Leben im Land der Geister (3)

3.

Was mir gefällt an dieser Zeit, wenn es nicht mehr weit bis zum Mittwinter und den anschließenden Raunächten ist, sind die wundervollen, glutroten Sonnenuntergänge. Nie im Jahr sind die Farben so kräftig, ist der Kontrast zwischen den Farben des Himmels und dem Dunkel der Nacht so stark, wie in dieser Zeit.
Wenn es nicht ganz so kalt ist, setze ich mich manchmal raus, auf einen Baumstamm, den ich mir so zurecht gesägt habe, dass man gut darauf sitzen kann, wie auf einem Stuhl und sehe dem zu. Dann wird alles in mir ganz ehrfürchtig und ich fühle, dass dieser Himmel über mir, von Kräften bewohnt ist, die fern meines Verstandes sind. Deshalb erzähle ich mir selbst oder dem Kater, wenn er sich zu mir setzt, Geschichten über die Feuergeister, die dieses Wunder erschaffen. Jene Geister die der Sonne helfen, den Winter im Zaum zu halten und herabsteigen aus den Sphären, damit der Himmel nicht zufriert.
Ich stelle mir vor, wie diese Geister, in gewaltigen Glutschalen, das ewige Feuer des Lebens aus der Esse eines Gottes stehlen, der den Diebstahl nicht bemerkt und es über die frierende Erde schütten, damit die Nacht nicht ganz so finster und nicht ganz so bitter wird. Diese Geschichte erzähle ich immer wieder und mit jedem Mal wird sie etwas feiner. Manchmal steigen die Geister auch vom Himmel herab, auf die Erde und entzünden ein wärmendes Feuer, ehe jemand erfriert. Manchmal aber lasse ich ihnen, aus Versehen, auch etwas Glut aus den Händen fallen, bis hinab auf die Erde, wo es ein Rieddach in Brand setzt und am Ende das ganze Dorf.
Der Kater lauscht dieser Geschichte, aus irgendeinem Grund, besonders aufmerksam. Als wäre sie für ihn wichtiger, als die anderen Selbstgespräche die ich führe. Das kann daran liegen, dass er gerne bei mir am Kamin liegt und sich das Fell wärmt, wenn er eine ganz Nacht draußen unterwegs war und ihm die Tatzen noch feucht sind vom Schnee.
Er sitzt neben dem Baumstamm schaut mich an, schaut dann wieder zum Himmel, als verstünde er mehr von dem, was dort geschieht und sieht dann wieder zu mir, als wäre ich liebenswert, aber auch bedauernswert, für meine Kinderfantasie, die den Zugang zum Wissen, zum Wissen, welches nicht erklärt werden muss, verloren hat.
Ich nehme ihm das nicht übel, denn es freut mich, dass ihm der Klang meiner Stimme zu gefallen scheint und es ihn nicht kümmert, ob ich an einem Tag ein anderes Ende erfinde, wie am vorherigen und am nächsten Tag, mir einen ganz anderen Mittelteil ausdenke. Einen, in dem die ganze Sonne aus Geistern und Seelen besteht und, wenn ein Mensch stirbt, geht sein Geist in dieses Licht zurück und, wenn ein Mensch geboren wird, dann wird seine Seele, wie ein Lichtstrahl von dort gesendet und das, was an diesem Abend, tief in allen Rottönen leuchtet, ist die Liebe, der aneinander vorübergehenden Geister, die auf- und absteigen.

12/19 PGF

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