Der Ausbruch (13)

13.

Draußen war es noch dunkel, als mich eine kräftige Hand roh packte und schüttelte, wie eine Decke aus der man den Staub entfernen will.
„He!“ Brummte ich.
„Aufstehen!“ Befahl Gunnar.
Ich setzte mich und bemerkte die drei Öllampen die wieder oder immer noch brannten. Aslaug war bereits angezogen und saß am Tisch. Sie war mit einem Buch beschäftigt, in welches sie etwas schrieb.
„Guten Morgen.“ Sagte ich.
„Guten Morgen.“ Erwiderte sie leise.
Nachdem ich angezogen war, setzte ich mich zu den beiden. Unser Frühstück bestand aus einem Glas Milch.
„Ich bin gespannt auf die Überfahrt.“
Ich lächelte Aslaug zu, aber sie sah mich nicht an.
„Du wirst sie sicher genießen.“ Erwiderte sie matt und blickte konzentriert auf das Buch vor sich.
„Bestimmt. Bist du schon öfter gefahren?“
„Noch nie.“
„O!“ Machte ich und beruhigte mich, dass sie vor Aufregung so in sich gekehrt war. „Dann fährst du auch zum ersten Mal.“
Jetzt sah sie mich an und ihr Blick war streng.
„Ich werde nicht mitkommen.“
Mein Magen reagierte, als würde er die Milch plötzlich nicht mehr vertragen.
„Was heißt du wirst nicht mitkommen?“
„Es war nie vorgesehen, das ich mitkomme.“
„Aber ich ging davon aus“, ich fand keinen Weg den Satz weiterzuführen.
„Dann hast du dich leider getäuscht. Ich muss auf dieser Seite der Welt bleiben.“
Zorn stieg in mir auf.
„Und was willst du hier noch?“
„Ich sammle die anderen ein.“
„Welche anderen?“
„Die, die auch noch auf dem Weg sind.“
„Aber ich dachte „wir“ …“
„Dann musst du ein anderes „Wir“ denken. Du musst es erweitern, du musst es größer machen, als wir zwei es sind. Du warst wichtig für mich. Du warst der Erste den ich gefunden habe. Du hast mir gezeigt, dass ich nicht verrückt werde, sondern dass es meine Bestimmung ist, euch zu suchen und zusammen zu führen.“
Ein uralter Schmerz flammte in mir auf, der uralte Schmerz der Trennung und des Verlassenwerdens, ein Schmerz, wie er uns in frühen Kindertagen immer wieder befällt.
„Ich finde das falsch!“
Aslaug lächelte und legte mir zärtlich ihre Hand an meine Wange, die mittlerweile ein dichter Bart bedeckte.
„Erinnerst du dich, wie glücklich du warst, ohne die Grenzen in deinem Kopf. Du warst allein, und hast gespürt, wie begrenzend, das Zusammensein mit anderen ist. Wenn du gehst und ich bleibe, musst du nur die Grenzen auflösen, die du um uns gezogen hast.“
„Es ist nicht richtig!“ Beharrte ich und verstand selbst nicht den Zorn und das Weh, den der Abschied von Aslaug in mir auslöste. Tatsächlich war ich gerne einsam gewesen, aber das war ja, bevor sie mir begegnet war.
„Woher weißt du das eigentlich? Wir kannten uns doch noch gar nicht.“
Sie sah mir tief in die Augen und ich spürte, wie mir schwindlig wurde.
„Jeder hat seine Berufung. Aber vielleicht müssen wir, auf dem Weg zu ihr, alle erst sehr einsam werden, ganz auf uns selbst zurückfallen, beinah verzweifeln an uns selbst und am Ende glücklich werden mit uns selbst, bis wir bei ihr ankommen.“
„Dann will ich meine Bestimmung nicht.“
Aslaug lehnte sich zu mir und küsste zärtlich meine Lippen.
„Niemand entflieht seiner Bestimmung. Sie erfüllt sich oder man lebt unglücklich und voller Niederlagen, im Widerstand gegen sie.“
Ich entzog mich ihrer Nähe.
„Dann sollte ich wohl mit Gunnar gehen.“
Ich vermied sie anzusehen und verdunkelte meine Züge.
Ihr Blick ruhte auf mir, ich fühlte, dass auch sie litt und genoss ihr Leiden.

02/20 PGF

5 Kommentare

  1. Danke Peter, das war zum Sonntag ein spannender Teil mit überraschender Wendung. Das mit den Grenzen gefällt mir gut. Wenn man nur immer gleich wüsste, wo bei einem selbst die Knöpfe sind, die man drücken kann, damit das funktioniert, von dem man weiß, dass es richtig ist oder wäre 😉

    Ich wünsch dir einen gemütlichen Sonntag Abend!

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      1. Hm, wer weiß, das ist auch ein möglicher Gedanke…

        Ja, das glaub ich. Ich war auch ziemlich überrascht davon, weil ich glaubte sicher zu sein, dass sie mitkommt.

        Gefällt 1 Person

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