Paddel (1)

1. Die Sache mit der Arbeit

Ich war ja arbeitslos, deshalb hatte ich keine Wahl, als mir der Jobvermittler, die Stelle vorschlug. Er drohte mir mit Kürzung meiner Leistungen, für den Fall, dass ich ablehnen sollte. Meine fehlenden Qualifikationen würden mich schwer vermittelbar machen. Ich solle froh sein, wenn er etwas gefunden hätte.
Er war Beamter und würde sich nie mehr die Mühe machen müssen, Arbeit zu finden. So, wie er sich keine Mühe mit mir machte oder damit sich zu rasieren oder damit sich die Haare zu waschen. Er saß bequem in seinem Bürosessel und herrschte über ein Heer Arbeitsunwilliger, die seinen Arbeitswillen untergruben.
Ich fand, ich tat gut daran, ihn nicht merken zu lassen, dass ich das wusste.
„Ich weiß, wie der Laden hier läuft.“ Erklärte er mir. „Ich bin seit zwanzig Jahren dabei. Es gibt diese Erwerbsbiografien“, er sah mich tadelnd an, „da ist der Ofen aus. Da können wir nahtlos vom Kindergeld oder von Bafög zur Frühberentung übergehen. Aber bei Ihnen muss noch mal ein bisschen Qualm in den Ofen, vielleicht geht das Feuer ja an.“
Ich nickte lustlos und, wenn ich es auch in diesem Moment nicht begriff, will ich nachträglich zugeben, dass mich die Stelle insgeheim reizte.
„Was muss ich jetzt tun?“
„Ich habe mit Ihrem möglichen Arbeitgeber telefoniert. Die wollen Sie, natürlich zuvor noch mal sehen, um sich ein eigenes Bild zu machen. Sie haben morgen ein Vorstellungsgespräch. Kann ich davon ausgehen, dass Sie das wahrnehmen. Auf die Kürzung des Leistungsbezuges verweise ich gerne nochmals.“
„Morgen schon.“ Rutschte es mir raus. „Okay. Das ist früh. Ich muss überlegen, ob ich Termine habe.“
„Haben Sie nicht.“
Mein Sachbearbeiter schien langsam ernsthaft wütend zu werden. War ja auch kein Wunder. Wenn jemand die nächsten zwanzig Jahre, in diesem Büro verbringen musste und schon zwanzig hinter sich hatte: gleicher Schreibtisch, Aktenstapel links, Postablagefächer rechts, graue Wände, große Fenster mit dem Blick auf nackte Dächer und grauen Himmel, ein Bild der Familie, neben dem Stiftehalter und im Stiftehalter zwanzig verschiedene Sorten Stifte, war man verständlicherweise irgendwann nicht mehr geduldig und einfühlend, sondern eher, wie so eine Legehenne in der Legebatterie: man gackerte und legte sein Ei nach Vorschrift.
„Habe ich vermutlich nicht.“ Gab ich zu und geriet kurz ins Grübeln, weshalb ich eigentlich nie Termine hatte, außer beim Amt und weshalb er dies so sicher wusste.
„Die Adresse haben Sie?“
Ich hielt einen kleinen Zettel hoch.
„Ja, habe ich.“
„Dann viel Erfolg!“
Ich erhob mich, sagte Danke und ging.
Zuhause angekommen setzte ich mich aufs Sofa, holte den Zettel heraus und starrte auf die Adresse und meinen möglichen zukünftigen Arbeitgeber.
Scheiße! Dachte ich. Das kann nicht gut gehen.
Ich sah mich in meinem kleinen Ein-Zimmer-Apartment um, in dem mir nichts gehört, außer den beweglichen Teilen: meine Kleider und die Lebensmittel. Eine echte Perspektive ist das auch nicht, dachte ich. Ich war 25, vor mir schlossen sich reihenweise die Chancen auf unterschiedliche Lebenswege. Für Frauen war ich uninteressant: erfolglos, bettelarm und perspektivlos. Meine Kumpels schlugen zwei Wege ein: beruflich langsam auf Kurs oder betäubungsmitteltechnisch auf dem „Highway to hell“ und seit dem Tod meines Vaters, vor einem Jahr, bestand meine gesamte Verwandtschaft aus mir selbst. Wenn jemals der Strom ausfiel und weder meine Playstation, mein Fernseher noch mein Pc mich funktionswillig unterhalten würden, wäre der Abgrund bodenlos, in den ich dann blicken musste.
Ich legte den Zettel neben mich auf das Sofa und die Füße vor mir auf den Tisch, schloss die Augen und entschied, das erst mal setzen zu lassen.

12/19 PGF

5 Kommentare

  1. Liest sich spannend und verheißungsvoll. Ich freu mich auf die Fortsetzungen 🤗
    Zwar hatte ich diesen ersten Teil dieser Tage schon gelesen. Zum Kommentieren wollte das Phone aber meine WP-Anmeldung so nicht akzeptieren, so dass der Kommentar wieder verloren ging. Dafür hab ich ihn jetzt nachgeholt.

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      1. Ja, ja, das ist schon bei mir angekommen. Ich bin nur noch nicht so weit vorgedrungen. Die Tage waren doch relativ gefüllt, wenn auch erfüllt. Mehr Zeit und Ruhe kommt jetzt langsam.

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