Der Ausbruch (9)

9.

Ich gewöhnte mich, an Aslaug an meiner Seite. Nur manchmal zweifelte ich, ob es sie wirklich gab. Vielleicht hatte mich die Einsamkeit verrückt gemacht und ich sprach mit mir selbst, wenn ich mit ihr sprach. Der Gedanke verunsicherte mich. So stark, dass ich darüber nachdachte sie zu verletzen, um zu testen, ob sie wirklich war. Nichts Großes, ein Stich mit einer Nadel oder etwas in der Art. Nur damit etwas Blut floss. Wenn Blut floss konnte sie keine Illusion sein.
Ich tat es nicht.
Wenn sie eine Illusion war, mochte es so sein. Sie war zu kostbar, um sie zu verletzen, dies fühlte ich deutlich. Es war, als folge ich einem Stern, wenn sie neben mir lief. Ein Leuchten ging von ihr aus, wie vielleicht nur ich es wahrnahm, aber mich nahm sein Zauber in Bann.
Etwa drei Tage, nachdem sie mich morgens entdeckt hatte, erreichten wir die Küste.
Das Meer war stürmisch und über den Himmel zogen tiefhängende Wolken, als würde die Welt neu erschaffen.
Ich tat mir schwer, mich, ohne die Sonne, zu orientieren. Aslaug half mir den Weg entlang der Küste, nach Norden zu finden.
Sie ging vor mir her, vom Regen völlig durchnässt, die hellen Haare klebten ihr am Kopf und ich folgte unzufrieden, unsicher, widerwillig. Halb aus Mitgefühl, dass sie so schlecht ausgerüstet war – aber sie ließ sich auch nicht helfen – zur anderen Hälfte, weil ich zweifelte, ob sie wirklich den richtigen Weg ging.
Sie wurde langsamer, sodass ich neben ihr laufen konnte. Ich ging näher zum Meer hin und meine Stiefel sanken bei jedem Schritt tief in den knirschenden Sand, während Aslaug über den Strand zu schweben schien.
„Du traust mir nicht.“ Sagte sie plötzlich.
Ich fühlte mich ertappt.
„Unsinn. Ich finde es nur nicht gut, dass du in diesen dünnen Kleidern läufst. Wir kamen an genügend Häusern vorbei, in denen du bessere Kleidung hättest finden können.“
Sie strich sich die klatschnassen Haare von der Stirn.
„Das ist nett von dir, dass du verhindern willst, dass ich mich schlecht fühle. Keine Sorge, dass tue ich nicht. Denn du musst mir nicht misstrauen. Ich frage mich nur, was dich so enttäuscht hat.“
„Nichts!“ Behauptete ich. „Nichts im Besonderen. Wenn man älter wird, macht man Erfahrungen, mit den Menschen. Nicht alle sind schön. Aber das geht jedem mit den anderen so. Man muss sich bewusst machen, dass man Opfer des einen und Täter für den anderen ist.“
Das Meer brauste auf und die Wellen schlugen heftiger in die Brandung.
„Das stimmt. Das stimmt solange man niemand nah an sein Herz lässt. Aber du hast jemand nah an dein Herz gelassen.“
Ich schwieg. Ich ahnte, wen sie meinte, wollte aber darüber nicht reden.
„Warst du verheiratet?“
Ich wollte darüber nicht reden.
„Hat sie dich enttäuscht?“
„So kann man das nicht sagen“, wich ich aus.
„Und, wie könnte man es sagen?“
Ich schnaufte.
„Man könnte sagen, ich habe irgendwann verstanden, dass wir alle einsam sind. Ich habe verstanden, dass wir dieses schwere Gefühl dadurch leicht machen können, dass wir uns jemand so zuwenden, dass er weniger einsam ist, dass er ein Zuhause, dass er Geborgenheit findet.“
„Das hast du bei deiner Frau versucht?“
„Ja, aber sie hat es gar nicht begriffen. Sie wollte etwas anderes.“
„Was denn?“
„Das musst du sie fragen. Wenn ich es erkläre, klingt es sehr verbittert.“
Aslaug blieb stehen und zog mich am Arm, dass auch ich stehen blieb.
„Vielleicht hast du den Raum nicht verstanden.“
Mürrisch verzog ich das Gesicht.
„Darauf reden sich alle hinaus: Sie brauchen mehr Raum. Blabla. Jetzt, haben alle die noch leben, genug Raum. Vielleicht begreifen manche, wie schön Gemeinschaft wäre.“
„Jetzt klingt es bitter.“
„Ich habe dich ja gewarnt.“
„Das Land kann dem Meer auch kein Zuhause geben.“
„Ja, sind ja auch zwei Elemente. Da gibt es immer eine Distanz, etwas Unvereinbares.“
Sie fasste mich zart am Kinn und drehte meinen Kopf in Richtung der Brandung.
„Aber das, ist keine Distanz! Sondern Raum und den Raum müssen sie gemeinsam gestalten. Das unruhige Meer und die feste Küste. Wo spielen Kinder am liebsten? In genau dieser Brandung. In genau diesem Raum, an dem das Getrennte sich berührt.“
Ich war froh, dass in diesem Moment der Regen zunahm und der Wind ihn mir ins Gesicht trieb. Er überdeckte die Tränen, mit denen sich meine Augen füllten.
„Das ist ein schönes Bild, Aslaug. Aber ich bin keine Küste und ich bin auch kein Meer. Ich sterbe, ich sterbe in einem Zeitraum, der so kurz ist, dass die Elemente ihn vermutlich nicht fühlen können. Aber ich fühle den Schmerz und das ist gut.“
Sie strich mir zärtlich über die Wange.
„Dann fühle auch, dass es etwas Großes und Schönes ist, jemand eine Heimat bieten zu wollen und es gar nicht dein Versagen ist, wenn er sie nicht annimmt. Aber was du lernen kannst ist, dir eine Heimat zu suchen. Vielleicht bist du dahin auf dem Weg.“
Ich zuckte mit den Achseln.
„Wer weiß, Aslaug. Wer weiß schon, wohin er wandert?“

02/20 PGF

4 Kommentare

  1. Hm, dieser Teil hat mir fast zuviel Realitätsbezug, ungefähr so wie beim Film „Papa Ante Portas“. Wenn ich zu viel Übereinstimmung zu anstrengenden Gegebenheiten meiner Realität empfinde, ist der Effekt, mich unterhalten zu fühlen, schnell unterwandert.

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