Der Ausbruch (19)

19.

Drei Tage blieb ich in Nimis. Das Leben der Kinder schien mir sehr eintönig. Meistens saßen sie nur herum, dachten nach – so schien es mir – tauschten wenige Worte aus und wirkten trotzdem sehr zufrieden. Als seien sie innerlich damit beschäftigt, sich auf etwas sehr Großes vorzubereiten. Was es war, wollten sie mir nicht verraten, auch Alvar nicht.
Am Morgen des 4. Tages weckte mich eifriges Gemurmel, in der Nähe meines Schlafplatzes. Ich stand auf und sah, dass Alvar sich von den anderen Kindern verabschiedetet. Ein Mädchen stand in der Nähe von ihm. Sie war die nächstälteste und er übergab ihr Informationen, damit sie seine Nachfolge antreten konnte.
Ich beeilte mich, ihn nicht zu verpassen.
„Du brichst schon auf?“
Er nickte und wirkte sehr entschlossen.
„Ja, ich bin so weit.“
„Richte Gunnar Grüße von mir aus.“ Bat ich und fragte mich warum. Er war mir nicht sympathisch, in der Erinnerung. Es war eine Floskel.
„Okay, das werde ich. Wenn er sich an dich erinnert.“
In der Nähe des Dorfes tauchte eine Gestalt auf.
„Wirst du abgeholt?“ Erkundigte ich mich fürsorglich.
Alvar schüttelte den Kopf.
„Nein, ich gehe allein. Vielleicht jemand der nach Norden will.“
Die Gestalt kam näher und ich erkannte, dass es sich um eine Frau handelte.
Sie hob die Hand zum Gruß. Sie war eine schöne Erscheinung, dunkles, langes Haar, ein feines und ausgewogenes Gesicht, eine angenehme Mischung aus Fröhlichkeit und Ernst in ihrem Blick.
„Ist das hier Nimis?“
„Ja.“ Sagte ich rasch und war erleichtert, nicht mehr der einzige ältere Mensch am Ort zu sein.
„Gut“, sie lächelte zufrieden, „dann bin ich richtig.“
Sie sah an mir vorbei.
„Du bist Alvar?“
Er nickte.
„Gunnar sagte, dass ich dich vielleicht noch treffen werde. Er wartet bis du kommst. Du hast Zeit bis zum Abend.“
„Ich sollte trotzdem los. Abschied habe ich schon genommen.“
Sie lächelten einander zu, als würde sie sich schon ewig kennen.
„Hab einen guten Übergang, Alvar.“
Der nickte, hob zum letzten Gruß an die anderen die Hand und ging davon.
Die Frau sah mich erwartungsvoll an.
„Du scheinst dich auszukennen?“ Fragte ich, verunsichert, weil die Fremde, mit Ankunft, mehr wusste, als ich nach dem dritten Tag.
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, ich kenne mich nicht gut aus. Aber ich war vorbereitet herzukommen. Wie heißt du eigentlich?“
Ich nannte ihr meinen Namen.
„Ah!“ Machte sie. „Mein Name ist Njola, ich habe gehofft jemand zu treffen, wie dich. Dann wandern wir wohl gemeinsam weiter.“
„Das musst du mir erklären. Irgendwie scheint jeder den anderen zu kennen oder etwas von ihm zu wissen, außer mir.“
Unsere Augen trafen sich und ich fühlte die wohlige Mischung aus Glück und flauem Magen, wenn man sich verliebt.
„Das kommt so, wenn man lange sehr unbewusst gelebt hat. Ich denke nicht, dass du mir glauben würdest, würde ich dir alles erzählen, was ich weiß. Es entwickelt sich erst in dir. Wenn wir nach Norden weiterziehen, haben wir Zeit. Dann helfe ich dir besser zu verstehen.“
Ich war damit nicht zufrieden, wollte sie aber nicht bedrängen.
„Und, wann ziehen wir weiter?“
„Morgen, sehr früh in der Dämmerung. Dann, versprochen, erfährst du alles, was ich weiß und dir erklären kann.“

02/20 PGF

Ein Kommentar

  1. Oh ja, das ist gut gelungen. Jetzt verstehe ich! Auch etwas, das mir vorher noch nicht so klar war. Wofür die Überfahrt über den Fluss stand, z.B. 😉

    Was ich da lese passt gerade sehr gut, aber das hier zu erklären würde jetzt zu weit führen.

    Ich freu mich… Für ihn. Für sie. Für DICH und dein schönes Werk… 🌷

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