Der Ausbruch (20)

20.

„Und wohin gehen wir jetzt?“
Njola hatte mich, wie angekündigt früh geweckt. Sie drängte mich zum Losgehen, noch ehe wir eines der Kinder sahen. Noch ehe, alle Sterne am Himmel, verblassten.
„Wir gehen die Küste entlang Richtung Skälderviken. Das sind etwa sechs Stunden Fußmarsch. Wenn wir dann noch weiterwollen, können wir vielleicht bis nach Lervik oder verlassen die Küste und laufen bis nach Axelstorp.“
„Gunnar hat mich gewarnt die Küste zu verlassen.“ Bemerkte ich.
„Da hatte er recht.“ Njola rückte ihren Rucksack auf den Schultern zu Recht. „Weiter im Süden, nahe dem Übergang, sind die Ebenen noch fest, aber je weiter wir nach Norden kommen, je näher kommen wir der neuen Zeit.“
Ich blieb stehen. Wir waren noch nicht weit gelaufen, die Lichter von Nimis lagen noch undeutlich in Sehweite.
„Dann erklär mir das mal. Das mit der neuen Zeit und so. Du hast ja gesagt, du würdest mich mehr wissen lassen.“
„Du bist sehr ungeduldig.“ Sie blickte mich herausfordernd an. „Wir sind ja noch keine 1000 Schritt von Nimis entfernt.“
„Ich glaube nicht, dass ich ungeduldig bin. Ich weiß nur gerne woran ich bin.“
Sie löste ihren Blick von mir und sah vor sich auf den Weg.
„Komm!“ Befahl sie sanft und lief los.
Fast im Gleichschritt, traten unsere Stiefel in den Kies.
„Es wird dir nicht gefallen.“ Ihre Stimme klang monoton.
„Darauf lasse ich es ankommen.“
„Mit dem Ausbruch, mit der Seuche und den militärischen Konflikten kam nicht nur das Ende für die alte Weltordnung, sondern auch das Ende der alten Wirklichkeit.“
Sie wartete, ob ich dazu etwas fragen wollte.
Ich schwieg.
„Jede Epoche, die zu Ende ging, brachte einen großen Wandel für die Menschheit. Es ging jedes Mal einen Schritt nach vorne: nach den Ägyptern, nach den Griechen, nach den Römern, nach dem Hochadel, nach der Industrialisierung und auch nach der Digitalisierung. Immer veränderte sich das Leben der Menschen und das Weltbild der Menschen. Aber jetzt wird es zum ersten Mal nicht weitergehen, wie wir die Welt bisher kannten. Nicht nur unser Weltbild wird sich verändern, sondern auch die physikalische Beschaffenheit der Welt. Es öffnen sich neue Räume, neue Ebenen, so wie sich nach den Maschinen, mit den Computern neue Möglichkeiten gezeigt haben.“
„Bedeutet?“ Ich war nicht zufrieden mit der Erklärung, es klang mir zu abstrakt.
„Bedeutet, dass die Grenzen zwischen der geistigen Welt und der materiellen Welt ins Fließen geraten und wir den Lebenskreis unserer Seele nicht mehr in Brüchen erleben, sondern als fortschreitenden Prozess. Der Tod schneidet uns nicht mehr ab vom Wissen, um unsere Seele, sondern wir verlieren unseren Körper und leben nahtlos weiter als Seele.“
Ich stoppte.
„Willst du sagen, ich sei bereits tot?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, aber um dich löst sich auf, was dir wirklich schien. Diese alte Welt, in der mit dem Tod und mit der Geburt alle Fragen nach Sinn und Zweck verbunden waren, die endet. Sie endet endgültig mit dem Ausbruch der letzten Dekade.“
Jetzt hatte ich Schwierigkeiten ihr zu folgen, aber ich verbarg es.
Njola fuhr fort: „Aus Körpern entstand biologische Intelligenz und diese biologische Intelligenz schuf elektrische Bauteile aus denen künstliche Intelligenz entstand. Die Ebenen: materiell, spirituell sind nicht mehr getrennt.“
„Das ist jedem bekannt, der etwas länger philosophiert oder ernsthaft meditiert hat.“
Njola schüttelte den Kopf, fast verzweifelt.
„Nein! Du verstehst nicht!“
Sie bückte sich und hob einen Stein auf. Er war so groß, wie ihre Hand, schwarz, wie Vulkanstein.
Sie umfasste den Stein und ihre Hand und die dunkle Oberfläche wurden eins.
„Die Materie verliert an Konsistenz. Die Dinge durchdringen sich. Die Wirklichkeiten liegen wie Schichten übereinander und an manchen Stellen überschneiden und überlagern sie sich, wie Lippen, in denen die Außenwelt und die Innenwelt zusammentrifft. In der alten Welt waren meine Hand und der Stein getrennte Objekte, in der Welt die jetzt kommt, sind sie Ausdruck der gleichen Energie. Das war schon immer so, aber jetzt sind die Pforten unserer Wahrnehmung so weit geöffnet, dass wir verstehen. Wir träumen es nicht mehr, wir erleben es.“
Ich starrte auf ihre Hand und fragte mich, ob ich halluzinierte. Aber der kalte Wind spannte meine Haut und der Schweiß in meinen Kleidern roch nach vielen Tagen.
„Das kann nicht sein.“ Sagte ich schwach. „Ich verstehe es nicht.“
„Es gibt nichts zu verstehen!“ Njola fasste meine Hand. „Du willst das alles in deinen Kopf bekommen, aber der ist dafür zu klein. Viel mehr weiß ich selbst nicht. Auch nicht, weshalb wir uns begegnet sind. Oder warum es mich immer weiter nach Norden zieht.“
„Das kann ich dir vielleicht erklären. Alvar hat mir dazu manches gesagt.“
Sie sah mich unsicher an.
„Sag schon!“
„Nicht jetzt. Jetzt muss ich erst eine Weile laufen.“
Njola ließ meine Hand los.
Ich sah zum Himmel, sah zum Meer, das nah von uns gegen die Küste stürmte und wusste nicht, ob die Welt mir je sonderbarer erschienen war.

02/20 PGF

7 Kommentare

  1. atemberaubende Ideen hast du lieber Peter … ist ja auch was dran, ist nicht nur Fiktion, nichts ist wirklich fest gezurrtes Bewusstsein, alles hat eine Mündung und Quelle, die was ganz anderes ist als unser groben Sinne im Ausschnitt allein wahrnehmen.

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