Leben im Land der Geister (2)

2.

Früher war mehr Leben in dieser Gegend, war es nicht so einsam, in dieser Einöde, obwohl diese Gegend den Namen nicht verdient, weil sie viel zu schön ist, weil die Berge mächtig und die Gewässer friedlich sind. Aber ich habe der Wahrheit die Treue gehalten, vielleicht zu sehr und, als die Menschen gingen, weils, wie sagten: „Wo anders besser ist.“ Blieb ich, weil mir die Geister zuflüsterten: „Das stimmt so nicht.“ Aber keiner wollte das hören, denn so wunderlich es ist, die Menschen verzeihen Ehrlichkeit nicht.
Also zogen sie davon und ich blieb zurück.
Wenn man jung ist, kommen Menschen und sie gehen. Wenn man alt ist, gehen sie nur noch. Auch, weil man keine Kraft mehr fühlt, sie zu halten.
Treu geblieben ist mir ein Kater. In bitteren Stunden, denke ich, er bleibt nur, wegen dem Futter, das er von mir erhält: den Fischresten und, wenn ich welche habe, der Schale Sahne. Aber in diesen bitteren Stunden, verlangt er gar nicht nach Essen, sondern er kommt um Wärme zu schenken. Er drängelt sich auf meinen Schoss oder legt sich hinter mir auf den Stuhl und schmiegt sich an meinen Rücken und dann ist keiner mehr einsam und keiner nimmt dem anderen seinen Eigensinn übel.
Von den Geistern weiß er so viel, wie ich. Wenn mir nachts der Kamin ausgeht und ich nach draußen muss, um Holz zu holen, dann folgt er mir manchmal und klettert, wie ein geschwinder Schatten, auf das gestapelte Holz, von dem ich mir Scheite in einen Korb sortiere, als würde er wachen, während ich ungeschützt im Freien schutzlos den Geistern ausgeliefert bin. Wenn dann zwischen Fichten und Buchen ein Kauz schreit und es im nahen Gebüsch raschelt, dann blicke auch ich – der ich lange schon diese Abgeschiedenheit gewohnt bin – ängstlich, um mich, als könnte plötzlich der Geist eines Toten, zwischen den Bäumen herauswanken, um nach mir zu packen. Einmal fiel mir fast meine Öllampe um, als ich mich zu hektisch bewegte und ich möchte nicht wissen, was geschehen wäre, wenn damit das Holz in Brand geraten wäre und mich um alles gebracht hätte, was ich noch besitze.
Warum das schlimm wäre? Weil mir dieses Leben immer, wie ein Geschenk erscheint. Ich blicke in die Welt, noch immer staunend, wie ein Kind und kann der Welt kaum verübeln was sie mir nimmt, weil sie mir auch gibt. Und, wenn der Regen mich plagt, vergesse ich die Tage in der Sonne nicht und, wenn der Frost mir die Türen vereist, setze ich mich ein Stück näher an den Kamin und, wenn die Krähen über den Acker stolzieren und mich erinnern, was mir einst droht, dann lächle ich, weil ich zwischen der Welt und mir gar nicht unterscheide. Denn das habe ich den Geistern voraus: ich fühle.

12/19 PGF

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