Der Ausbruch (5)

5.

Die Tage wurden sehr schnell kürzer. Die Sonne schien sich kaum die Mühe machen zu wollen, am Horizont hochzusteigen und fiel, kaum das Nachmittag war, wieder über die Klippe hinab, ans Ende der Welt, wo sie sich bis zum nächsten Tag verbarg.
Das ging mir ans Gemüt. Das Schwinden des Lichts war wie ein Schwinden meiner Lebenskraft. Ich stand am Morgen schwerer auf, weil es nicht nur kalt und feucht war, sondern auch Dunkel. Als wäre ich bereit, meinem Niedergang entgegen zu gehen, richtete ich auch unentwegt meine Bahn von der Sonne weg, die ich hinter mir im Süden auf und unter gehen ließ, während ich mich, immer weiter nach Norden bewegte.
Ich kam trotzdem in diesen Tagen gut voran. Ich erreichte Schilder, die mir „Abzweigung Kopenhagen“ anboten, aber, wie bisher, lag in der Stadt nicht mein Ziel.
Aber ich würde bald eines finden müssen, denn langsam forderte mein Körper doch Tribut für den langen Weg den ich zurückgelegt hatte. Das fing mit den Schwielen an meinen Füßen an und ging mit nächtlichen Schmerzen in Knien und Hüfte weiter. Auch meine Schultern waren vom ständigen Tragen des schweren Rucksacks verspannt. Und dazu kam diese seelische Leere.
Am Himmel trieben dichte, dunkle Wolken und alle Farbe war aus der Welt verschwunden. Was mir Tage zuvor noch als Entgrenzung meines Geistes erschienen war, wurde mir jetzt zur Qual, denn nun spiegelt sich die Leere der Welt in meinem Geist, dem zum Ausgleich kein Genuss und keine Spielerei angeboten wurde. Ich dachte an Camus und das Absurde: „Die Welt verneint uns“.
Den Kopf gesenkt, mich gegen den Wind stemmend, versuchte ich nicht aufzugeben. In einem Laden hatte ich meine bisherige Kleidung gegen dickere Winterkleidung getauscht und mir, für meinen Rucksack einen Regenschutz besorgt.
Plötzlich hatte ich Sehnsucht nach Musik. Laufen und dabei Musik hören, das schien mir, wie die Lösung all meiner Probleme. Aber ohne Strom keine Musik und Batterien oder Akkus mitschleppen, wenn ich den Platz für Lebensmittel benötigte, war unvernünftig.
Ich trug diese Tage, wie eine Grippe, bei der man sich nur ungern vom Sofa zu einer Tasse Tee oder einer dünnen Suppe bewegt und wieder zurück.
Vermutlich Anfang November erreichte ich den kleinen Ort Uvelse, nordwestlich von Kopenhagen. Vor dem Ausbruch sicher ein beschaulicher Ort mit Freizeitzentrum, einer Kirche, Geschäften, einer Tankstelle. Jetzt von Gott und der Menschheit verlassen. Ich wanderte vorsichtig durch den Ortskern und fand dort eine Karte, auf der die Stadt abgebildet war. Im Osten, schon ein gutes Stück außerhalb des Dorfes befand sich ein großes Gehöft.
Mir waren solche überschaubaren Gebäude lieber, als die Häuser in der Stadt, die es notwendig machten, eine Straße zu überblicken oder auf eine ganze Gruppe von Häusern zu achten. Am Tag mochte das noch gehen, aber in der Nacht, sorgte es mir für zu große Unsicherheit.
Von der Ortstafel aus hielt ich mich auf einer Straße ostwärts, die zwischen verlassenen Feldern zum Ziel führte.
Als ich den Hof erreichte dämmerte es bereits. Das gefiel mir nicht. Das lang gestreckte Gebäude lag direkt an der Straße und führte durch ein Tor, in einen Innenhof, in dem sich weitere Häuser befanden. Es war eine unübersichtliche Ansammlung von Räumen, die ich nicht mehr alle würde untersuchen können.
Aber mir schien, als sei der Hof verlassen.

01/20 PGF

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