Paddel (7)

7. Milchpulver ist das nicht

Karla lief vor der Haustür auf und ab, wie jemand mit Harndrang vor belegten Toilettenhäuschen.
Ich fragte nichts, um mich nicht in Lebensgefahr zu bringen.
Sie murmelte etwas vor sich hin, sah nochmals alle Namensschilder eines nach dem anderen an und murmelte wieder.
Ich wartete, hier war jedes Wort die Flamme an der Lunte.
Schließlich blieb sie stehen.
„Komm!“
„Wohin?“
„Wir müssen uns was anderes suchen. Meine Mutter wohnt nicht mehr hier.“
„Du wusstest“.
Sie warf mir einen zornigen Blick zu und ich verstummte.
„Ich wusste es nicht. Nein, wir haben seit drei Jahren keinen Kontakt.“
„Aber sie sollte mich doch aufnehmen.“
Sie zuckte mit den Achseln, sprach aber nicht weiter. Sie lief einfach davon und ich beeilte mich sie einzuholen.
Wir liefen durch das schmucke Städtchen, das mich an alte Hansekultur erinnerte und auf einem großen Marktplatz einen großen Wochenmarkt anbot. Von dort liefen wir nördlich und kamen schließlich an einen Fluss.
„Wusste gar nicht, dass Greifswald am Fluss liegt.“
„Das ist die Ryck, die müssen wir entlang zum Bodden.“
„Zum Meer.“
„Wenn du so willst. Dort gibt es eine ordentlich Zahl Gartenlauben, die jetzt leer stehen. Dort werden wir übernachten.“
Dann sagte sie nichts mehr.
Wir folgten der Ryck entlang einem Feldweg, der uns zwischen Wiesen und Riedgras führte und erreichten, nach etwa einer halben Stunde, eine Gartenlaubenkolonie, die wie Karla vermutet hatte, verlassen aussah. Sie suchte sich eines der Grundstücke, das nur von einem niederen Zaun begrenzt war, schwang sich über den Zaun und zischte mich an: „Komm schon, ehe uns jemand sieht.“
Ich mühte mich über den Zaun und folgte ihr zu dem kleinen Gartenhäuschen.
Karla knackte die Tür, als hätte sie einen Schlüssel und verschwand rasch im Inneren. Ich musste mich beeilen, damit sie nicht die Tür vor mir schloss.
Die Hütte bestand nur aus einem Raum. Darin war ein Tisch, auf einem kleinen Teppich, eine Pritsche, eine Küchenzeile und ein Bollerofen, neben den Feuerholz und Papier zum anfeuern gestapelt war. Der Kühlschrank stand offen, um nicht im nächsten Frühjahr zu stinken.
Karla ging auf den Tisch zu, knallte die Tasche darauf und vergewisserte sich, das die Gardinen an den schmalen Fenstern geschlossen waren.
Ich war gespannt, wie am Heiligabend.
Sie öffnete die Schnallen und dann die Klappverschlüsse und holte fünf große Plastikbeutel aus der Tasche. Sie wog sie kurz in der Hand als wolle sie das Gewicht abschätzen.
Ich betrachtete das kritisch.
„Was ist das für ein Pulver?“
„Koks.“
„Bitte?“
„Kokain. 5 Kilo. Straßenverkaufswert eine halbe Million. Bingo mein Lieber, damit beginnt mein Leben in der Südsee.“
Okay, ich war also mit Bonnie unterwegs, aber ich war nicht länger bereit mich in meine Rolle als Clyde zu fügen.
„Wir sollten das zur Polizei bringen. Und zwar sofort! Oleg wird keine Verbindungen bis hier besitzen.“
Hätte ich das besser mal nicht gesagt.
Drohend kam sie auf mich zu und streckte mir ihre finstere Miene ins Gesicht.
„Niemand ruft hier die Polizei oder denkt an Oleg. Sobald ich das Geld habe, suche ich mir eine hübsche Insel und baue mir dort ein neues Leben auf.“
Nun, ich war nicht der Durchsetzungsfähigste, nicht sehr mutig und vermutlich viel zu naiv, aber so viel Stadt hatte ich in mir: um das Pulver in Geld zu verwandeln, musste man jemand kennen der es verkaufte.
Ich formulierte meine Frage so schlicht, wie möglich: „Kennst du in Greifswald viele, die das zu dem Preis für dich verchecken?“

12/19 PGF

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