Paddel (11)

11. Über die Ostsee kommt man überall hin.

Die Nacht lag ich wach. Karla schnarchte leise, auf der Matratze neben mir und ich bewunderte sie für diese Nervenruhe. Sie hatte gar keine Angst, kannte gar kein Morgen und kein Gestern. Sie war wie ein spielendes Kind und, wenn ihr ein Spiel langweilig wurde, dachte sie sich das nächste aus. Während ich mir Sorgen machte und auf Sicherheit bedacht war. Ich hatte mir von dem Abend etwas erwartet, sie nicht. Deshalb lag ich wach und dachte nach, was sie mir bedeutete und sie schlief, weil sie sich keine Fragen stellte.
Irgendwann in den Morgenstunden schlief ich dann doch ein. Als ich wach wurde kam Karla gerade aus dem Bad, frisch geduscht, mit einem der Kleider von gestern.
„Beeil dich! Ich will frühstücken. Schlafen kannst du ja.“
Ich hebelte mich hoch und griff nach meinem Smartphone, das neben mir auf dem Nachttisch lag. Ich nahm es vom Adapter kontrollierte mein WhatsApp-Nachrichten, meine Mails und entschied mich, wider alle Vernunft, auf die Online-Seite der BZ zu gehen.
Dort las ich, was ich längst befürchtet hatte: „Im Fall des Berliner Sex-Shop-Überfalls gibt es erste Fortschritte.“ Neben dem Artikel war ein Bild von Oleg und Orlowski zu sehen, darunter stand: „Der Inhaber, der seinen Urlaub auf Mauritius abbrechen musste, bedankt sich, bei einem tatkräftigen Bürger der verhindert hat, dass der Laden vollständig ausgeraubt wurde. Beide vertrauen der Polizei, bei der Festnahme des Diebespaares.“
Oleg grinste, als wolle er mich wissen lassen, dass ich dafür zahlen würde. Orlowski grinste, als sollte ich wissen, dass mein letztes Stündlein geschlagen hatte.
„Ich glaube, wir sollten nicht frühstücken.“
Ich schwang mich aus dem Bett und hielt Karla das Display hin.
Sie warf einen flüchtigen Blick darauf.
„Dann suchen Sie jetzt nach dir!“
Ich fragte mich, was aus dem Uns geworden war. Mein Magen zog sich grimmig zusammen, wie nach einem Magenbitter.
„Ja, das machen sie wohl.“ Ich sah mich mutlos im Zimmer um.
Sie betrachtete mich, wie ich dastand allein und verloren und ich spürte, wie sie ihre Worte abwog, wie sie alle Optionen durchspielte, wie ein Großrechner Wettermodelle.
„Oleg wird dafür gesorgt haben, dass sie nach uns suchen. Bedeutet: wir müssen schnell sein.“
Ich zog mir meine Jeans über und streifte meinen Pullover über den Kopf. Als ich auftauchte, sah sie mich an.
„Wir sollten uns stellen.“
Sie lächelte und ich war fassungslos.
„Du bist immer so dramatisch.“ Sie nahm die Tasche mit dem Kokain und warf mit die H&M-Tüte zu. „Wir sollten uns stellen …, wie das klingt. Unsinn, wir sollten cool bleiben. Wenn sie uns fassen haben wir Pech gehabt.“
„Aber das werden sie. Ich verstehe gar nicht, wie du so entspannt bleiben kannst.“
Sie kam zwei Schritte auf mich zu.
„Weil du dich um uns sorgst. Das ist gut. Wir sind ein gutes Team. Das hätte ich nie gedacht. Als du hinter dem ganzen S/M-Geschirr aufgetaucht bist, dachte ich: O Mann! Was habe ich falsch gemacht, damit man mir dich als Retter schickt. Das war dumm, denn in deiner Nähe kann ich besser denken und fühle mich stärker als sonst.“
„Wirklich?“
„Jetzt mach nicht daraus ein Drama! Wir sind ja kein Paar. Aber ein gutes Team.“
Ich packte die H&M-Tüte etwas fester.
„Ja, das sind wir wohl. Und was schlägt mein Team-Mitglied vor?“
„Wir suchen uns eine Fähre! Über die Ostsee kommt man überall hin …“

01/20 PGF

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