Der Ausbruch (2)

2.

Ich hielt mich nördlich der Frontlinie. Ich ahnte, wo die Kriegsziele lagen, dort wo die Rohstoffe waren, dort wo Energie gewonnen wurde, dort wo Waffen und Technik zu kontrollieren waren. Deshalb hielt ich mich Richtung Norden. Dort gab es nichts, worum es sich zu kämpfen lohnte. Ein Leben in einer menschenfeindlichen Welt, darum führte niemand Krieg.
Mein Ziel war jeden Tag 20 Kilometer nach Norden gekommen. Mein altes Leben verließ ich Anfang September. In diesem Tempo, Umwege und Irrwege eingerechnet, würde ich 600 Kilometer im Monat schaffen. Nahrung, Wasser, Gesundheit und Schlaf vorausgesetzt.
Ich hatte nicht damit gerechnet, aber der Schlaf war das größte Problem. Proviant fand ich, in verlassenen Dörfern immer wieder, ebenso Wasser, dass ich abkochen konnte und, weil ich mich viel bewegte und auf meine Ernährung achtete, blieben mir auch die Krankheiten fern. Aber der Schlaf der wollte nicht kommen, wie meine Erschöpfung ihn verlangte.
Mal lag ich wach, von Erinnerungen gepeinigt, mal schreckte mich ein Geräusch aus der Dunkelheit hoch, mal war es schlichte Angst, ohne jeden Anlass, eine Panik und Verzweiflung, wie man sie in Alpträumen durchlebt, nur das ich wach war. Wach und einsam.
Das lernte ich auch, in diesen Wochen: die Einsamkeit hatte ich bislang immer missverstanden. Die Einsamkeit die mir keine Beschwerden machte, war die Distanz zu Menschen. Die war eher wohltuend und in meinem alten Leben, war sie ohne Anstrengung zu tragen gewesen. Daneben jedoch, gab es eine existentielle Einsamkeit, ein Gefühl von Bedrohung, weil es keine Gemeinschaft gab in deren Schutz man sich zur Ruhe begeben konnte.
Ich schämte mich für dieses Gefühl. Ich schämte mich, weil es mir bewusst machte, wie bedürftig die Menschen zueinander flohen. Sie brachten einander nicht Licht, sondern wurden zusammengedrängt von der Dunkelheit in ihrem Rücken. Das lernte ich später anders sehen. Aber in diesen ersten Wochen, fühlte ich so und verzieh mir dies nicht, weil mir die Demut dazu fehlte.
Die ersten 30 Tage schaffte ich es, fast durchgängig, mich durch Wälder fortzubewegen. Die Ortschilder verrieten mir, dass ich die 600 Kilometer tatsächlich geschafft hatte, ich war im Süden von Norddeutschland angekommen.
Wo der Krieg jetzt am schlimmsten tobte wusste ich nicht. Es gab keinen Strom, keine Nachrichten, keine Informationen mehr. Die Zivilgesellschaft war zusammengebrochen und es war viel schneller gegangen, als je einer von uns vermutet hätte. Vielleicht auch deshalb, weil die Menschen ohne Annehmlichkeit gar nicht mehr zu leben wussten. Sie wussten nicht mehr, wie sie Lebensmittel in der Natur fanden, wie die zu konservieren war, wie sie sich gegen die Kälte schützen und in der Natur orientieren konnten. So, wie ein Beatmeter ohne Maschine nicht mehr leben kann, so waren die modernen Menschen, ohne ihre Maschinen nicht mehr lebensfähig, das zeigte sich jetzt.
Ich machte einen Tag Pause. Ich wusste, dass dies keine gute Idee war, weil der Herbst schon durch das Land fegte und der Winter von Norden schneller kommen würde, aber es gibt diese Stunden, da fragt man sich nach dem Warum. Dann muss man sitzen und lauschen, weil es sonst nicht weiter geht. Weil es, ohne Sinn, nicht weitergeht …

01/20 PGF

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