Leben im Land der Geister (4)

Die Fische die ich jetzt verzehre, fange ich an zwei Orten: dem Weiher der direkt in der Nähe meiner Hütte liegt. Und einem kleinen Fluss, der als Seitenarm, in den großen See mündet, der südlich meiner Bleibe liegt und den ich nur selten aufsuche, weil sich dort die Dörfer befinden, die zu meist von Fischern bewohnt sind. Für die bin ich nur eine Gefahr für die Fischgründe und so gehe ich ihnen lieber aus dem Weg, als in einen Raufhändel zu geraten.
Am Anfang war das nicht so leicht. Als ich anfing allein zu leben, tat es mir weh ausgegrenzt zu werden. Ich hatte Furcht, wie ich überleben sollte. Ich wehrte mich gegen mein Los, denn es liegt ja in der Menschennatur, mit anderen Menschen gesellig und fröhlich zu sein.
Doch ich lernte. Ich lernte, dass ich den Menschen fremd bin, dass mich andere Dinge fröhlich machen, andere Dinge nachdenklich und andere Beschäftigungen fesseln. Wir fühlten uns nicht wohl miteinander, die Menschen und ich.
Es war gut dies einzusehen und fortan die Wege zu meiden, die uns zusammenführen. Nicht, dass die Sehnsucht nicht blieb, andere zu finden, die wie ich fühlen. Aber ich fand sie nicht.
Ich fand sie am ehesten bei den Geistern.
Wenn ich also in diesen Tagen nach draußen gehe und die Nebel so dicht sind, dass mir das Haar schnell feucht wird, dann ist da kein Widerspruch, kein Widerwille in mir. Ich begegne der Welt, wie sie mir begegnet: schweigend und achtsam und, wenn ein Ast für mich knackt oder die Vögel sich vor meinen Schritten warnen, dann ist es im Einverständnis. Ich verstehe und nichts ist heilsamer für eine Seele, als ein Flecken Erde, den man versteht und der einem sein lässt, wie man ist.
Eines gibt es, dass mich in diesen Tagen besonders fasziniert. Das sind die Nebel über dem Wasser am Morgen, wenn die Welt grau in grau, so wirkt, als würden die Geister überall durch die Welt wandeln. In feinen Schichten, wie Gedanken die noch keine Worte gefunden haben, schwebt der Nebel über der glatten Wasseroberfläche und wandert hinüber über die feuchten Wiesen, die sich nur langsam vom Frost der Nacht erholen.
Dies schwebend leise, fließende, diese schweigsame, verschmelzende Welt, die den Blick begrenzt und plötzlich offenbart, dass auch die scheinbare leere Luft mit Leben gefüllt ist, welches sichtbar und spürbar werden kann – durch diese Welt wandere ich gerne.
Mit meinen Winterstiefeln, dem dicken Lammpullover und der Angel über die Schulter, wandere ich zum kleinen Fluss oder zum Weiher, setze mich ans Ufer und warte, ob ein Fisch anbeißt, damit ich am Abend auch mal einen frischen essen kann.
Wenn ich da sitze und die Nebel sich urplötzlich auflösen und strahlend, die Sonne, durch das Grau bricht, dann ist es fast, als würde ich aus dem Reich der Toten zurückkehren in die Welt. Sicher wandernd zwischen beiden Welten, der der Toten und der der Lebenden.

12/19 PGF

8 Kommentare

  1. „Ich fand sie am ehesten bei den Geistern…“
    Das erinnert mich an meine Jugend. Mein Leben spielte sich in sehr engen vorgegebenen Grenzen ab. Aus ihnen auszubrechen war bedrohlich, weil mein ganzes Umfeld mich fallen lassen würde (was später auch geschah). In dieser Zeit ging ich manchmal auf den Friedhof, weil ich mich den Toten näher fühlte als den Lebenden, jedenfalls jenen um mich herum.

    Gefällt 1 Person

    Antworten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.