Leben im Land der Geister (7)

In der Einsamkeit habe ich mich gefunden. Die Einsamkeit ist, wie nackt werden. Die Scham vor Blicken führt dazu, dass wir unsere Seele verkleiden, wie wir unseren Leib verhüllen. Wenn wir diese Kleidung nicht benötigen, weil kein Blick schadet oder etwas entblößt, was wir nicht preisgeben wollen, dann werden wir frei. Dann werden wir zu dem was wir sind und das ist schöner, als es jede Verstellung ist.
So bin ich jetzt, wie die Bäume, um dieses Jahr sind, ohne Laub. Man sieht Äste und Stamm, man kann die Furchen der Rinde sehen und, wo ein Sturm schon Äste brach. Ich muss das nicht verbergen, weil ich allein im weiten Feld stehe. Und, wenn doch mal wer vorbeikommt, dann ist der vorübergleitende Blick so flüchtig, dass ich mich nicht kümmern muss.
Die Menschen dieser Epoche haben keine Zeit zum Betrachten. Sie müssen besitzen und das treibt sie unentwegt. Es gibt diese gierigen Epochen, in denen alle nur ernten wollen, aber niemand will säen und Aufzucht treiben, geduldig und weise. Und diese Zeiten, sie enden alle in der gleichen Art: mit fetten Bäuchen für die einen und leeren Feldern für die anderen, mit Hunger in den Straßen und heimlichen Vorratskammern, mit Krieg und Elend und Hass und Neid. Sie sind schlimm, sehr schlimm diese Zeiten, wie der Winter eine schlimme Zeit sein kann, wenn man dumm und blind im Sommer war. Aber der Winter geht vorüber. Deshalb sorge ich mich nicht.
Ich habe Zeit.
Manchmal bleibe ich stehen, auf meinen Wanderungen durch die Wälder und schaue eine Weile dem Wachstum der Bäume zu. Die meisten behaupten: man kann es nicht sehen. Aber sehen ist eine Frage der Kraft und der Liebe. Kraft ermüdet nicht schnell und Liebe hält das Herz frei. Also stehe ich und schaue und warte und, selbst, wenn nur ein Blatt fällt, spürt man etwas vom Werden des Baumes.
Wenn man zu hören versteht, wenn man begreift, wie beseelt die Welt ist, erhält alles eine Stimme. Deshalb flüstert mir das Riedgras und die Bäume rufen mir knackend ihre Warnung zu. Die Blumen kitzeln meine Nase und die Dornen lehren mich vorsichtig zu sein. Ich gehe durch eine Welt die mich lehrt und mich beschenkt, die mich rätseln lässt und belohnt, wenn ich den Apfel vom Stechapfel zu unterscheiden weiß, wenn ich weiß, was mir die Eibe schenkt und womit sie mich tötet.
In dieser Welt in der alle Dinge Geist besitzen, sehen mir alle Dinge auf den Grund und keines will mich anders als ich bin.

12/19 PGF

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