Der Ausbruch (15)

15.

Ich setzte einen unsicheren Schritt, auf den Strand und mein völlig durchnässter Schuh sank bis zum Absatz ein.
„Weiter!“ Schnauzte mich Gunnar von hinten an und so versuchte ich, mit dem Seil in der Hand vorwärts zu kommen, damit ich das Boot, an der Mole befestigen konnte.
Das Tau schnitt mir in die Hand, während der Sog des Meeres sich das Boot zurück zu holen versuchte.
Ich schritt vorwärts und achtete nicht auf den Schmerz. Ich warf das Seil einige Male um die Mole, schnürte einen Knoten und winkte dann Gunnar, dass das Schiff gesichert war.
Er warf den Anker.
Erst jetzt hatte ich Zeit, den Strand entlang zu sehen. Nur Himmel und Dünen und Meer erblickte mein Auge, soweit es reichte.
Eine Hand packte meine Schulter und zog mich herum. Ich sah in Gunnars massiges Gesicht. Es war etwas, wie Freude darin, ein Seefahrerstolz, dem Meer ein weiteres Mal das eigene Leben entrissen zu haben.
„Du musst jetzt weiter nach Norden. Immer die Küste entlang. Bis nach Nimis. Dort ist ein kleines Fischerdorf. Wo du ein, zwei Tage ausruhen kannst. Du wirst dort zu essen bekommen und erfahren, wie du weiterkommst.“
Ich überlegte: „Käme ich nicht schneller voran, wenn ich immer geradeaus nach Norden laufen würde. Die schwedische Küste ist in viele Buchten unterteilt. Ich werde viel langsamer vorankommen.“
Gunnar sah mich mit seinen dunklen Bärenaugen prüfend an. Dann nickte er.
„Das könntest du tun, aber das ist zu gefährlich. Bleib an der Küste. Bleib in der Nähe des Meeres. Mach keinen Halt, außer zum Schlafen, bis du in Nimis bist.“
Ich sah nach Norden. Dort war, von dem Punkt an dem ich stand, nichts zu sehen. Gar nichts. Nur dunkle Wolken, die nach Schnee aussahen, gelbe unruhige Küste und das grau-blau schäumende Meer.
„Das sieht trostlos aus.“
Gunnar warf einen Blick in die Richtung in die ich sah.
„Ja, für das verwöhnte Auge, sieht es trostlos aus. Die Welt ist leer geworden, leer und weit. Man gewöhnt sich daran, ich denke, das weißt du. Wenn man ein paar Tage, mit dem Meer und den Wolken, dem Wind und der Stille allein ist, versteht man nicht mehr, wie man den Lärm zuvor ertragen konnte.“
„Bist du deshalb so abweisend?“ Fragte ich direkt. „Damit man dich bald wieder in Ruhe lässt.“
Gunnar strich sich den Bart glatt.
„Das kann sein. Aber vielleicht fühlst du es auch nur so, weil du die Worte noch nicht losgeworden bist, weil du immer noch glaubst, man müsse geschwätzig sein, um sich zu verstehen.“
Er sah aufs Meer hinaus.
„Geh jetzt! Du brauchst bist Nimis zwei Tage. Es ist schon Mittag, heute kommst du nicht mehr weit.“
„Werde ich Aslaug wiedersehen?“
Gunnar zuckte mit den Achseln.
„Ist das wichtig?“
„Ja, mir ist es wichtig. Wirst du sie übersetzen, wenn alle eingesammelt sind.“
„Das kann tausend Jahre dauern.“
Ich schüttelte irritiert den Kopf.
„Aber Aslaug ist keine tausend Jahre.“
Gunnar starrte mich an.
„Weißt du das? Weißt du sicher, wie alt du bist? Oder hat deine Geburt nur die Erinnerung abgeschnitten, wie ein böses Erwachen, dich von einem schönen Traum abschneidet! Geh jetzt! Du redest zu viel.“
Ich nahm meinen Rucksack hoch.
„Eines noch“, Gunnars Stimme klang warm und mahnend, wie eine väterliche Stimme, „wundere dich nicht, wenn du in Nimis bist.“ Gunnar wandte sich ab, in Richtung seines Bootes. „Wundere dich nicht!“

02/20 PGF

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