Der Ausbruch (4)

4.

Ich war vermutlich schon auf dänischem Staatsgebiet, wobei das keine Bedeutung mehr hatte. Die Erde entledigte sich der Grenzen, die Menschen in sie geritzt hatten und entschied mit Bergen und Flüssen wieder selbst, welche Gebiete sie verband und welche sie von einander abgrenzte.
Noch immer hatte ich keinen Menschen getroffen. Die Bilder von Plünderungen und Raketenbeschuss, die ich sechs oder sieben Wochen zuvor, in den letzten Fernsehbildern gesehen hatte, waren meine letzten Eindrücke, wie es um die Menschheit stand. Ein Gedanke erschreckte mich dabei besonders: Mir fehlte die Menschheit nicht. Es war ein unbequemer Gedanke, dem etwas in mir eindringlich widersprechen wollte, aber: die Welt war sicherer, ohne Menschen. Keine Kriminalität, keine Kriege, keine Unterdrückung, keine Industrialisierung des Lebens. Nichts! Nur die Natur in großen, beeindruckenden Zyklen, den Tageszeiten, den Jahreszeiten, als Spiel zwischen den Gestirnen und die Tiere, aber die meisten waren scheu und die anderen, ließen sich mit Feuer oder der Pistole, die ich gefunden hatte, vertreiben. Aber außer einigen verwilderten Hunden und einem einsamen Wolf, hatte ich keine Tiere gesehen, die ich hätte fürchten müssen. Bis ich am Ziel war, hatte ich zwei Gefahren: Hunger und Krankheit. Beide hatte ich bislang im Griff.
Das Wetter setzte mir noch immer nicht zu, obwohl bald November sein musste. Den Kalender im Blick zu behalten, fiel mir langsam schwer. Ich hatte seit dem Tag, da ich meine Wohnung hinter mir gelassen hatte, jeden Tag mitgezählt. Aber jetzt waren es langsam zu viele Sonnenauf- und untergänge und ich wurde unsicher, ob ich mich nicht, um einen oder zwei Tage verzählt hatte. Mein Gedächtnis wurde unkonkret, als würde sich mein Bewusstsein wegbewegen vom Informationen aufnehmen und speichern hin zu: die Umwelt erfahren und antizipieren. Starre Fakten verloren an Wichtigkeit: aufstehen, Schlafengehen, eine Arbeit verrichten, soziale und berufliche Kontakte nach eingeübten Mustern pflegen, lachen, wie erwartet, reden, wie konform, denken, wie erwünscht, das war nicht mehr nötig und bot Raum ins Weite zu gehen. Ich stand auf, wenn ich wach wurde und wenn ich wach war kümmerte ich mich, um Wasser und Nahrung. Wenn ich dafür gesorgt hatte, kümmerte ich mich, um Orientierung und Weggewinn und bis zum Abend roch und schmeckte ich die Welt, fühlte den Wind und suchte nach Zeichen der Natur die mir verrieten auf was ich achten sollte.
Hesse hatte mal etwas geschrieben wie „die Zivilisation war nur ein dünner Überzug, über der Urnatur“, ich meine im „Steppenwolf“ und jetzt wusste ich, dass er damit recht hatte. Über die Plastizität des Gehirns hatte ich, während einer Forschungsarbeit, einiges gelesen und das Lernen lebenslang möglich war, daran hatte ich nie gezweifelt, aber jetzt erhielt es eine Dimension, mit der ich nicht gerechnet hatte: auch meine Person, meine grundlegende geistige Struktur als Mensch war fragil und löste sich auf, im gleichen Moment, da die Umwelt mir nicht mehr bot, was meine Denkgewohntheiten stimuliert hatte.
Es war, als würden sich, auch in meinem Kopf, die Grenzen auflösen, die mein Ich festgelegt hatte, um sich sicher zu fühlen, um sich zu fühlen. Die erste Reaktion darauf war Angst, aber dann – dann folgte ein unglaubliches Gefühl von Freiheit …

01/20 PGF

7 Kommentare

  1. Großartig. Zuerst war ich schon vom ersten Satz sehr angetan.
    Aber der Verlauf wird äußerst interessant. Mir gefällt die Idee, dass wir in so einer Situation augenblicklich – nun gut, im Verlauf von einigen Tagen / Wochen (?) – die Rolle ablegen können samt den Denkmustern dazu, die uns in gewissen Schienen hält. Ich bin sicher, das geht auch innerhalb der vorherrschenden Zivilisation, ist nur schwieriger und langwieriger.
    Ich bin gespannt was sein Ziel ist!

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