Der Ausbruch (6)

6.

Ich fand schließlich einen Raum im Innenbereich des Gehöfts, der zwischen den verlassenen Stallungen und der Viehtränke lag. Sicher war ich nicht, aber es mochte sich, um eine kleine Ferienwohnung handeln, die früher wechselweise vermietet worden war. Aus Gewohnheit drückte ich den Lichtschalter, aber nichts passierte. Zwar hing die Lampe noch an der Decke, aber der Strom der sie zum Leuchten gebracht hatte, war weg. Ob der Menschheit jemals gelingen würde, die moderne Infrastruktur zurückzugewinnen oder würde ein dunkles Zeitalter folgen, wie es auf den Niedergang der Römer geschehen war?
Solange noch etwas Tageslicht da war, packte ich meinen Schlafsack und die Isomatte aus. Ich wollte auf ein Feuer verzichten und so würde mir nur die Flamme beim Gasbrenner bleiben, mit der ich mir später, eine der Suppenkonserven wärmen würde, die ich zum Abend essen wollte.
Meine Schlafplatz richtete ich in der Ecke des Raums ein, die am weitesten entfernt von der Tür war. Ich schlief so besser, hatte ich herausgefunden, wenn in meinem Rücken keine Tür und kein Fenster war und ich so einschlief, dass niemand von hinten auf mich zukommen konnte. Dass hatte ich so sehr verinnerlicht, dass ich nicht mal im Schlaf die Position wechselte und so liegen blieb, dass Türen und Fenster mir gegenüberlagen.
Nach dem Essen, las ich noch eine Seite, im Licht des Brenners. Drei Bücher hatte ich mir mitgenommen. Drei Bücher für die einsame Insel oder die einsame Wanderung. Den „Zarathustra“, den „Steppenwolf“ und eine Aphorismen-Sammlung von Goethe. Das war eigentlich zu wenig, ich hatte drei Bücher, für die einsame Insel, schon immer, für eine zu geringe Zahl gehalten. 10 Bücher oder ein Dutzend, wären mir realistischer erschienen, um die wirklich wichtigen Bände mitnehmen zu können. Aber als das Chaos ausbrach, hatte ich nicht viel Zeit, um das mit dem Schicksal zu diskutieren.
Nachdem der alte Geheimrat mir etwas Lebensweisheit eingeflößt hatte, legte ich mich in meinen Schlafsack. Die Pistole in der Hand, aber nicht entsichert, damit ich mir nachts nichts selbst ins Bein schoss.
Ich schlief nicht gleich ein. Draußen stürmte es heftig und nach einer Weile setzte Regen ein, der unzufrieden gegen die Scheiben prallte, als würde er danach verlangen zu mir zu können. Es war ein unruhiges, zorniges Geräusch, als hätte die Natur mich entdeckt und versuche mich aufzuspüren, wie den Rest meiner Art, der ihr Jahrtausende an Qual zugefügt hatte.
In der Nähe hörte ich nichts. Einmal sprang durch den Sturm die Tür auf, aber niemand kam. Es waren keine Schritte zu hören. Ich stand auf. Schloss die Tür und stellte die leere Konservendose davor, damit sie mich weckte, wenn die Tür erneut aufging.
Irgendwann schlief ich ein.
Ich träumte nichts.
Als ich wach wurde, dämmerte der Tag. Ausgeschlafen war ich noch nicht. Es waren eher Gedanken, Sorgen, Erinnerungen an meine Ex-Frau mit der ich über längst vergangene Nichtigkeiten stritt. Um mich davon zu erlösen schlug ich die Augen auf und blickte in das Gesicht einer jungen Frau. Sie richtete ein Gewehr auf mich.
„Gut, dass Sie endlich wach werden. Die Idee mit der Dose, war nicht sehr einfallsreich. Wir sollten los.“
Ich starrte sie ungläubig an. Sie war sehr jung, fast noch ein Mädchen. Ihre Züge waren sehr zart, sodass sie beinah durchsichtig wirkte, eher, wie eine Erscheinung, statt wie ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ihr feines, blondes Haar fiel auf schmale Schultern, die in einer dünnen Jacke steckten. Sie sah nicht ängstlich aus, vielleicht, weil sie die Waffe hatte.
Ich dachte in die Pistole in meiner Hand.
„Denken Sie nicht daran. Sie haben tief geschlafen. Ihre Pistole“, sie deutete mit dem Kopf eine Bewegung nach hinten an, „ist bei mir.“
Ich schluckte den stinkenden Speichel der Nacht hinunter und setzte mich auf.
„Wer sind Sie?“ Fragte ich.
Etwas Besseres fiel mir nicht ein.

02/20 PGF

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