Der Ausbruch (11)

11.

Südlich von Helsingör verließen wir die Küste und bogen ins Landesinnere ab. Ich war froh, dass Aslaug meine Bedenken gegen die Städte teilte und für Momente schien es mir so, als wüsste sie gar nicht genau, was eine Stadt eigentlich ist, als habe sie nur davon gehört, als wäre sie erst nach dem Ausbruch auf die Erde gekommen, mit der Warnung: „Meide das, was früher Stadt hieß“.
Der Wind und der Regen, welche die letzten Tage geprägt hatten ließen nach. Ich war froh darum. Unter blauem Himmel ließ sich leichter laufen und wenn nicht der Regen und der Wind einem die Sinne reizten ließ sich leichter denken.
„Wie lange werden wir mit der Fähre unterwegs sein?“ Fragte ich Aslaug, während wir fast, wie bei einem Spaziergang, neben einander liefen.
„Das kommt auf das Wetter an. Der Öresund ist nicht leicht zu befahren. Wir halten uns sogar noch ein wenig nördlich und noch weiter auf dem offenen Meer.“
„Ist das Boot denn stabil?“
Aslaug lächelte, ihr süßes, geheimnisvolles Engelslächeln.
„Bislang ja. Gunnar ist ein guter Fährmann. Wenn es so sein soll, werden wir das Meer überqueren.“
„Und, wenn nicht.“
„Dann fressen uns die Fische.“
Am Nachmittag erreichten wir den nördlichen Küstenabschnitt, von dem Aslaug behauptet hatte, dass dort Gunnars Schiff vor Anker lag.
Der Wind nahm wieder deutlich zu, aber der Regen blieb aus. Wir erreichten einen Küstenstreifen, der mit festem Kies übersät war, in der Ferne kam eine kleine Hütte ins Blickfeld und ein Boot, dass nicht viel größer war, wie die Hütte, die einem einsamen Mann Platz bot, aber nicht einmal einem Paar.
Ich wollte nicht darüber nachdenken, wie wir mit dieser kleinen Nussschale, das Meer überqueren sollten. Schließlich beruhigte ich mich, dass die Wikinger mit ähnlichen Booten ganz andere Strecken bewältigt hatten.
Als wir der Hütte näherkamen, gab Aslaug plötzlich einen Laut von sich. Ein spitzer, stechender Laut, der mich an einen Möwenschrei erinnerte.
Sie blieb nicht stehen, wurde nur etwas langsamer und drängte sich etwas dichter an mich. Am Horizont versank glutrot die Sonne. Es war ein gewaltiges Schauspiel, wie man es zu selten begriff. Die Zeit, Klänge von Pink Floyd kamen mir in die Ohren und eine Textzeile: „Ticking away the moments that make up a dull day/Fritter and waste the hours in an offhand way.“
Aus der Hütte trat ein Mann, groß gewachsen, mit einer dicken Fellmütze auf dem Kopf, unter der, über die Ohren und den Nacken dunkles, lockiges Haar herausquoll. Das Gesicht war kräftig, die Augen kaum darin zu erkennen. Er trug einen Mantel der abgewetzt und schmutzig aussah. Darunter kamen dichte Stiefel zum Vorschein, die schon oft den Kampf gegen das Meerwasser angetreten hatten.
Der Mann erwiderte Aslaugs Schrei und sie winkte ihm.
Erst als wir näherkamen erkannte ich, dass der Mann den größten Teil seines Gesichtes. hinter einem dichten Bart verbarg. Der Bart war struppig und ungepflegt und unwillkürlich suchte ich nach Speiseresten darin. Fand aber nichts. Dafür schien mir ein strenger Duft nach Fisch und Tang von dem Fährmann auszugehen, als sei er gar kein Mensch, sondern ein Meergott, eben aus den Fluten gestiegen.
„Aslaug, mein Kind.“ Begrüßte er meine Begleiterin, mit dunkler Stimme. „Schön, dass du da bist.“
Sie lächelte. Sie wirkte neben dem mächtigen, bärtigen Mann, wie ein Schmetterling, der um eine alte Eiche flattert.
„Ich freue mich auch Gunnar und ich habe ihn mitgebracht.“
Gunnar, der mich ignoriert hatte, als sei Aslaug allein zu ihm gekommen, musterte mich.
„Ahh!“ Machte er und wandte sich wieder Aslaug zu. „Lass uns nach drinnen gehen. Ich habe Fischsuppe gekocht. Heute Abend stechen wir nicht mehr in See.“

02/20 PGF

2 Kommentare

  1. Sehr spannend die Idee, dass sie sagt „Ich hab ihn mitgebracht“. Woher sollte Gunnar wissen, dass Aslaug kommt und jemanden mitbringt?!? Klingt geheimnisvoll. Und Geheimnisse wollen gelöst werden 😉

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