Der Ausbruch (8)

8.

„Dann erzähl es mir.“
„Nimm mich mit, dann erzähle ich dir alles.“
Ich schüttelte den Kopf. Es gefiel mir beides nicht: eine verrückte Spinnerin mitzunehmen, ein seltsames Zauberwesen zurückzulassen. Eines von beidem schien Aslaug zu sein.
Ich winkte ab.
„Dann komm! Aber diskutiere nicht mit mir über die Richtung und, wenn ich sage: bis hierhin und nicht weiter, lässt du mich in Ruhe und ich kann wieder allein wandern.“
Sie nickte, wie ein artiges Mädchen, dass um seine Macht weiß und aus Gefälligkeit sich unterlegen gibt.
„Hast du nichts bei dir?“
Während sie mich ansah, kramte sie aus ihren Jackentaschen zwei Müsliriegel, ein Päckchen Tempo und eine Halbliter Sprudelflasche, die sie nachzufüllen schien.
„Mehr nicht?“
Sie schüttelte den Kopf und ihr blondes Haar viel weich von Seite zu Seite.
„Keinen Schlafsack? Keine Decke?“
„Ich habe keinen Rucksack. Ich schlief in den Häusern, die ich fand.“
„Kommst du denn von hier?“
„Nein von weiter nördlich.“
„Von wo dort?“
„Nur nördlich, mehr musst du nicht wissen.“
„Aber da läufst du in die entgegen gesetzte Richtung.“
„Wieso?“
„Weil ich nach Norden gehe und du nach Süden läufst.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, gar nicht.“
„Doch natürlich. Ich wandere nach Norden und du nach Süden.“
Sie sah mich mit einem wundervollen Strahlen an.
„Du verstehst gar nichts. Wir sind uns entgegen gewandert und jetzt ziehen wir gemeinsam weiter. Komm!“
Sie lief zur Tür. Ich versuchte sie aufzuhalten, aber sie ließ mich nicht. Fast eine halbe Stunde versuchte ich noch zu erfahren, wie sie das meinte. Aber sie wiederholte immer nur: „Das kann man mit Worten nicht erklären.“
Wir liefen bis zum Mittag und Aslaug überließ mir die Führung. Als vertraue sie fest, dass ich wüsste wohin wir mussten.
Nach einer Pause, in der wir etwas aßen, setzten wir unseren Weg fort. Nach einer Weile, fing sie von sich aus an, zu erzählen.
„Du weißt, dass die Menschheit sterben wird?“
Ich sah sie erschrocken an.
„Nein, das weiß ich nicht. Es gibt ja einige von uns.“
Sie lief neben mir, wie eine Erinnerung die erwacht, wenn man nach länger Zeit einen Ort wieder betritt.
„Das Sterben geht schnell.“ Erwiderte sie sachlich. „Wenn ein Mensch stirbt, sterben in kurzer Zeit Milliarden von Zellen. Wenn eine Art stirbt, können ebenfalls in kurzer Zeit Milliarden von Individuen sterben.“
„Wenn sie nicht wandern?“
„Wenn sie nicht wandern und, wenn sie sich nicht fern halten von den Städten, in welchen sich die Toten stapeln, fern vom Krieg und den Plünderungen. Zu Anfang haben sich einige Reiche zu retten versucht. Sie flohen auf die Inseln in der Karibik, in der sie ihr Geld geparkt hatten. Aber die Viren flogen mit ihnen. Die Viren waren – die Viren sind überall. Sie sind nur nicht dort, wo die Sehnsucht ist.“
Wieder so eine schräge Bemerkung.
„Die Sehnsucht?“
„Ja, die Sehnsucht ist eine große Kraft. Sie ist auch ein Leiden, sie kann ein tiefer Schmerz sein. Aber sie macht die Menschen auch schön. Wenn Menschen Sehnsucht fühlen, sind sie auf dem Weg oder sie machen sich auf den Weg. Jeder Zelle wird von diesem Gefühl ergriffen, denn jede Zelle, aus der du bestehst, hat ein eigenes Bewusstsein. Du, dass was du denkst zu sein, dass ist der Zusammenfluss dieses Bewusstseins.“
„Du meinst ich bestehe aus Sehnsucht.“
Sie nickte und sah zum Himmel, über den weite Felder dichter, grauer Wolken zogen, als wüssten sie um ein Ziel.
„Ja, deshalb betreten die Viren nicht deine Zellen. Sie fühlen die Sehnsucht und ziehen vorüber.“
„Das klingt ziemlich verrückt.“
„Ja, das tut es. Aber wenn du noch Gelegenheit dazu hättest, hättest du einen Genetiker fragen können, was er darüber denkt. Denn die Genetiker kamen dem auf die Spur: dem Schlüssel der alles verbindet.“
„Du meinst die DNA?“
„Ich sage lieber Schlüssel. Es war ihr Schlüssel in die Vergangenheit, aber auch ihr Schlüssel in die Gegenwart: Verwandtschaften, Entwicklungen, Abzweigungen, Krankheiten, Vollendung, ewiges Leben, Reproduktion, Evolution, Entartung, wer den Schlüssel besaß, konnte jeden Raum dieses Bewusstseins öffnen.“
„Und das wollten die Viren verhindern?“
Sie blieb stehen. Ihr Haar flattert unruhig im Wind, es sah aus, als zittere sie, in ihrer viel zu dünnen Jacke.
„Im Gegenteil! Sie erkannten, dass ihr eure Möglichkeiten vollendet habt. Der Mensch ist am Ziel seiner Entwicklung angelangt: Er besitzt vollkommenes Bewusstsein über sich.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Aber wir sind doch nicht alle Genetiker.“
Aslaug schloss die Augen, als würde sie gerade etwas ganz Besonderes wahrnehmen.
„Wenn der Erste im Ziel ist, ist das Rennen beendet. Jetzt ist eine Kataklyse nötig, damit es weiter gehen kann. Der Baum wird zurückgeschnitten, auf die nötigsten Äste.“
„Ich weiß nicht“, sagte ich und stellte mich etwas näher zu ihr, um sie vor dem Wind zu schützen. „Das klingt alles sehr abgefahren, was du erzählst.“
„Ja, wenn am Abend in Bars, Menschen beim Bier, auf Fernseher starren und Sport ansehen, der ihnen über Satelliten zugespielt wird, dann klingt das sehr abgefahren. Aber, wenn in einer Vollmondnacht, in einem Dschungel, eine Schwangere ihr Baby zur Welt bringt und aus einem Leib, ein neuer Leib die Welt betritt, mit einer dünnen, fleischigen Schnur an seine Wirtin gebunden, dann klingt das Sonderbare gar nicht mehr sonderbar, sondern sehr real.“
Aslaug sah mich an und ihr Gesicht wirkte urplötzlich sehr alt, sehr, sehr alt, nicht weil Falten und Flecken die Spuren der Zeit verrieten, sondern weil in ihren Augen sich das Werden und Vergehen von Sternen zu spiegeln schien.
„Du wirst noch verstehen.“ Sie lehnte sich an mich und ich konnte nicht anders als ihren zarten Körper in meine Arme nehmen. „Du wirst noch verstehen und die Grenzen in deinem Kopf auflösen, wie es dir, vor nicht allzu langer Zeit, gelungen ist.“

02/20 PGF

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