Paddel (9)

9. Die Flunder ist gut

Ich verbrachte die Nacht auf dem Boden, Karla nahm die Pritsche. Sie erwartete das nicht, sagte sogar: „Ich würde nicht zum ersten Mal auf dem Boden schlafen.“ Aber mir kam es richtiger vor, dass sie es bequemer hatte.
Die Nacht schlief ich schlecht. Karla schnarchte, nicht laut, aber sie gab ein unverkennbares Rasselgeräusch von sich, mir drückte sich der Holzboden in die Knochen und in meinem Kopf geisterten Bilder. Viele Bilder: ich und Karla, ich und der Sachbearbeiter, der Sachbearbeiter mit Orlowski, Karla und Oleg. Letztes hielt mich besonders wach. Mir wurde leicht übel bei dem Gedanken, dass die beiden ein Paar gewesen waren. Dass sie eines waren. Immer mal wieder schlief ich ein, wurde wieder wach, Karla schnarchte und ich hatte Kopfkino, alle Säle voll besetzt, wechselnde Vorstellungen, für den einzigen Zuschauer nicht sehr unterhaltsam. Außer die Passagen mit Karla. Über ihnen schlief ich meist ein.
Ein grober Stoß gegen die Schulter weckte mich.
„Komm! Steh auf, wir müssen los.“
Karla sah ausgeschlafen aus. Ich sah mich irritiert in dem Schrebergartenhäuschen um und fragte mich, wo mein Zimmer war. Ich rappelte mich hoch und Karla hielt mir einen Proteinriegel hin.
„Los! Den essen wir auf dem Weg.“
Unsere Spuren zu beseitigen, gaben wir uns keine Mühe. Bis auf das wenige Holz, hatten wir auch nichts genommen und keinen Schaden angerichtet. Der Eigentümer würde uns hoffentlich verzeihen. Konnte mir auch egal sein, da es bei meinen Straftaten der letzten 24 Stunden, darauf auch nicht mehr ankam.
Karla nahm die Tasche und sah dabei unglücklich aus. Langsam schien ihr zu dämmern, dass das mit dem Koks und dem Geld doch nicht so einfach werden würde. Einen Moment tat sie mir leid. Ich kannte das, wenn Träume platzten. Das war so ein Brennen, dass man halb wahnsinnig davon wurde. Man wehrte sich und strampelte wie ein kleines Kind: „Nein! Nein!“. Aber diese eine Stimme sagte: „Wehr dich nicht. Es ist vorüber. Hör auf zu träumen.“ Aber wie sollte das gehen?
Karla öffnete die Tür und uns umfing ein strahlend blauer, aber kalter Oktobermorgen, wir beeilten uns das Grundstück zu verlassen und liefen, die Ryck entlang zurück nach Greifswald. Wir sahen uns eine Weile um, besuchten das Uni-Gelände, liefen zum Bootshafen und wieder zurück zum Marktplatz und aßen schließlich, auf einem Boot zu Mittag.
Also wir aßen nicht unmittelbar auf dem Boot, sondern an einem der Tisch davor. Aber das Essen wurde auf dem Boot zubereitet, als hätte der Koch, den Fisch eben mit einer Angel aus dem Wasser gezogen. Wir bestellten beide Flunder mit Kartoffelsalat und während wir warteten, fragte ich Karla: „Wolltest du eigentlich immer so leben?“
„Wie meinst du?“
„Na so.“
„Als Nutte und Zuhälterbraut.“
Sie sah mich herausfordernd an.
„Ich hätte es anders formuliert.“
„Hast du aber nicht, weil es da nichts zum abmildern gibt.“
Sie sah zu den Booten hinüber die im Wasser hin und her kippten, als wären sie unentschlossen, ob sie losfahren sollen.
„Ich hätte gerne studiert.“
Das irritierte mich jetzt.
„Tatsächlich.“ Erklärte ich unbeholfen.
„Ja, irgendetwas was mir erklärt, warum die Menschen so scheiße sind.“
„Soziologie?“
„Keine Ahnung!“
„Psychologie?“
„Schon eher, auch, wenn unser Schulpsychologe ein Arschloch war. Hatte immer das Gefühl der will mir lieber an die Wäsche.“
Ich versuchte mir Karla, als Psychologin vorzustellen, vermutlich würde sie eine Reiß-dich-zusammen-Therapie entwickeln, bei der der Patient solange zusammen gestaucht wurde, bis er sich wehren lernte.
Ehe ich etwas Unsinniges antworten konnte brachte der Kellner das Essen.
Zwei wundervolle Flunder im Pfeffermantel und dazu Kartoffelsalat mit etwas Remouladensauce dabei.
„Lasst es euch schmecken.“
Wir nickten uns zu und begannen zu essen.
Nach einer Weile sagte ich: „Die Flunder ist gut.“
„Ja.“ Sagte Karla. „Das ist sie.“
Sie lächelte mir zu und mir war ganz egal was kommen würde.

01/20 PGF

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