Der Ausbruch (3)

Der Oktober brachte Farbe in die Welt und leuchtete in den Bäumen. Mir war es nicht aufgefallen, aber jetzt bemerkte ich, wie still die Welt geworden war. Es war nicht nur die große Zahl Toter, die der Virus mit sich gebracht hatte, es war auch das Verstummen der Technik und der Motoren, die sie stiller machte. Ohne Strom funktionierten auch die Tankstellen nicht mehr und ohne diese kam der Verkehr mit Privatwagen zum Erliegen.
Während ich, durch die Region an der Grenze zu Dänemark wanderte, fand ich zunehmend keine zusammenhängenden Wälder mehr. Ich war gezwungen auf Straßen auszuwichen. Dabei bemerkte ich, dass sie ausgestorben waren. Ich bin der letzte Mensch auf der Welt, dachte ich, obwohl ich wusste, dass es nicht so war.
Aber vielleicht fühlte ich es auch tiefer, weil ich in diesen Tagen normalerweise meinen Geburtstag gefeiert hätte und statt in einem Kreis von Freunden oder der Familie, die mir Geschenke überreichten, allein in einem verlassenen Ferienhaus saß und meine Freude darin bestand, dass ich es schaffte, ein Feuer im Kamin anzuzünden.
Ich saß da, allein und von der Welt vergessen, niemand der mir gratulierte und niemand der mir zeigte, dass es wichtig war, dass es mich gab.
Früher hätte mich das mürrisch und traurig gemacht. Aber in diesen Tagen, den Tagen in denen die alte Menschheit ausstarb, war diese Sicht unpassend. Dass ich lebte, musste genügen. Es war ein Wunder, dass ich es noch tat. Es war dieser Tag, wenn ich es wirklich gründlich durchdachte sogar meine Chance, die Welt ein 2. Mal zu betreten. Ja, vielleicht musste ich es so sehen: mein altes Leben war gestorben und würde nicht zurückkommen, aber die Chance zu einem neuen Leben war mir geschenkt. Natürlich war ich belastet, natürlich betrat ich die Welt nicht frei von Erinnerungen. Wenn es die, bei der Geburt, aus früheren Leben gab, waren sie bei Weitem nicht so leicht abzurufen, wie die, die ich hatte. Aber, wie die Erinnerungen an ein altes Leben, waren diese Erinnerungen nicht relevant. Solange ich sie nicht mitschleppte, sondern mich frei davon machte und neu zu werden versuchte.
Genau dies nahm ich mir vor: Ich wollte frei von Erinnerung, frei von meiner Vergangenheit werden. Zukunft? Gab es nicht. Aber die Chance alte Gewohnheiten loszuwerden. Besser auf mich zu achten. Diesem inneren Kind, wenn man so wollte, einen besseren Schutz anzubieten, als es meine Eltern getan hatten.
Überrascht stellte ich fest, dass ich dafür gar nicht viel tun musste. Von Völlerei war ich nicht bedroht, alles was ablenkte war aus der Welt verschwunden, Bewegung hatte ich genug, Genussmittel waren aus. Ich musste nicht mehr tun, als auf die Klarheit meines Denkens achten und für meinen Körper vorsorgen. Ich musste mich annehmen, wie ich war. Mir verzeihen, wie ich war.
An diesem Abend, machte ich mir ein Feuer und briet ein Kaninchen, welches ich mit einer Falle gefangen hatte. Dazu aß ich rote Beete, die ich in einem Schrebergarten aus der Erde buddelte. Ich entschied mich, bis Ende des Monats die Außenbezirke von Kopenhagen zu erreichen. Dort, irgendwo in der Region, würde ich mir ein Unterkommen suchen und den Winter bleiben. Am Ziel war ich noch nicht. Das lag weit höher im Norden. Aber, auf mich achten, bedeutete auch: meine Grenzen akzeptieren. Das würde ich.

01/20

14 Kommentare

      1. war auch nicht als kritik gemeint, sondern eher ein mich-selbst-fragendes staunen… nein, ich denke auch, seine vergangenheit ist hier in dieser situation tatsächlich irrelevant. obwohl man sicher dinge aus dieser perspektive heraus ganz anders sieht, als wenn man gerade drin steckt. aber hier scheint die sicht darauf so zu sein, dass eben alles hinter sich gelassen wird. und gelassen werden kann! klasse, dieses szenario. wobei der anlass natürlich furchtbar ist… zumindest vordergründig betrachtet. hach, also auf jeden fall verführt deine geschichte sehr zum nachdenken! danke.

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      2. Liebe D, das ist ja ein durchaus berechtigter Punkt, den ich gar nicht auf dem Radar hatte. Tatsächlich glaube ich, dass wir wesentlich schneller in eine neue Situation finden, als wir uns das zuvor zugetraut hätten (eine grundlegende Lebenskompetenz vorausgesetzt).

        Und: Ich danke 🙂

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  1. Als Mensch allein unterwegs zu sein, das halte ich immer für sehr gefährlich … ich bin gespannt … und hier noch eine kleine Warnung an den tapferen Fußgängerhelden: in Nordland ist es saukalt … und: keine Kaninchen mehr und auch keine rote Beete …
    LG vom Lu

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