Der Ausbruch (14)

14.

Die „Lethe“ warf sich mit Wucht in die Wellen, und fiel nach jedem Kamm zurück in blaugrau schäumendes Meerwasser. Gunnar, davon unbeeindruckt, hielt im Steuerhaus hinter mir, mit seinen mächtigen Pranken, das Steuerrad stabil und lenkte uns vom Westufer, das wir verließen nach Osten, an die fremde Küste zu der mich, nach dem Abschied von Aslaug nichts mehr zog.
Ich war wie betäubt. Ohne letzten Gruß hatte ich das Boot bestiegen und getan was Gunnar von mir verlangte.
„Gib mir die Münze!“ Hatte er befohlen.
Ich durchwühlte meine Taschen bis ich ein großes, schweres Geldstück fand. Es war, wie mir schien aus purem Silber. Ich nahm an, es war eine Münze aus einer Sammlung, deren Besitzer nicht mehr lebte.
Gunnar nahm die Münze und nickte mich zu meinem Platz.
Als ich mit dem Rücken zu ihm stand, warf er mir nach: „Ihr wollt schon im Leben nicht zahlen, für das was ihr tut. Dann zahlt ihr zumindest für den Tod, den ihr nicht wollt.“
Ich zuckte kurz mit den Schultern und ging zu meinem Platz. Wenn mir diese Überfahrt den Tod brachte, dann mochte es so sein.
Gunnar holte den Anker ein und setzte das Segel. Es war ein stürmischer Tag und die „Lethe“ schoss ins offene Meer.
Ich saß auf einer kleinen Holzbank am Bug und sah auf den Horizont hinaus. Der Himmel leuchtete im Hintergrund blau, während davor dichte Schwärme weißer Wolken, wie im schnellen Lauf über den Himmel trieben.
Fast sieben Kilometer lägen vor uns, hatte Gunnar mir erklärt. So, wie das Boot, nun über die Wellen glitt, konnte ich mir vorstellen, waren wir schneller am Ziel, als es für diese Strecke üblich war.
Mein Kopf war schwer von Gedanken. Mit den Menschen waren die Gedanken zurückgekehrt. Bis zu der Stunde, als ich in Aslaugs Augen geblickt hatte, war mir die Welt wie befreit erschienen. Ich hatte keine Sekunde daran gezweifelt, dass es schwer werden würde, so ganz allein auf der Welt. Aber es war auch eine Chance. Dann hatte mich Aslaug bezaubert und am Ende entzaubert und Gunnar, mürrisch und verschlossen, machte mir die Gegenwart schwer.
Aber was war ich ohne sie? Wie hätte ich das Meer überquert? Wie hätte ich nach Norden gefunden, um das Meer zu überqueren? Wie fremd und beschwerlich wir einander waren, wir kamen ohne einander auch nicht aus.
Die nächste Welle hob die „Lethe“ hoch in die Luft. Sie kippte ein wenig vorne über und, als der Bug ins Meerwasser eintauchte, entleerte sich eine riesige Wolke Salzwasser über mir. Ich roch, ich schmeckte, ich fühlte das Wasser. Es war, wie ein Taufguss, wie ein rein spülen, frei spülen, klar werden.
Das Schiff schob sich den nächsten Wellenberg nach oben. Ich stellte mich auf. Schrie die Wellen an, schrie das Meer an. Es würde mich nicht erschüttern, dieses Auf und Ab. Ich würde nicht wanken, nur, weil ich nicht wusste, was mich an der fremden Küste erwartete. Wenn die Elemente den Kampf mit mir suchten, dann würde ich ihnen trotzen. Das Boot überschritt den Scheitelpunkt der Welle, kippte, ich drohte das Gleichgewicht zu verlieren, meine Knie wollten dem Druck nicht standhalten, der Rumpf knallte in das Wellental und ich richtete mich auf, wie ein Reiter der sein Pferd Gehorsamkeit lehrt.
Ich wischte mir das Meerwasser aus den Augen und sah nach vorne. Ich entdeckte vor uns, einen Streifen Land.

02/20 PGF

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