Paddel (4)

4. Die Kundin ist komisch

Ich war noch schnell genug, um mich hinter den Raumteiler zurückzuziehen, hinter dem sich die BDSM-Ecke verbarg. Lass die doch erstmal ankommen und sich umsehen, dachte ich mir und bückte mich so, dass es aussah, als würde ich eines der Regale unten einräumen.
Herein kam eine junge Frau, die sich hektisch umsah. Nicht, als würde sie einen bestimmten Artikel suchen, sondern als hielte sie Ausschau nach einem Mitarbeiter. Da ich mich täuschen konnte, wartete ich und beobachtete sie.
Sie war hübsch, verdammt hübsch. Etwas heruntergekommen, aber hübsch. Sie trug löchrige, schwarze Strumpfhosen unter einem kurzen, schwarzen Rock und eine weiße Bluse, die nur das Nötigste verbarg. Auf die Schultern fielen ihr lange, dunkle, hoch toupierte Haare, die etwas verfranzt aussahen. Ihr Look erinnerte mich an das Cover einer CD, die meine Mum oft gehört hatte. Ein Lied darauf hieß: „Material Girl“.
Bei sich trug sie einen Koffer, eher eine Tasche mit Klappschnallen und schwarzen Riemen. Wo hatte ich so was schon gesehen? Es fiel mir nicht ein. Doch! Es sah aus, wie eine Arzttasche. Wo hatte ich die gesehen? Es fiel mir nicht ein. Moment. Bei „Der Doktor und das liebe Vieh.“ Eine uralte Serie die ich zufällig auf Youtube entdeckt hatte.
Die Klingel an der Tür ging erneut. Das war ja ein echter Massenansturm. Was trieben denn die Leute alle nach dem Frühstück? Herein kam ein Kerl, neben dem Orlowski, wie ein Würstchen ausgesehen hätte: Glatze, Tattoos im Gesicht, als wäre es ein Maori, Arme wie Mike Tyson und ein Oberkörper, wie Dwayne Johnson. Der Kerl warf einen Blick in den Laden und entdeckte die junge Frau die vor ihm hereingekommen war.
„Da bist du ja!“ Schrie er höhnisch. „Dachtest du, du könntest dich verstecken?“
Okay, dachte ich, das fängt ja gut an. Entweder bei denen liegt gehörig Ärger in der Luft oder die gehörten beide in die Ecke, in der ich mich gerade versteckte.
„Wie kommst du darauf. Ich wollte nur kurz etwas für uns shoppen.“ Sie lächelte herausfordernd. „Für heute Abend.“
„Mit meiner Tasche?“
„Ach die ist dir?“
Er kam auf sie zu und sie wich in Richtung meiner Ecke zurück.
„Spiel keines deiner Spiele. Das macht den Ärger für dich nur größer. Gib mir die Tasche und deine Prügel fällt angenehmer für dich aus.“
„Das wirst du dich nicht wagen.“
Aber er würde, wusste ich. Er war jetzt nah genug, um sie am Arm zu packen. Sie versuchte sich zu wehren. Aber der Kerl war einen Kopf größer und vermutlich 100 Kilo schwerer.
Er zerrte sie zu sich und, als sie ihn zu beißen versuchte, packte er sie an den Haaren und zerrte daran, bis sie den Kopf in den Nacken legte.
Sie fauchte und versuchte sich wegzubewegen. Um ihrer Bewegung zu folgen, drehte der Kerl mir den Rücken zu.
Während ich den Vorgang beobachtete, fiel mir ein Gegenstand, in dem Regal vor mir ins Auge: ein Paddel. Es war schwarz, mit Nieten besetzt und ähnelte in der Größe einem Tennisschläger. Ich griff danach und war überrascht, wie schwer es in der Hand lag.
„Lass mich los!“ Schrie sie. „Hilfe! Hilfe!“
„Du Miststück, jetzt dreh ich dir den Hals rum.“
Jetzt oder nie, dachte ich und tauchte aus meiner Deckung auf. Die beiden war so innig miteinander beschäftigt, dass sie mich nicht bemerkten.
Ich holte aus und schwang mit aller Wucht das Paddel auf den Hinterkopf des Zuhältertypen vor mir.
Es war ein heftiges – wie soll ich es nennen? Bamm-Klatsch!
Der Typ ließ die Frau los, torkelte nach vorne, versuchte die Arme zum Hinterkopf zu reißen, stürzte aber so ungebremst gegen eine Tischkante, dass er dort bewusstlos zu Boden sank.
Die Hübsche, sah mich entsetzt an.
„Was zur Hölle hast du getan?“
„Dir geholfen.“
„Du hast mir nicht geholfen, du hast uns beide umgebracht!“
Ich schluckte, aber meine Kehle war zu trocken dafür.

12/19 PGF

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