Leben im Land der Geister (5)

5.

Gestern war ich lange draußen. Der erste Schnee ist gefallen und hat die Welt unter dichten, dicken Flocken begraben, die so groß waren, dass man sie, einen Augenblick betrachten konnte, wenn sie einem auf die Hand fielen. Ich war unterwegs auf der Suche nach Früchten.
Manchmal findet man noch Äpfel oder Birnen, die im Baum vergessen wurden und in der Kälte haltbar geblieben sind. Auch an Nüssen finde ich einiges. In der Nähe gibt es viele Haselsträucher und einen gewaltigen Walnussbaum, den die Kinder aus dem Dorf plündern, wenn die Nüsse von den Ästen fallen. Aber, wie Kinder sind, tun sie das nie gründlich, weshalb ich oft noch fündig werde.
Ich wandere gern. Manchmal bin ich stundenlang unterwegs und laufe einen großen Rundweg, der weg vom See führt, hinauf in die Wälder, von wo aus ich, einen weiten Blick auf das Tal habe, in dem meine Hütte liegt. Dahinter der See mit den Dörfern und dann dort, wo das Augen nicht hinüberkommt, die Berge, schneebedeckt und entrückt.
Wenn ich lange laufe ist es manchmal, wie in einem Traum gehen. Ich höre nur noch meinen Atem, der zum Schnaufen wird, wenn der Weg steil ansteigt und meine Schritte, die dem Untergrund ein Knacken, Knirschen und Schnalzen abfordern. Es gibt eine mittlere Geschwindigkeit, bei der ich das Gefühl habe, nie mehr stehen bleiben zu müssen, als könnte ich immer weiterlaufen, könnte die ganze Welt umwandern.
Das wäre wundervoll, um jede Scholle Erde zu entdecken, denn ich bin sicher, dass es jede wert ist entdeckt zu werden. Aber dazu ist die Welt zu voll mit Gefahren. Dafür ist sie mit Mangel bestückt, damit unsere Wege begrenzt bleiben und wir nicht frei, wie Wolken hinziehen können, wohin der Wind uns treibt.
Es gibt auf der Anhöhe die ich besuche, eine kleine Lichtung, von der ich einen wundervollen Ausblick habe. Eine Senke inmitten von Felsen, auf denen die Bäume keinen Halt finden und deshalb nicht so dicht beieinanderstehen, wie überall sonst. Der Ort scheint, wie geschaffen, um zu ruhen. Der freiliegende Fels, auf dem nur etwas Moos Halt findet, ist wie ein Stück nackte Menschenhaut, als könnte ich die Erde dort unverhüllt sehen. So als würde sie mich in ihr Inneres sehen lassen.
Es gibt dort, neben dem nackten Felsen, der dunkel und sehr fest ist, auch weiches Gestein, mit dem ich, mein Dach gedeckt habe. Außerdem loses Gestein. Wenn es nicht zu kalt ist, suche ich mir manchmal ein paar Steine, in der Hoffnung etwas in ihnen lesen zu können. Das gelingt mir nie. Ich spüre nur, dass die Steine etwas sehr Altes sind, etwas was schon sehr lange auf der Welt ist und vielleicht ihren Anfang gebildet haben mag. Und jedem Stein, dass spüre ich, wohnt eine Seele inne oder nur ein Gedanke.
Die schönsten nehme ich mir, mit nach Hause und lege sie aufs Fensterbrett, vielleicht bringen sie mir Schutz, vielleicht sehen sie einfach nur hübsch aus.
Von der Wanderung gestern habe ich einen pechschwarzen, glatten, runden Stein mitgebracht. Den ganzen Morgen habe ich einen Platz für ihn gesucht und eben grade einen entdeckt, über dem Eingang zu meiner Hütte, fand sich im Mörtel eine Lücke die den Stein hält. Möge er mein Heim gut beschützen, denn mehr habe ich nicht.

12/19 PGF

6 Kommentare

  1. Die Steine auf der Fensterbank gibt es auch bei mir. Manchmal brauche ich einen oder zwei, wenn ich nicht gut einschlafen kann. Oder in der Nacht erwache und nicht mehr einschlafe. Dann suche ich mir (einen) Stein(e) und während ich spüre, wie seine Energie sich mit meiner vermischt, bin ich auch schon eingeschlafen.

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      1. Rationalist? Wikipedia meint <em<Rationalismus bezeichnet philosophische Strömungen und Projekte, die rationales Denken beim Erwerb und bei der Begründung von Wissen für vorrangig oder für allein hinreichend halten. Damit verbunden ist eine Abwertung anderer Erkenntnis­quellen, etwa Sinneserfahrung oder religiöser Offenbarung und Überlieferung.

        Hm 🤔 … wenn ich lese was dieser, der sich für einen Rationalisten hält, für Texte schreibt, dann stellt sich die Frage, ob dieser Glaube über sich selbst wirklich (noch) zutreffend ist 😉 Und was wäre schlimm dran, wenn nicht (mehr)?

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