Paddel (14)

14. Zwei Bier und ne Cola

„Was darf ich Ihnen bringen?“
Der Wirt vom „Hülsenkrug“ sah freundlich aus. Alle Tische waren belegt und in dem Stimmengewirr der Gäste wirkte seine Stimme, wie eine klarer Klingelton in einem überfüllten S-Bahn-Abteil.
„Ich würde gern die Karte“.
„Wir trinken nur etwas.“
Karla lächelte dem Mann freundlich zu und der ließ seine Speisekarte wieder unter dem Arm verschwinden. Er warf mir einen spöttischen Blick zu, weil ich mir das gefallen ließ.
„Wie Sie möchten. Was darf es sein?“
„Ich nehme ein Bier.“ Karla sah angespannt zum Fenster hinaus. Der „Hülsenkrug“ lag direkt an der Straße nach Binz, auf die man, durch große Fenster mit kleinen Fensterkreuzen hinaussah.
„Ja, für mich auch.“
Der Wirt nickte mir knapp zu und verschwand.
„Ich hätte Hunger.“ Beschwerte ich mich.
„Zum Essen haben wir später Zeit, wenn das alles vorüber ist.“
Wir warteten etwa eine halbe Stunde. Mit Karla war in dieser Zeit nicht zu reden. Sie beobachte die Gäste, dann wieder die Straße, zwischendurch nahm sie einen Schluck von ihrem Bier. Mich beachtete sie kaum. Die unangenehme Frage begann mich zu beschäftigen, was aus mir werden würde, wenn wir das Geld hatten. Wenn sie das Geld hatte. Im Moment machte sie nicht den Eindruck, als würde ich in ihrer Zukunftsplanung vorkommen. Es gab ja solche Frauen, die sich lange unterhalten und bezahlen ließen, um am Ende ihr Erspartes oder Geraubtes zu nehmen, um ein eigenes Leben zu beginnen. Sie nannten das dann ihre „Freiheit“. Karla machte durchaus den Eindruck zu dieser Freiheit zu tendieren. Auch, wenn Oleg vermutlich kein angenehmer Lebensgefährte war, musste er im Moment zu einer ähnlichen Erkenntnis gelangen.
Draußen fuhr auf den Parkplatz ein Auto vor. Auf der Seite stand „Müllers Kurierservice 24h 7T“. Ein junger Kerl stieg aus. Er sah etwas schwerfällig aus und war ziemlich dick, der Bauch hing ihm schwer über den Hosenbund.“
„Also den rauch ich in der Pfeife.“ Behauptete Karla.
Es dauerte einen Moment, dann betrat der Fahrer den „Hülsenkrug“. Er sah sich hektisch um und wirkte erleichtert, als Karla sich kurz erhob und ihn zu uns winkte.
Er setzte sich.
„Hallo.“
„Hallo.“
„Hallo.“
Mehr wusste keiner von uns zu sagen.
Der Wirt kam.
„Auch ein Bier“
Der Kurierfahrer sah auf den Tisch.
„Ne, ne Cola wäre mir lieber.“
Der Wirt nickte spröde und ging davon.
„Die Tasche steht unterm Tisch.“ Erklärte Karla. „Tu so, als ob du dir die Schuhe bindest und sieh nach, ob alles drin ist.“
Ich war beruhigt zu sehen, dass der Fahrer Karla gehorchte, wie ich es tat. Sie hatte diese Macht.
Er tauchte wieder auf.
„Sieht gut aus. Ich soll ein Bild von euch machen, falls die Qualität nicht stimmt.“
„Kein Bild.“ Fuhr Karla ihn an.
„Kein Bild, keine Kohle.“ Erwiderte der Fahrer. „Ich hab nicht viel Zeit, wir versprechen Expresslieferung.“
Cool, dachte ich, hätte ich dir nicht zugetraut. Dann dachte ich an die Pistole, die Karla unter dem Kleid versteckte. Ich sah ihr an, dass sie gerade verschiedene Folterarten für den Kerl durchspielte, weil vermutlich keine perfekt war, erklärte sie: „Gut. Mike lehn dich zu mir, wir machen auf Food-Selfie.“
„Aber, wir haben nur Bier.“
„Mach einfach.“
Ich lehnte mich zu ihr. Sie roch gut, etwas salzig nach Schweiß und dezent süß, nach ihrem Parfüm.
Der Kerl verschickte das Bild, mit der Nachricht, dass die Tasche vor ihm stand.
Kurz darauf vibrierte mein Smartphone und zeigte den Zahlungseingang bei Paypal an. Der Buchung war eine Nachricht beigefügt:
„Wird Oleg nicht gefallen, dass Ihr sein Zeug so billig verscherbelt. Wäre auch ein zu großer Zufall gewesen, dass die 5 Kilo die bei euch auftauchen, nicht die 5 sind, die in Berlin verloren gingen. Schönen Abend noch.“
Und ein Smiley.
Es war Zeit, das Bier zu bezahlen.

01/20 PGF

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