Paddel (5)

5. Wann geht der nächste Zug?

Die hat Temperament, dachte ich. Fand es aber besser, das nicht zu sagen.
Sie ging zu dem Bewusstlosen, kniete sich und vergewisserte sich, dass er noch im Land der Paddelträume war.
„Ist er tot?“ Fragte ich unsicher.
„Nein, leider nicht.“ Erwiderte sie kalt und sah sich um, als würde irgendwo auf dem Boden ein Zettel liegen, was sie als nächstes tun sollte.
Der Bewusstlose brummte.
Sie schnellte hoch, wie ein Bungee-Jumper, wenn das Seil das Ende erreicht. Sie ergriff die Tasche neben sich.
„Los! Raus hier!“ Schnauzte sie mich an. „Wenn Oleg aufwacht und wir noch hier sind, sind wir tot.“
Ich fand, sie sah das etwas zu dramatisch.
„Aber ich kann doch die Polizei rufen. Das war ein Überfall. Also ein Übergriff auf dich.“
Ich wurde unsicher, ob ich sie siezen sollte. Sie war das nicht.
„Die Bullen kannst du dir schenken! Die stehen alle auf seiner Gehaltsliste. Aber mir scheißegal. Dann bleib halt hier, wenn er dir die Knochen brechen soll.“
Ich dachte an Orlowski, der mir die Knochen brechen würde, wenn ich ging – und dabei würden mir auch die Kameras nicht helfen, die alles aufgezeichnet hatten, der Kapitän ging nicht von Bord. Dann sah ich auf Oleg, der sie mir brach, wenn ich blieb. Orlowski war auf Mauritius, bedeutet, ich hatte mehr Zeit zur Flucht.
„Also?“
„Okay.“ Sagte ich und folgte ihr.
Sie drängte uns nach draußen auf die Straße, wo uns ein munterer Diesel geschwängerten Oktobermorgen empfing.
„Los da rüber zur U-Bahn.“
Ich folgte, wie das Kind der Mutter und sie achtete nicht darauf, ob ich beim Überqueren der Straße überfahren wurde, wie die handysüchtige Mutter des Kindes. Dennoch erreichten wir unbeschadet die Haltestellen.
„Weißt du welche Verbindung zum Hauptbahnhof geht?“
Ich sah sie an, sah ihren hübschen Augen, sah auf die geheimnisvolle Tasche und lächelte.
Sie lächelte nicht.
„Na, weißt du es?“
Also, lieb konnte man zu ihr nicht sein, dachte ich.
„Also mit der U-Bahn kommen wir nicht direkt zum Bahnhof. Aber mit dem Bus. Der M85, um 10.12 müsste passen.“
Sie sah auf ihr Handy.
„Gut es ist 10.09. Dann nehmen wir den.“
Ich sah zum Eingang des „Lovestory“. Oleg wankte heraus. Mit schmerzverzerrtem, wütendem Gesicht, sein Blick ratterte über die Umgebung.
„Da!“ Sagte ich.
„Scheiße!“ Sagte sie.
Oleg entdeckte uns, sagte auch etwas, was wir aber, durch den Verkehrslärm, nicht verstanden.
Die Ampel schaltete auf Grün und vermutlich rettet uns das das Leben. Während der M85 in die Haltebucht einbog, startete eine Blechlawine ihren Strom durch die Kurfürstenstraße. Olegs Kopf reckte sich über PKWs und verschwand hinter LKWs und wir verschwanden im M85, der in dem Augenblick losfuhr, als Oleg die Chance hatte uns zu folgen.
Wir drängten uns zu einer Haltestange und versuchten den Fahrmanövern des Busfahrers zu trotzen, wie Surfer den Wellen.
„Wie heißt du eigentlich?“
„Karla.“
Ich wartete einen Moment auf die Gegenfrage, aber die blieb aus.
„Mein Name ist Mike.“
„So.“
„Ja. Also eigentlich Michael.“
Sie schwieg und sah nicht zu mir herüber, sondern schien damit beschäftigt, auf ihrem Handydisplay, in einem Zug das gesamte Internet zu lesen.
„Wo sollen wir jetzt hin?“
Karla sah mich genervt hat.
„Das kann ich rausfinden, wenn du mich nicht störst.“

12/19 PGF

9 Kommentare

  1. Hm, diese Wendung hätte ich nicht erwartet und erscheint mir persönlich nicht wahnsinnig glaubwürdig. Unter den gegebenen Umständen hätte der frisch gebackene Verkäufer nicht seinen Platz im Laden verlassen, so hätte ich das eingeschätzt. Dass er feige davon läuft, sich aus dem Staub macht… Enttäuscht mich etwas.
    Jetzt ist er mit einer Frau unterwegs, mit der er nicht gleich gepolt ist, soviel ist klar. Alles sagt: Neein, Junge da bist du falsch, was machst du da?!?

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      1. Ist doch interessant, wie sehr man sich als Leser identifiziert (hier auf jeden Fall!) und nicht fassen kann, wenn die Hauptfigur etwas anderes tut, als man es selbst spürt. Aber die Spannung von Geschichten beruht manchmal auf solchen Grundlagen. Hier leide ich mit dem Verkäufer, denn diese Entscheidung kann nicht gut für ihn enden, so mein Gefühl dazu.

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      2. Kann ich gut nachvollziehen, weil ich lange Figuren mit einem „idealisierten“ Verhalten konzipiert habe, was schnell belehrend und langweilig wirkt. Es ist, wie in Horrorfilmen in denen man zurufen möchte: “ Ruf lieber Hilfe statt allein in den Keller zu gehen.“ 😎
        In Mikes Fall muss mir das Ende erst noch einfallen. Es gibt nicht mehr, als ein paar Ideen für die nächsten Kapitel. 🧘‍♂️

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      3. Ja, als Autor diese Schwelle zu übertreten, macht die Sache vermutlich erst spannend. Vielleicht auch für den Schreiber selbst.
        Auf jeden Fall muss (darf) ich dir attestieren, dass ich jedes Mal erstaunt bin, wie kreativ du darin bist eine Geschichte fortzusetzen.
        Wenn ich mich hier frage, wie die Geschichte ab diesem Punkt weiter geht, gibt es natürlich verschiedene Möglichkeiten. Aber der Schwerpunkt wird vermutlich auf der Interaktion zwischen den beiden liegen. Und gerade weil Mike anders reagiert, als ich es vermutet hätte, würde ich mich schwer tun da weiter zu denken. Vermutlich macht aber genau das einen guten (gereiften) Autor aus…

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      4. Es hat tatsächlich etwas mit „spielen“ zu tun und dem Bedürfnis das „Spiel“ so fortzusetzen dass es Spass macht. Schwer ist in diese spielende Stimmung zu gelangen.

        Danke für deine Rückmeldungen 🙂
        Und Grüße in die Nacht 🌃
        P

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      5. Diesen Austausch übers Schreiben finde ich wiederum spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Du hast aus meiner Sicht aber grundsätzlich die gute Gabe solche Geschichten weiter zu spinnen. Wenn die spielerische Stimmung nicht da ist, kann man den Stoff ja auch erst mal liegen lassen. Oder sich „warm schreiben“?

        Ich wünsch dir auch eine gute Nacht, lieber Peter ⭐

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