Der Ausbruch (1)

1.

Es war kein Krieg, auf den ich vorbereitet war. Wobei – kann man auf einen Krieg vorbereitet sein, wenn man ihn nicht selbst beginnt? Vermutlich nicht. Vermutlich lebt man stumm im Vertrauen und hofft, dass sich alles von selbst ergibt. Aber – es ergibt sich nicht, weil viel zu viele Enttäuschung und Zorn in ihrem Herzen tragen. Das wird sich nicht ändern. Solange Kinder gequält, vernachlässigt, gedemütigt, ungewollt groß werden, wird sich das nicht ändern.
Jeder Krieg erinnert uns daran, jeder Krieg erinnert uns, dass wir alle verantwortlich sind, für jedes Kind auf dieser Welt: seinen Hunger, seine Angst, seine Chancen.
Der Krieg macht erstmal nichts besser.
Ich wusste das nicht. Deshalb war ich auch nicht vorbereitet. Aber, wenn der Krieg ausbricht und man zwischen Angst und Überleben getrieben nur von Tag zu Tag denkt, hat man viel Zeit, sehr viel Zeit, um zu fragen und um nachzudenken. Ich kam zu dieser Einsicht, andere kommen zu anderen Ansichten. Man kann auch glauben, der Mensch sei von Grund auf böse und eher ein Kind des Teufels, als Geschöpf eines Gottes. Mir erscheint das nicht plausibel.
Aber der Krieg fragt nicht, was plausibel ist.
An die Einsamkeit war ich allerdings gewöhnt. Mein Leben war schon monatelang, wie ein Herbstbaum im Sturm, von dem ein Blatt nach dem anderen flieht. Das ist, wie der Krieg, ebenfalls ein Phänomen: das in einem Leben immer zeitgleich alle Dinge zerfallen, als hätte man es verdient, dass das Schicksal einem die Gunst entzieht.
An Götter glaube ich nicht. An das Schicksal schon eher. Deshalb fing ich auch nicht an, mich gegen die Einsamkeit zu wehren. Wenn es so sein soll, dachte ich, wenn ich diesen Bußgang verdient habe, dann trete ich ihn an. Ich sah mein Leben nicht, wie ein Schauspieler, der als Teil des Spiels auf der Bühne steht, sondern, wie ein Kritiker aus dem Publikum, für den nur zählt, ob die Darbietung ihn überzeugt.
Dann kam der Krieg. Seine Vorboten glichen den Apokalyptischen Reitern: Eine Seuche in Asien, ein plötzlicher und heftiger Klimawechsel, Verrohung der Massen, Absolutismus des Kapitals, eskalierender Verlust von Bildung und Gesundheit, Konfrontation statt Diplomatie und die Menschheit sah dem zu, als hungere sie nach einer reinigenden Katastrophe.
Der Funke flog von Nordkorea nach Südkorea und von Syrien nach Israel. Dann stand die Welt in Flammen.
Ich verließ sofort die Stadt, denn das hatte ich in den schwelenden Konflikten der letzten Jahrzehnte beobachtet: das normale Leben verschwindet nicht im Krieg. Es wird nur karg. Es gibt zu Essen, aber weniger und das Wenige ist schlichter. Es gibt auch Wasser, aber nicht zum Baden, sondern um die Lippen zu befeuchten. Der Krieg ist nicht überall, so wie der Krebs nicht überall ist, der Krieg ist an den Fronten, dort wo die Zellen entarten und er vagabundiert in Rudeln von Individuen, die ihr Menschsein aufgegeben haben. Wie Metastasen zerstören sie, was die Frontlinie nicht frisst. Grausamer, als jedes Tier, leben die Rudel ihre Triebe.
Die Städte füllten sich mit diesen Rudeln und die großen Städte, lagen zwischen den Frontlinien.
Also war es gut, sie zu verlassen.
Da ich allein war, hatte ich niemand zu verlieren. Ich brauchte nur drei Dinge: einen Rucksack, Proviant und die Wälder.

01/20 PGF

11 Kommentare

  1. (lieber pe, in diesem ersten abschnitt, der ohnehin echt krass ist, also rein vom inhalt her, taucht mir eindeutig das wort „krieg“ zu oft auf… wobei das wahrscheinlich von dir genau so gewollt ist? mich hat es ziemlich abgeschreckt, aber ist ja auch kein wunder… aber: deine geschichte entwickelt sich. gut, dass ich mich nicht direkt habe verschrecken lassen. 😉 liebe grüße auch hier nochmals, du lieber!)

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    1. Ja, liebe D, im Sinn der „schönen Redundanz“, als Wiederholung zur atmosphärischen Verdichtung ist es gewollt. Es wird aber nie mit heroischem Pathos verbunden sein. Er ist das Übel der Welt, aber er ist …

      Alles gut 🙂

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