.
„Na? Was entdeckt?“
Er hob den Kopf und sah sich gegenüber Lynn, die ihn mit dunkelblauen Augen aufmerksam beobachtete.
Dass die Augen seine Kollegin, dieses tiefe Blau besaßen, konnte er nicht sehen, dafür blendete ihn zu sehr die Sonne, gegen die er blicken musste. Er kannte ihre Farbe, weil sie in einer Tiefe blau waren, wie er dies, noch nie zuvor bei einem Menschen, gesehen hatte. Man vergaß diese Augen nie wieder.
Hinter Lynns Kopf zog eine große Wolke heran und bedeckte im nächsten Moment die Sonne hinter sich. Eine ferne Wintersonne, wie Liebe die man spürt, aber nicht erhält.
„Nein, ich habe nichts entdeckt, was für den Moment etwas beantwortet. Ein Kinderkörper. Würde sagen, dass es sich um einen Ritualmord handelt. Sehen Sie, die Hand fehlt.“
„Könnte es auch ein Tier gewesen sein?“
„Ein Tier war es, in irgendeinem Sinn.“
„Ich meinte“.
„Ich weiß schon was sie meinen.“
Er stand auf, um nicht länger den Kopf, in den Nacken legen zu müssen.
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich meinte nicht“, erklärte sie beharrlich, „dass Tiere zu so etwas in der Lage sind. Ich meinte eher, ob ein Tier die Hand gefressen hat. Oder ist das nicht möglich, Tate?“
„Sehen Sie irgendwo Spuren eines Tieres?“
Lynns Blick glitt suchend über den Boden. Der morastige Untergrund zeigte nur die Fußabdrücke der Ermittler vor Ort.
„Nicht wirklich. Glauben Sie, wir kriegen ihn?“
„Ihn oder sie.“
„Oder so. Wenn es ein Ritual war … Hauptsache wir stoppen sie.“
„Und, wenn schon? Hört es dann auf?“
„Geht es Ihnen heute nicht gut?“
„Ist wahrscheinlich der Hochdruck, der macht mir immer Kopfschmerzen.“
Er sah an Lynn vorbei hinauf zur Sonne, die ihre Strahlen, um die Wolken zu lenken versuchte und dort eine gleißende Aura hervorrief.
„Ist das nicht alles sehr unwirklich?“
„Was meinen Sie, Tate?“
„Die Sonne dort oben und die Wolken die vorüberziehen, wenn ich den Himmel eine Weile betrachte, denke ich immer, ich müsste nur klüger sein, um zu verstehen was die Welt bedeutet.“
Jetzt blickten Sie beide zum Himmel.
„Ja, ich kenne das. Manchmal erscheint alles nur, wie ein Traum.“
„In dem man nur wandelt.“
„Wie ein Schlafwandler?“
Tate lachte knapp.
„Nein, wie ein vollkommen Erwachter, der begreift, dass alles nur eine Illusion ist.“

Ende

11/19 PGF

3 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.