Paddel (2)

2. Herr Orlowski

Es war ein Mittwoch. Ich hatte schlecht geschlafen, schaffte es aber bis kurz 11.00 vor Ort zu sein, um nicht zu spät zum Bewerbungsgespräch zu kommen. Der Laden lag an der Ecke Potsdamerstraße – Kürfürstenstraße in der Nähe vom Bahnhof. So eine dieser quirligen Ecken Berlins, wo Straßen und Häuser so alt sind, dass die Erde darunter vergessen hat, dass hier jemals Pflanzen wuchsen.
Ich mag das ja. Ich könnte nie auf dem Land leben, weil ich nicht den Eindruck habe, dass es die Natur mit uns Menschen besonders gut meint. Ich mag nachts lieber Licht, als mit dem Vollmond auskommen zu müssen, lieber einen Supermarkt, als mir alles selbst vom Baum zu pflücken oder aus Zitzen zu pressen oder die Unterhaltung an der PS4 ist mir lieber, als die Jagd auf einen Säbelzahntiger. Ich schlenderte am Rossman und am Yilmaz Döner vorbei zum Eingang des Ladens, der künftig meine Arbeitsstelle werden sollte.
Über dem Eingang hing ein breites Schild „Lovestory“.
Ich gebe zu, niemals zuvor einen Erotikladen betreten zu haben. Nicht, dass ich die Existenz des Angebotes rundweg ablehnen würde, aber ich nehme eine gewisse natürliche Schamhaftigkeit in Anspruch, die bislang verhindert hatte, dass ich vor diesem Vorstellungsgespräch, einen Sex-Shop betreten hätte.
Das wäre als Training gut gewesen. Denn kaum war ich drin, wusste ich nicht, wohin ich sehen sollte. Mir fielen Dinge ins Auge, die mir bekannt waren und mich peinlich interessierten, bizarr übersteigert waren oder, von denen ich erst nicht verstand, was sie darstellen sollten, bis ich es verstand und hoffte niemand bemerkte, was mir gerade durch den Kopf ging.
Vielleicht war es die falsche Zeit oder der Laden stand vor der Pleite, jedenfalls, war ich, im mir einsehbaren Bereich allein.
Es dauerte nicht lange, ehe ein untersetzter Typ auf mich zukam, mit breitem Schnauzer, fetter Plauze und ungewaschenem Haarkranz, der mich musterte, ob ich Kunde oder Kandidat sei.
„Sie da!“ Rief er. „Haben wir Termin?“
Ich nickte.
Er kam näher.
„Willkommen im Lovestory. Mein Name ist Orlowski, ich bin der Chef hier. Meine Freunde dürfen mich Orle nennen, aber du nennst mich Herr Orlowski, ist das klar? Und ich will hören, wie du das R rollst, mein Junge.“
Ich nickte.
„Ja, Herr Orlowski.“
Ich sprach das Or wir Ohr aus und rollte das R übertrieben, dass es mich am Gaumen kitzelte.
„Komm wir gehen in mein Büro.“
Ich folgte dem Mann. In einen fensterlosen Raum, in dem nur ein Tisch stand und ein Metallschrank der fest verschlossen war.
„Setz dich!“
Er wies mir den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
„Und dich schickt das Amt?“
„Ja, Herr Orlowski.“
Das mit dem R wurde sicherer.
„Dann sag ich dir gleich mal was: Wenn du hier arbeiten willst, musst du auch was verkaufen. Verstehst de? Ich weiß, wie der Laden hier läuft. Ich bin seit zwanzig Jahren dabei.“
Ich meinte, das schon mal gehört zu haben. Kam aber gerade nicht drauf wo.
„Davon bin ich ja auch ausgegangen. Ich frag mich nur, ob ich die Qualifikation?“
„Natürlich hast du die Quali-Dings-Bums. Allein, weil du schon so ein Wort kennst. Du musst eh nicht reden. Zu viel reden ist sogar schlecht. Speziell bei den Männern, die kommen hier rein, wie Diebe in der Nacht, kaufen sich ihren Spaßbereiter und weiter gehts. Es sind eher die Frauen die sich Beratung wünschen.“
Ein Playboy-Kalender an der Wand fiel mir auf und ich wunderte mich, ob der das fehlende Fenster ersetzen sollte. Weiter zum Denken kam ich nicht.
„Dann kannst de Morgen anfangen. Ich fahr nämlich in Urlaub und jemand muss hier aufpassen, dass mir die Kunden nicht weglaufen. Gibt genug solcher Läden und was das Internet für einen Schaden anrichtet, willst de gar nicht wissen.“
„Morgen schon.“ Sagte ich und fand keine gute Ausrede. „Am 20. mitten im Monat?“
„Ja und, weil es mir wichtig ist, zahle ich dir diesen Monat ganz. Verstehst de? 10 Tage arbeiten, 30 Tage bezahlt bekommen. Ist das ein Deal?“
Ich fand schon.
„Ja, wenn das so ist.“
„Sauber mein Junge, weil wir hier kein Slow-Bakery sind: Hand drauf! Morgen früh zeig ich dir noch zwei Stunden den Laden und um 14.00 geht mein Flieger nach Mauritius.“
Orlowskis Pranke packte meine Hand, wie ein Krokodil ein Kaninchen und nach zwei Jahren hatte ich meinen ersten Job.

12/19 PGF

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