Paddel (15)

15. Jetzt fuchtel nicht mit der Pistole rum

„Was hast du denn nur.“ Karla verstand nicht, weshalb ich es plötzlich so eilig hatte. Es war mir nicht als klug erschienen, ihr hektisch, das Display mit der Nachricht zu zeigen. Ich hatte den Kurier gebeten, in Ruhe seine Cola zu trinken und für uns zu zahlen. Er schien nichts von den Zusammenhängen zu wissen. Der Kerl in Hamburg war vermutlich nur froh, billig an gute Qualität gekommen zu sein und freute sich nun, über den Spaß den wir mit Oleg haben würden.
„Wir brauchen ein Auto.“ Hechelte ich während ich versuchte Karla mit meinem Tempo anzutreiben.
„Wieso brauchen wir denn jetzt ein Auto?“
„Oleg weiß Bescheid.“ Erklärte ich knapp, während ich sie über den Parkplatz drängte. „Wir brauchen ein Auto und zwar schnell.“
Sie blieb stehen.
„Woher?“
Ich hielt ihr das Display hin und sie überflog die Nachricht.
„Wegen dieser Scheiß Zusammenhänge die es zwischen allem gibt.“ Fluchte ich. „Du denkst an irgendwas und schon hast du den ganzen Mist, die ganze Zeit um dich. Hat irgendwas mit Schmetterlingen und Chaos zu tun. Hab das nie ganz verstanden.“
Karla musterte mich kritisch.
„Ist das so ein Versuch an mein Geld zu kommen.“
„Was für ein Blödsinn!“ Jetzt machte sie mich wirklich wütend. „Da müsste ich gar nix machen, weil es auf meinem Paypal-Konto ist. Keine Sorge du bekommst dein Geld, sobald wir überlebt haben.“
Ich trat von einem Bein aufs andere.
„Los jetzt!“
„Wir könnten ein Auto kurzschließen.“
Ich schüttelte energisch den Kopf. „Das klappt nur noch in Filmen aus den 80ern. Heute musst du Funktechnik beherrschen.“
„Okay, dann kapern wir einfach ein Auto.“
Sie fing an die Pistole aus ihrer Manteltasche zu ziehen.
„Jetzt fuchtel nicht mit dem Ding hierum.“
„Jetzt entspann dich mal.“ giftete sie mich an.
Ich ließ sie stehen, stellte mich an die Straße und hielt den Daumen raus.
Die ersten zwei Autos schienen zu beschleunigen, als sie mich sahen.
„Das wird nie was.“ Hörte ich Karla hinter mir.
Auch egal, dachte ich.
Wir warteten fünf Minuten, dann hielt ein schwarzer BMW. Der Fahrer ließ die Scheibe runter. Es war ein älterer Mann mit kurzgeschnittenem Bart und einem runden, fröhlichen Gesicht.
„Soll ich sie mitnehmen?“
Ich nickte und bemühte mich, nicht aufdringlich zu wirken.
„Das wäre sehr nett. Wohin fahren sie denn?“
„Ich muss nach Bremerhaven. Und sie wollen nach?“
„Bremerhaven.“ Tönte Karla von hinten und drängte sich an mir vorbei auf die Rückbank. „Das ist ja perfekt.“
„Sehen se mal, wie der Zufall spielt. Also steigen sie ein.“
Ich sah mich noch kurz um, ob irgendwo ein Fahrzeug näherkam, dass nach Oleg aussah und dachte, das ist unsere Chance. Ich klemmte mich auf den Vordersitz und der Mann fuhr los.
„Darf ich fragen, wie Sie heißen.“
„Ich heiße Ingo.“ stellt ich mich spontan vor und fragte mich, woher mir der Name einfiel.
„Ich bin Klara.“ Behauptete Karla von der Rückbank.
„Mein Name ist Maaz. Aber ihr könnt mich Heinrich nennen.“
Er sah zu mir rüber.
„Ich bin Paartherapeut und auf dem Weg zu einem Kongress in Bremerhaven.“
„Ah!“ Sagte ich.
Wir schwiegen eine Weile.
„Und sie beide, sind ein Paar?“
„Nein.“ Sagte ich.
„Ja.“ Sagte Karla.
Heinrich lachte.
„Ihr seid eine seltsame Generation: wisst nicht wo ihr hingehört, könnt euch nicht binden, man hat euch nichts beigebracht, außer das ihr Geld verdienen müsst, wenn ihr überleben wollt, in einer Welt die am Abgrund steht und mit dem ganzen verdienten Geld ruiniert wird. Paare, wie euch erlebe ich oft. Bindungsvermeidend, bindungsfixiert, narzisstisch gesteuert, bedürftig und einsam. Schuld daran ist meine Generation, nur das ihr mich nicht missversteht.“
„Kann man so was reparieren?“ Fragte Karla.
Heinrich verzog nachdenklich lächelnd das Gesicht.
„Du meinst heilen, Klara. Ja, manches. Unser Gehirn ist sehr wandlungsfähig. Davon machen nur die wenigsten Gebrauch. Sie schleifen lieber die immer gleichen Gewohnheiten ein.“
Heinrich setzte den Blinker und fuhr in Richtung Autobahnauffahrt.
„Wo habt ihr euch denn kennengelernt.“
„In einem Sexshop, in Berlin, erst vor Kurzem.“
„Das ist aber ein ungewöhnlicher Ort.“ Meinte unser Fahrer, ohne entsetzt zu sein.
„Ingo arbeitet dort, in der S/M-Abteilung.“
Ich merkte das Karla in Fahrt kam. Es machte ihr Spaß mich zu ärgern.
„Erst seit Kurzem.“ Versuchte ich mich zu rechtfertigen.
„Mach dir nix daraus.“ Beruhigte mich Heinrich. „In einem gewissen Sinn, verkaufst du Therapiematerial für meinen Arbeitsbereich.“
Karla kicherte laut und ich war überrascht, weil es zu naiv, für sie klang.
„Ich glaube, ich weiß jetzt endlich was ich studieren will.“
Der BMW rauschte auf die Autobahn und in die Nacht.

01/20 PGF

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