Der Ausbruch (16)

16.

Als ich loslief begann es zu schneien. Unablässig trieben vom Meer Wolken ans Land und brachten dicke Schneeflocken, die in engem Flug zur Erde taumelten.
Ich hielt an, warf meinen Regenschutz über meinen Rucksack, zog den Rucksack wieder auf und zog die Bänder meiner Mütze so eng zusammen, dass mein Gesicht nur noch, als kleiner Kreis daraus hervorschaute. Dann lief ich weiter.
Ich kam immer wieder an verlassenen Dörfern vorbei, aber Menschen sah ich nicht. Am Abend fand ich ein freistehendes, kleines Haus, das mir zum Unterschlupf geeignet schien. Es bot nicht mehr, als ein Dach über dem Kopf aber für die Nacht sollte es mir genügen.
Ich schlief unruhig, träumte von Aslaug, die im Traum lächelnd vor mir herging. Ich versuchte sie einzuholen, aber sie war immer einen Schritt schneller und, wenn ich sie fragte, wandte sie nur kurz den Kopf mir zu, lächelte und ging weiter. So ging es den ganzen Traum hindurch und, als ich am Morgen wach wurde, fühlte ich mich erschöpft und enttäuscht.
Meine Kleider und mein Rucksack, all meine Sachen waren feucht vom Vortag. Der Schnee, der auf mich niedergegangen war, war geschmolzen und ich hatte keine Feuerstelle gefunden, um die Sachen zu trocken. Ich quälte mich in die klammen Kleider und trat nach draußen. Ein beißender, kalter Wind empfing mich, der mir bis auf die Haut ging. Obwohl meine Kleider fest und gut gegen die Witterung waren. Es war diese Kälte die von Innen kommt. Es war – und ich tat mir schwer es mir einzugestehen – die Einsamkeit. Die Einsamkeit die der Traum von Aslaug mir bewusst gemacht hatte. Ich verstand nun, warum, nach der Begegnung mit ihr, mir das Alleinsein plötzlich schwerfiel. Mir war, mit ihr, ein Stück Glaube verloren gegangen.
Es gibt eine Einsamkeit die darauf beruht, dass man Angst hat niemand zu finden. Aber so war es nicht, ich nahm durchaus an, dass ich wieder auf Menschen treffen würde. Das schwere an dieser Einsamkeit war, zu wissen das selbst, wenn ich jemand fand, er niemals all das verstehen, all das erfassen, all das teilen, all das fühlen, all das wissen, glauben, wünschen würde, was ich mir wünschte, glaubte, fühlte. In Zeiten, da es noch viele Menschen gab, war es schon schwer genug seine Seelenverwandten zu finden. Jetzt war es eine Lotterie und ich hatte beinah gewonnen. Jemand wie Aslaug, würde mir nicht mehr begegnen. Sie war mir verloren und das machte all meine Schritte schwer, machte die Kälte beißender und die Nässe hinterhältiger.
Irgendwie schaffte ich es, mich aus der Resignation zu lösen. Mein Ziel war Nimis. Mehr musste ich für den Moment nicht entscheiden und, wenn ich in Nimis war, würde mein Ziel einen anderen Namen tragen. Ich würde nie nach ihrem Sinn fragen, nicht der Sinn des einen Zieles und nicht nach dem Sinn aller Ziele. Meine Aufgabe war nicht das Fragen, sondern das Tun.
Der Tag fühlte sich endlos an. Zwischendurch fiel immer wieder Schnee, dann wurde es etwas milder. Der Schnee schmolz auf mir, durchtränkte meine Kleider und, wenn die Feuchtigkeit auf meiner Haut ankam, fiel der nächste Schnee.
Ich lief den ganzen Tag hindurch. Ich trank kaum und aß nichts. Ich wollte diesen Bußgang zu Ende fühlen. Ich wollte nicht, dass er mir, auf halber Strecke, am Ende noch angenehm wurde.
Es begann bereits zu dämmern, als ich plötzlich in der Ferne aufsteigenden Rauch von Feuern sah. Als ich näherkam, hörte ich Stimmen. Ich schlug den Weg ein, der am besten ausgetreten war und fand im Schnee ein Schild liegend auf dem stand: „Nimis – Herzlich Willkommen!“
Als ich näherkam, wurden die Bewohner, es waren sicher zwei Dutzend, aufmerksam auf mich. Bereits aus der Ferne erkannte ich, dass sie alle recht klein und zierlich waren. Sie standen schweigend am Rand der Siedlung und beobachteten mich, wie ich im fahlen Licht ihnen entgegen schritt. Eingehüllt in Schnee.
Als ich die Gruppe erreichte erkannte ich, dass es sich durchweg, um Kinder handelte. Ich sah nicht einen Erwachsenen.
„Hallo“, rief ich, „Gunnar schickt mich. Könnt ihr eure Eltern für mich rufen.“
Der Älteste und Größte aus der Gruppe trat vor.
„Es ist gut, dass Gunnar dich schickt. Du bist uns herzlichen Willkommen. Aber Erwachsene wirst du hier nicht finden.“

02/20 PGF

2 Kommentare

  1. Was für eine Überraschung, schon wieder. Und was für eine ungewöhnliche Idee: Ein Ort mit Kindern. Ja, warum auch nicht.
    Ach und ich fragte mich beim Lesen, ob es nicht eins der Ziele unserer Seele / unseres ewigen Bewusstseins ist, so eine Aslaug in uns selbst zu sehen, obwohl wir natürlich Gegenüber, Weggefährten, Vertraute brauchen.
    Die Nässe und Kälte war spürbar, brrh… Aber jetzt hat er es geschafft und wird bei den Feuern hoffentlich trocken und warm. Und auch anderswie genährt… 😉

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