Paddel (6)

6. Falls die Polizei ermittelt

Wir trieben durch den Bahnhof, wie zwei Blätter auf einem großen Strom und mir wurde einschneidend bewusst, dass ich nichts bei mir hatte, außer meinen Kleidern und zwanzig Euro. Ich dachte an meinen Sachbearbeiter und hörte „Kürzung Leistungsbezug“ und in meiner Adrenalin gepuschten Fantasie verwandelte sich der Mann in einen kantigen General und brüllte mich an: „Wegen unerlaubtem Entfernen von der Truppe!“.
Karla zerrte an mir. Ich drehte mich zu ihr und hatte Schmetterlinge im Bauch. Die waren einfach da.
„Mann! Markus!“
„Mike.“
„Meinetwegen, bist du bekifft oder was? Du läufst rum, als würdest du nen Film schieben.“
„Ne“, sagte ich. „Ich habe nur nachgedacht, weil ich rein gar nichts dabei habe und mich mein neuer Chef vierteilen wird.“
„Nichts ist schlimmer, als was Oleg mit dir machen würde. Hör zu: Wir fahren jetzt nach Greifswald.“
„Wo-?“
„Klappe halten! Da wohnt meine Mutter. Die wird sich um dich kümmern, während ich weiterziehe. Bei ihr schläfste drei Nächte und dann kannst de wieder Heim fahren.“
„Aber ich will nicht nach Greifswald. Ich kann gar kein Ticket zahlen.“
„Das zahle ich, weil du mir geholfen hast.“
„Wirklich nett von dir. Aber-„.
„Kein Aber! Da vorne ist der Geldautomat. Wir holen jetzt Tickets und dann heißt es abtauchen.“
„Dein Kumpel wird ja nicht überall Helfer haben.“
Sie blieb stehen und sah mich fassungslos an.
„Mann bist du naiv! Falls die Polizei ermittelt.“
„Aber warum sollten die?“
„Wegen deiner Körperverletzung.“
„Aber ich habe dich doch nur verteidigt.“
„Oleg weiß das so zu drehen, dass seine Kumpels von der Streife eine Anzeige aufnehmen. Dann bist du zur Fahndung ausgeschrieben und wirst nicht in einem fairen Verfahren freigesprochen, sondern verschwindest im Wald unter Moos.“
Ich schluckte und beschloss Karla vorerst zu folgen.
Wir gingen zu dem Automaten hinüber. Sie zerrte aus einer Seitentasche, der Tasche die sie bei sich trug, eine Handvoll Geldscheine.
„Gib Greifswald ein!“ Befahl sie mir und ich gehorchte. Ich sah das Moos vor mir über dem ein Käfer krabbelte und auf einem Ast darüber pfiff ein Vogel sein Abendlied. Es war besser, ich machte was Karla wollte.
Der Preis für die Tickets wurde angezeigt und Karla schob das Geld in den dafür vorgesehenen Schlitz. Das Gerät ratterte freundlich und spuckte unser Ticket aus.
„So Abmarsch zu Gleis 6.“
Ich hatte ein Wortspiel auf der Zunge, welches mich vermutlich das Leben gekostet hätte. Deshalb schwieg ich.
Wir konnten direkt einsteigen, da der Regionalexpress bereits bereitstand.
Wir suchten ein Abteil und Karla warf sich in den Sitz, wie ein Teenager, der fest überzeugt ist, bald die Welt zu regieren, weil er am Mittag die Hausaufgaben nicht machen wird. Die Tasche schob sie unter den Sitz. Ich setzte mich ihr gegenüber, weil ich auch einen Platz am Fenster wollte.
Ich sah zu ihr. Sie funkelte mich, mit zornigen Augen, böse an und ich kann nicht erklären wieso, aber ihre Augen wirkten, als sei sie verliebt in mich. Hinter all dem Gift und der Bosheit, der gespielten Abscheu und offenen Kälte glimmte ein zartes Feuerchen. Mir war klar, dass in meiner Zuneigung, etwas zutiefst Unvernünftiges steckte. Ich hatte dazu noch keine Worte gefunden, weil es schlicht eine Veränderung meines körperlichen Zustandes bedeutete, in ihrer Nähe zu sein. Es war nicht Begehren, alle meine Zellen waren glücklich neben ihr. Aber nüchtern betrachtet, konnte das nicht gut sein.
Der Zug ruckte los und löschte den Moment.
Ich blickte auf die Bahnhofsuhr.
„He! Wir starten pünktlich.“
„Ist das ein Fest?“
Ein bisschen schon, dachte ich.
Die Regional-Bahn quälte sich durch den Berliner Norden und wir kamen an einer riesigen Baustelle vorbei, deren trostlose Leere, durch die dürren Krananlagen kein bisschen aufgeheitert wurde. Ich malte mir aus, wie mittlerweile das gesamte Gebiet um das „Lovestory“ abgeriegelt war und die Polizei die Arbeit aufnahm. Morgen würde die BZ titeln: „Ermittlung in Sachen Prostitution und Mord“ und auf einem Bild der Überwachungskameras aus dem „Lovestory“, würde mein Konterfei erscheinen.
Ich sah wieder zu Karla, die nachdenklich zum Fenster hinausblickte und wunderschön dabei aussah.
Ich hatte sie gerettet. Mein Herz klopfte zufrieden.

