Der Ausbruch (10)

10.

Wir wanderten einige Tage die Küste entlang. Es regnete unentwegt und, wenn wir einen Unterschlupf fanden, liefen wir lieber einen Tag kürzer, als in der Nacht, ohne Feuer und ohne Dach über dem Kopf durchkommen zu müssen.
Entlang der Küste gab es viele verlassene Blockhütten, die gut für die kalte Jahreszeit eingerichtet waren. Aber außer dem Regen geschah nichts. Der Winter blieb aus. Zwar wurden die Tage kürzer, aber richtig kalt wurde es nicht und an Schnee war gar nicht zu denken.
Wenn wir in der Morgendämmerung aufbrachen, sahen wir unterwegs viele Tiere. Füchse und Rehe, manchmal etwas, dass nach einem Wolf aussah und viele Haustiere, die auswilderten. Für mich, der ich lange in der Stadt gelebt hatte, war es, als hätten sich all diese Tiere vor uns versteckt, wie vor einem grausamen Monster und jetzt, da unser Ende kam, wagten sie sich aus ihren Verstecken und kehrten zurück in die Welt, die viel länger ihnen gehörte, als uns.
Aslaug sprach wenig und sie fragte wenig. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich ganz bewusst in Ruhe ließ. Wie eine Chirurgin, die mit einem präzisen Schnitt eine Wunde öffnete, ausbluten lässt, reinigt und dann versorgt, ließ sie mir Zeit, mit meinen Wunden zurecht zu kommen.
Was ich für sie fühlte konnte ich nie ganz bestimmen. Manchmal war sie wie eine Tochter, manchmal näher bei einer Mutter und nicht selten, eine Frau. Aber keine die ich je erreichen würde, viel zu stark und unabhängig.
Was sie über mich dachte konnte ich nicht einschätzen, weil sie immer liebevoll war. Sie war fröhlich, achtsam, wohlwollend. Sie lachte über meine Späße und verzieh mir meine Launen. Sie hielt meinen Argumenten klug stand und überzeugte mich indem sie ihre Worte, wie Schlüssel zu meinem Herzen verwendete.
Es waren etwa elf Tage vergangen und ich nahm an, dass wir bald in der Nähe von Schweden waren, als sie abends, kurz vor dem Einschlafen plötzlich sagte: „Morgen kommen wir bei Gunnar, dem Fährmann an.“
Ich setze mich auf.
Sie wartete, ob ich etwas fragte, aber mir fiel nichts ein, was meine Überraschung entsprochen hätte. Ein weiterer Mensch, erschien mir fast störend, als wäre die Welt mittlerweile zu klein, für drei Menschen.
„Er wird uns über das Meer helfen.“
„Du hast ihn nie erwähnt.“ Schaffte ich schließlich zu sagen.
Im Dunkeln konnte ich ihre Reaktion nicht einschätzen.
„Ich wusste nicht, ob wir überleben und du machst dir über alles Gedanken. Ich wollte nicht, dass du das machst, wenn es gar nicht bedeutsam ist.“
Das ist aber sehr, im Augenblick lebend, gedacht, lag mir auf der Zunge, aber ich verschwieg es.
„Kennst du ihn schon länger?“
„Gunnar? Nein, nicht lange. Aber wer weiß schon, wie lange er andere kennt. Wenn unsere Seelen wandern, vielleicht kennen wir uns dann schon sehr, sehr lang.“
„Aber, dass er uns nach Schweden bringen kann, weißt du sicher.“
„Ja, wie alle die jetzt noch leben hat er seine Bestimmung gefunden. Es gibt kein Leben mehr, außer dem zu dem man bestimmt ist.“
„Aber wandern muss er anscheinend nicht?“ Warf ich etwas spöttisch ein.
Ich spürte ihren Blick durch die Dunkelheit.
„Wer jeden Tag auf das Meer hinausfährt und dort durch die Wellen treibt, der muss nicht wandern, der vertraut sein Leben ganz den Elementen an.“
Ich legte mich wieder hin. Zog mein Kissen zurecht und kuschelte mich tiefer in den Schlafsack.
„Dann sollte ich vermutlich ausgeschlafen sein, für solch eine Überfahrt?“
Sie schnaufte leise.
„Das solltest du. Denn, wenn du das übergesetzt hast, kannst du nie mehr zurück.“

02/20 PGF

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