Leben im Land der Geister (6)

6.

Wenn nachts, draußen der Wind pfeift, dann sitze ich manchmal im Licht meiner flackernden Öllampe und wünsche mir etwas, von dem geschöpften Papier, welches ich im Sommer, bei einem fahrenden Händler gesehen habe. Dazu etwas Tusche, eine Feder wüsste ich mir selbst zu schnitzen, um meine Gedanken in solchen Nächten festzuhalten.
Denn, wenn mich etwas die Einsamkeit fühlen lässt, dann sind es die nächtlichen Stürme, die um mein Dach rasen, wie die wilde Jagd. Nicht, dass ich Angst bekäme, aber seit ich ein Kind bin, fühle ich mit dem Wind, fühle ich mit den Winden, denn es geht mir mit den sanften im Sommer nicht anders, als mit den wilden im Herbst und Winter.
Sehnsucht ist der Geist des Windes, davon bin ich überzeugt: heimatlos und unstet ist sein Wesen und, wenn er milde ist, dann ist er es, wie ein Leidender, der einen Weinenden sieht und um dessen Tränen weiß.
Doch Papier und Tusche und eine Feder würden mir nicht viel nutzen, da ich nicht schreiben kann.
Mein Vater war dagegen, dass ich, wie die anderen Bauernkinder, ins Dorf zur Schule ging, um es zu lernen. Er brauchte mich für die Ernte, er brauchte mich für die Schafe, er brauchte mich, um die Fische zu räuchern, das Heu zu stapeln, das Getreide zu mahlen. Ich werfe es ihm nicht vor. Vieles habe ich gelernt unter seinem strengen Kommando, vieles, was mich die Schule nie gelehrt hätte. Denn, wenn ich hier draußen mein Leben friste, wie ich es zu fristen vermag, dann sind es die Lehren meines Vaters, die mir dabei helfen und es würden Papier und Tinte mich nicht satt machen. Aber mein Kopf, mein manchmal viel zu voller Kopf, dem die Geister des Windes ihre Geschichten erzählen, der wäre froh, wenn er sich entleeren dürfte.
Dass ich mir selbst meine Geschichten erzähle, hilft dabei wenig, weil nichts bleibt. Ich fühle manchmal so tiefe Liebe zur Welt und ihren Erscheinungen, dass ich das gern für andere festhalten würde. Auch, wenn ich weiß, dass die Liebe nie zu lehren ist, sondern von jedem selbst gefunden und erlebt werden muss.
Aber die Flammen der Erkenntnis, vertreiben die Bestien der Dunkelheit und so würde es manchmal einen geben, dem mein Wort eine Hilfe ist, in seiner Dunkelheit.
Da geht es mir, wie dem Wind, der unsichtbar, doch spürbar, über die Welt wandert, der die Wolken schiebt, die Blätter von den Ästen nimmt, mit den Vögeln spielt und den Geist des Menschen klärt, dass nichts von ihm bleibt, wenn er weitergezogen ist.

12/19 PGF

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