12/19 PGF

12 Kommentare

  1. Der Fortgang der Geschichte will mir persönlich einfach nicht gefallen. Wirkt auf mich holprig, zu konstruiert oder whatever. Geschmäcker differieren. Hier fand ich den Anfang ganz exzellent, aber ab der Flucht aus dem Laden wurde es schräg für mich. Nix für ungut und lass dich nicht abhalten, deine ganz persönlichen Wendungen zu nehmen, wie die Geschichte für dich stimmt, es ist schließlich deine.

    Gefällt 2 Personen

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    1. Alles gut 🙂
      Ich war überrascht, dass du nach „Leben im Land der Geister“, einen Zugang zu „Paddel“ hattest.
      Das meinte ich (auch) mit „spielen“: immer mal die Stilrichtung wechseln.
      Wenn du möchstest kann ich dir gerne ein Exemplar von „Soanta & Paolo“ zusenden, zwei Kurzgeschichten die ich vor längerer Zeit veröffentlicht habe. Sie könnten deinen Geschmack treffen 🙂

      Gefällt 2 Personen

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      1. Ja, jede Kunstrichtung wird umso interessanter, je vielschichtiger und abwechslungsreicher sie wird.
        Ich denke, dass ich grundsätzlich breit gefächerte Interessen habe, auch wenn ich bestimmt meine Themen habe, wo ich tendenziell eher eingefahren bin. Und ich bin auch daran interessiert, mich mit Fortentwicklung für weitere Bereiche zu öffnen. Zum Bsp. mochte ich lange keine Fantasy-Romane. Auf einmal dann bekam ich Zugang zu diesem Genre.
        Ja gern. Auf welchem Weg? Und wie kann ich dir entgelten?

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  2. ich gestehe, mir geht es etwas wie marion… es fing wirklich vielversprechend an, aber ab dem letzten kapitel hat mich die geschichte eigentlich verloren…
    (kleiner buchstabendreher: du solltest schon bei einem namen bleiben, mein lieber pe, schmunzel, im vorigen kapitel hieß die dame klara und hier karla! 😉 )
    ganz liebe grüße, diana

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    1. Liebe D, danke für den Karla/Klara-„Bug“.
      Schande über mich 😉
      Dass die Figuren gegen den Strich gehen, war/ist erzählerisches Risiko, aber ich glaube, dass auch diese Geschichte am Ende ihren Feinsinn hat … 💫
      Schönen 🌃
      P

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