Der Ausbruch (7)

7.

„Aslaug. Ich heißt Aslaug.“
Ich überlegte, ob ich den Namen je gehört hatte.
„Okay Aslaug, ich will nicht, dass du mitkommst. Ich habe schon genug damit zu tun, auf mich aufzupassen, ich brauche niemand, für den ich auch noch Nahrung und Wasser und alles andere suchen muss. Außerdem warum müssen wir weg?“
Sie sah mich aus tiefblauen Augen mahnend an.
„Weil wir sonst sterben werden. Die Seuche breitet sich unaufhaltsam aus. Sie verschont keinen Sesshaften. Außerdem passt du nicht gut auf dich auf. Ich habe deine Pistole. Ich hätte dich töten können. Es ist gut, wenn einer Nachtwache hält.“
Ich hätte am liebsten gesagt: „Aber ich will einfach nicht!“ Doch ich spürte, dass das kindisch klang. Auf der anderen Seite dachte ich an diese Befreiung meines Geistes zurück, weil ich mit niemand mehr gesprochen und mich, in keine Persönlichkeit mehr gezwungen hatte. Wenn ich sie mitnahm, würde ich wieder reden und reden bedeutete, sich in etwas hineinreden.
Ich versuchte sie abzuschrecken.
„Hör zu! Die Nacht habe ich vielleicht etwas tiefer geschlafen, aber ich bin schon einige Wochen unterwegs und ein großes Stück gewandert. Ich wüsste nicht, was es mir bringen sollte dich mitzunehmen. In dieser Welt kämpft jeder für sich. Du kannst mich erschießen, wenn du willst. Vielleicht hast du recht und ich passe nicht gut auf mich auf.“
Sie lächelte und sah ins Weite, als hätte sie eine Vision.
„Sei nicht dumm. Ich habe dich nicht gefunden, um dich zu töten, sondern um dich zu begleiten. Und du kannst mich sehr gut gebrauchen, denn ich habe etwas, was du nicht hast“, sie sah mich durchdringend an, „Informationen, was mittlerweile alles geschehen ist. Ich habe Nachrichten, was aus der Welt geworden ist.“
Ein Bluff, dachte ich. Es gab keine „Nachrichten“ mehr. Wie im Mittelalter wusste man vielleicht, was im nächsten Dorf geschah und Monate später erfuhr mir, was in einem anderen Land geschehen war und nach einer Generation, was auf der Welt geschah, aber woher sollte sie etwas wissen, dass für mich bedeutsam sein konnte.
„Dann erklär mir doch mal, weshalb die Seuche die Sesshaften tötet. Damit kannst du anfangen.“
„Nimmst du mich dann mit?“
Ich schüttelte den Kopf. Ihre Hartnäckigkeit amüsierte mich.
„Vielleicht ein Stück.“
Sie musterte mich. Dann nickte sie knapp.
„Du weißt, dass früher die Menschen glaubten, jemand sei verhext, wenn er krank wurde?“
„Ja, weil die Erklärungen gefehlt haben.“
„Mit den Erklärungen meinst du, weil das Wissen über Viren und Bakterien und Pilze gefehlt hat.“
„Das meinte ich.“
„Aber was wurde mit diesem Wissen geklärt? Wurde damit mehr geklärt, als wenn man sagt: Wolken bestehen aus Wasserdampf. Ist damit die Seele einer Wolke erklärt.“
Das klang mir nun sehr esoterisch.
„Das vielleicht nicht, aber der physikalische, chemische Vorgang.“
„Denkst du wirklich die Welt ist so einfach?“
Ich war versucht, aus Trotz: Ja, zu sagen, aber so hatte ich es nie gesehen.
„Nein, ich denke schon, dass es komplexer ist.“
Sie sah mich zufrieden an.
„Es ist gut, dass du ehrlich bist. Das kann dich retten.“
Sie machte eine Pause.
„Verhext war falsch. Es ist ein Virus war falsch. Weil „verhext“, die tatsächliche Macht falsch deutet und Virus ein „Bewusstsein“ ausschließt, so wie der Mensch selbst den Tieren ein Bewusstsein abspricht. Aber die Viren und Bakterien sind nicht ohne Bewusstsein, sie steuern die Welt.“
Ich stand auf.
„Also für diesen Blödsinn nehme ich dich nicht mit.“
„Bist du aus einer Zelle entstanden?“
„Ja, was soll das?“
„Bist du aus einer Zelle entstanden? Und hat diese Zelle alles Wissen beinhaltet, dass nötig war, damit ein komplexer Organismus, wie du ihn besitzt, hier vor mir stehen kann?“
Ich winkte ab.
„Ja, schon, aber das ist ein anderer Zelltyp.“
„Kann eine Zelle „wissen“ wie ein Organismus entsteht?“
„Ja und, jetzt willst du mir sagen. Die Seuche ist kein blind sich verbreitender Krankheitsherd, sondern ein gezielter Angriff einer Intelligenz?“
Aslaug stand ebenfalls auf.
„Sie sind da, länger als wir da sind. Sie wandern zwischen uns! Sie verändern uns! Sie töten uns, wenn wir alt und schwach und krank sind. Sie sind der Anfang des Lebens auf der Erde. Sie haben beschlossen, die Erde von uns zu reinigen.“
Ich sah sie fassungslos an, wie eine verrückt gewordene Untergangsprophetin.
„Das ist Blödsinn!“
Sie hielt meinem Blick stand.
„Das würdest du nicht sagen, wenn du alles wüsstest, was ich weiß …“

02/20 PGF

8 Kommentare

  1. Bestechender Gedanke: Sie haben beschlossen die Erde von uns zu reinigen.
    Wir hatten dieser Tage auch mal das Gespräch über Viren, dass sie im eigentlichen Sinne gar kein Leben sind. Und doch… Machen sie etwas mit uns und verändern die ganze Welt. Ob vorübergehend oder nachhaltiger, wird sich zeigen.

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