Paddel (10)

10. Wer lieben kann ist glücklich

Ich glaube, es gibt Menschen, die sind nur zum Verlieben fähig, aber nicht zum Lieben. Die ziehen Bewunderung und Aufmerksamkeit auf sich und sind bereit sich zu erniedrigen, solange sie das Gefühl behalten, bewundert zu sein, aber lieben können sie nicht, weil lieben etwas Tiefes und Verbindliches ist. Deshalb sind solche, ins Verliebtsein Verliebte, für liebende Menschen, eine gewaltige Gefahr.
Mir stand es durchaus zu, mir dazu meine Gedanken zu machen, während Karla, mit einem wechselnden Stapel Kleider in die Umziehkabine ging, um die alten Klamotten, die sie im „Lovestory“ getragen hatten, gegen etwas Neues und Warmes einzutauschen. Es stand mir deshalb zu, weil es schon immer mein Verhängnis war, mich in solche Frauen zu verlieben. Weil ich in dem Verletzenden einer Frau, nicht eine Gefahr sah, sondern etwas Verletztes, dem ein Lieben zugrunde liegt, welches ich bergen möchte.
Das ist natürlich Blödsinn, aber irgendwer hat mal gesagt: „Wer lieben kann ist glücklich“, ich meine irgendein schwäbischer Dichter und ich konnte nicht bestreiten, dass mich Karla glücklich machte, ganz egal, ob mir meine Vernunft mit aller Wucht von hinten an die Stirn pochte und mir zurief: „Vorsicht! Nein! Lass das!“
„Wie findest du das?“
Karla drehte sich einmal um die eigene Achse. Sie trug ein schwarzes Spitzenkleid, mit V-Ausschnitt, indem ihr nicht wärmer sein würde, das ihr aber perfekt stand.
„Steht dir.“ Sagte ich wahrheitsgetreu, was sie zu langweilen schien.
Ich versuchte meine Gedanken zu verbergen, wie früher den Playboy, wenn meine Mutter ins Zimmer kam.
„Du solltest noch was zum warm haben kaufen.“
Sie schüttelte missbilligend den Kopf, schnappte den nächsten Kleiderberg und verschwand in der Kabine.
Wir hatten uns nach der Flunder, auf die Suche nach einer Bleibe für die Nacht begeben. Als Karla das H&M entdeckte, war sie angezogen worden, wie ein Smartphone-Display seinen Besitzer anzog.
Ich folgte ihr und duldet seit dem Moment, da wir den Laden betraten Kleiderproben.
Was am Ende der Stunde alles in der Einkaufstasche landete, kann ich nicht sagen, aber das Spitzenkleid war nicht dabei.
Als sie gezahlt hatte, hielt sie einen Moment unschlüssig die H&M-Tüte in der einen Hand und die Koks-Tasche in der anderen. Dann streckte sie mir die Tüte hin.
„Da nimm du, das sieht stilvoller aus.“
Von der Kleiderprobe anbehalten hatte sie ein langes schlichtes Kleid, über dem sie jetzt einen Mantel trug.
Wir verließen den Laden.
„Wie kommts eigentlich, dass du, in so einem Pornoladen arbeitest?“ Fragte sie mich.
„Was?“
„Paddel und Dildos, das passt nicht zu dir.“
„War mein erster Tag.“
Sie sah mich an, als befürchte sie, ich könne sie auf den Arm nehmen.
„Im Ernst, das Amt hat mich verdonnert.“
„Aber mit dem Paddel kannst du umgehen, alle Achtung.“
Ich wurde rot.
Sie lachte.
„Keine Sorge, ich steh nicht auf so was. Eigentlich mag ich Kuschelsex. Aber für zarte Gefühle, sind die Zeiten zu hart.“
Ich schwieg und dachte, nein genau das Gegenteil ist richtig: speziell die harten Zeiten erfordern zarte Gefühle. Darum ging es, wenn man als Mensch überleben wollte.
„Wir sollten uns überlegen, wie es weitergeht.“ Sagte ich.
„Ja, das sollten wir.“
Karla sah sich um.
„Weißt du was? In der Tasche ist noch einiges Geld. Für heute Nacht suchen wir uns ein Hotel und gehen vorher nochmal schön essen. Einverstanden?“
Mich überkam das Bedürfnis mich vor ihrer Zuneigung in Sicherheit zu bringen. Solange sie grob war, sah ich keine Gefahr, dass meine Zuneigung zu ihr, mir gefährlich werden konnte. Aber was geschah, wenn sie mich auch mochte und mich irgendwann nicht mehr mochte?
„Alles okay?“ Sie sah mich kritisch an.
„Ja. Gute Idee. Aber morgen sollten wir wissen, wohin wir wollen. Wir haben Glück, dass man offensichtlich nicht großräumig nach uns sucht.“
„Außerhalb von Berlin ist es für Oleg schwierig, er wird ein paar Tage brauchen, um unsere Spur zu finden.“
„Weiß er nicht wo deine Mutter wohnt?“
„Wie soll er es wissen, wenn ich es selbst nicht weiß? Hast du eigentlich Familie?“
„Nein, niemand.“
Sie nickte nachdenklich, dann nahm sie meine Hand.
„Komm! Für den Moment haben wir uns.“

01/20 PGF

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