Paddel (8)

8. Gehobene Literatur

Karla schwieg. Tatsächlich sagte sie kein Wort, nichts, keine Silbe, das war ungewöhnlich. Mein Magen knurrte und erinnerte uns an ein weiteres Problem.
„Muss man bestimmt grammweise verkaufen, damit der Preis stimmt.“ Ergänzte ich vorsichtig.
Sie ignorierte mich.
„Lass uns etwas essen.“ Sagte sie stattdessen und widerlegte mich damit.
Sie zog aus einer zweiten Tasche, neben der aus der sie das Geld geholt hatte, eine 6er-Packung Protein-Riegel.
„Die frisst Oleg, wie gestört. Manchmal 12 am Tag.“
Ich nickte.
Sie riss die Packung auf und warf mir einen Riegel herüber.
„Jetzt einen, heute Abend einen und morgen Früh einen. Dann gehen wir einkaufen.“
Ich öffnete den Riegel, bevor ich abbiss nickte ich ihr zu: „Danke!“
„Ist okay.“ Erklärte sie, aber ich sah ein zartes Lächeln über ihre Augen gleiten. Pochte da doch ein Herz in diesem zähen Wesen.
Ich kaute und fand die Riegel lecker. „Die sind gut.“
„Ja, bauen dir die Muckis auf, die dir fehlen.“
Ich nahm die Bemerkung sportlich und genoss den Riegel.
Dann schwiegen wir.
Sie sah immer mal wieder nach den Beuteln mit dem Koks, ohne eine Lösung zu finden und ich malte mir abwechseln aus, wie ich von meinem Sachbearbeiter, Herrn Orlowski oder Oleg ausgelöscht wurde. Per „Leistungskürzung“, per Schusswaffe oder mit bloßen Händen erwürgt. Im Kontrast wirkte Leistungskürzung mit einem mal angenehm.
Draußen verging den Tag. Ich kann nichts über ihn sagen. Vielleicht war er sonnig, vielleicht war ein ganz besonderer Duft in der Welt. Jedenfalls war er ziemlich kühl, wie man in dem kleinen Häuschen merkte, als die Sonne untergegangen war.
„Wir sollten Feuer machen.“ Schlug ich vor, weil ich sah das Karla, in ihren dünnen Kleidern bereits zittert.
„Könnte jemand merken.“
„Könnte jemand für den Besitzer halten.“
„Könnte jemand nachfragen.“
„Könnte zu unserer Flucht führen.“
Sie machte eine Bewegung, die mir sagte: Mach halt!
Ich stand auf und sah in einem Regal Streichhölzer.
„Ich helfe dir.“ Erklärte Karla und ging zu dem Stapel mit dem Holz und dem Anfeuermaterial. Sie begann Papier zu zerreißen.
Ich kam näher und sah, dass es sich um ein Buch handelte.
„Moment mal! Was machst du?“
„Papierbälle zum anfeuern.“
„Aber das ist doch ein Buch.“
„Lag beim Anfeuermaterial.“
„Lass mal sehen.“
Sie schnaufte und gab es mir herüber.
Es war eine Ausgabe von „Brief an den Vater“, aus dem Jahr 81, eine Fischerausgabe.
„Das ist Kafka.“
„Und? Brennt der nicht so gut.“
Der sollte gar nicht brennen, dachte ich. Ich nahm nicht an, dass Karla ihn kannte. Ich las selbst nicht viel, aber wir mussten in der Schule „Die Verwandlung“ lesen und, als ich Jahre später auf einem Flohmarkt den „Brief an den Vater“ sah, dachte ich, älter geworden, hätte ich vielleicht einen besseren Zugang.
„Das ist ein sehr nachdenkliches Buch, über einen Vaterkonflikt.“
Karla lächelte herzlos.
„Siehst du, dann ist besser, wenn man keinen hat oder nicht weiß wo er sich rumtreibt.“
Dann hat man trotzdem einen Konflikt, dachte ich und sagte es nicht.
„Kann ja sein“, sagte ich, „aber hör mal diese Stelle.“ Ich blätterte einen Moment und ein Buchzeichen fiel mir entgegen.
„Ich finde die Stelle nicht, aber hier steht ein Zitat drauf, das ist auch sehr schön:
„Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von deinen. Und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest du von mir mehr als von der Hölle, wenn dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich voreinander stehen, wie vor dem Eingang zur Hölle.“
Ich blickte auf und sah Karla unmittelbar in die Augen. Sie mied meinen Blick.
„Viel habe ich nicht gelesen, aber Zeilen, wie diese machen Bücher wertvoll, finde ich.“
Karla fand zum alten Muster: „Wenn ich mit dem Koks, meine Insel in der Südsee habe, lese ich vielleicht mal eins. Wir sollten Feuer machen.“

01/20 PGF

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