Der Ausbruch (18)

18.

Es war eine unruhige Nacht. Mir war, als würde ich in der Nähe jemand unentwegt weinen hören. Aber das Weinen klang nach einem alten Menschen und in der Nähe waren nur die Kinder.
Wenn es mir doch gelang für ein paar Sekunden einzudösen, schreckten mich Schritte auf, als würden, nahe dem Dorfe, vielen Menschen, in einem endlosen Marsch vorüberziehen. Die Schritte klangen schwer und müde, als wären es Kriegsflüchtlinge oder Gefangene, die unter stummem Druck ihrem Ziel entgegengeführt wurden.
Als es dämmerte, quälte ich mich unausgeschlafen aus meinem Schlafsack und stand auf. In der Nähe sah ich das Lodern eines größeren Lagerfeuers, auf das ich zusteuerte. Auf Steinen, die im Kreis um das Feuer gelegt waren, saßen vier der Jugendlichen aus Nimis. Auch Alvar saß dabei.
„Guten Morgen.“ Sagte ich in die Runde.
Sie nickten mir schweigend zu. Ich dachte, vielleicht machte auch ihnen die zunehmende Dunkelheit zu schaffen. Die Dämmerung würde nämlich nicht in einen strahlenden Tag übergehen, sondern dem Winter folgend, sich kaum vom Abend unterscheiden. Es war die Zeit des ausgehenden Lichts.
Ich setzte mich auf einen der Steine.
Einer der Junges rührte mit einem Stock im Sand vor sich, der nächste starrte in die Flammen, ein Mädchen hatte die Beine fest gegen den Körper gepresst und schaukelte vor und zurück und Alvar legte Holz nach, wann immer die Flammen kleiner zu werden drohten. Etwas zu essen oder Becher um daraus zu trinken sah ich nicht.
„Stört es auch, wenn ich mir eine Konserve am Feuer wärme? Wenn ihr Hunger habt, könnt ihr auch eine haben.“
Das Mädchen schaukelte weiter, der Junge rührte weiter mit seinem Stock, der andere starrte mich an, statt der Flammen.
„Nein, ist kein Problem.“ Alvar legte neues Holz auf. „Danke, dass du uns etwas abgeben würdest. Aber das ist nicht nötig. Uns speisen das Licht und die Luft.“
Ich warf Alvar einen skeptischen Blick zu.
„Das ist für euer Entwicklung aber nicht ausreichend. Ich denke ihr solltet schon etwas essen.“
Der Älteste der Kinder sah mich an, wie einen Fremden im Land, der die Bräuche nicht kennt und sich völlig danebenbenimmt.
„Es ist für uns noch nicht die Zeit, für deine Nahrung. Lass dich davon aber nicht stören. Du kannst gerne etwas für dich wärmen.“
Ich nickte und fand mich damit ab, dass es sonderbar in Nimis zuging. Aber hatte Gunnar mich nicht gewarnt?
„Eines noch: wundere dich nicht, wenn du in Nimis bist.“ Hatte er gesagt.
Ich stand auf, ging zu meinen Sachen und holte eine Dose Ravioli, einen Dosenöffner und einen Klapplöffel aus meinem Gepäck. Damit ging ich zurück zum Feuer.
Jetzt saß nur noch Alvar da.
„O! Habe ich sie erschreckt?“ Es hätte mir tatsächlich leidgetan.
„Nein, du hast sie nicht erschreckt. Nur Ahnungen in ihnen erregt, was sie erwartet.“
„Und was erwartet sie?“
„Die Welt.“
„Aber sie sind doch in der Welt.“
Alvar legte wieder Holz auf und bedachte mich mit einem Blick der mich erschreckte. Es war ein allwissender Blick, der allen Schmerz und alles Glück, das der Seele möglich war, umfasste.
„Wenn du träumst, bist du dann in der Welt?“
„Ja natürlich. Mein Geist schafft sich nur eigene Bilder, für seine Ängste und Hoffnungen.“
„Sind diese dann sehr real?“
„Ja.“
„Wie eine Zwischenwelt, zwischen der, die du mit allen teilst und der, die in deinem Inneren entsteht?“
„Genau. Du bist sehr klug für dein Alter.“
Alvar ignorierte meine Bemerkung.
„In Nimis ist das umgekehrt. In Nimis leben wir in einem gemeinsamen Traum und von hier geht jeder, vom anderen getrennt, in die Welt.“
Der Satz wirkte, wie ein Finger, der eine Gitarrensaite anschlägt, ein Klang in Moll.
In der Welt war jeder, unüberwindlich von den anderen getrennt. Ja, so war es.
„Aber, wo bin ich dann hier?“ Fragte ich und erschrak vor dem Ton in meiner Stimme, sie klang zitternd.
Alvars Blick wurde sanft.
„Hier? Hier bist du schon weit, in die Zwischenwelt gewandert.“

02/20 PGF

3 Kommentare

  1. Diesmal fehlen mir die Worte. Ich habe interessiert gelesen, die Ideen sind spannend, es geht stimmig weiter. Und dennoch vermag ich nichts weiter dazu zu sagen, außer vielleicht: Ich bin – wie meistens – gespannt auf den Fortgang… Der dann ein wenig um den momentanen Sichtausschnitt herum erhellt?

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