Der Ausbruch (21)

21.

Wir liefen diesen Tag und redeten kaum ein Wort. Ich beobachtete misstrauisch und irritiert, die Welt um mich her, hörte aber den gleichen Klang der Schritte, roch das Meer, wie früher und sah, über den Himmel, die gleichen Wolken ziehen. Die Welt war, wie zuvor, vertraut und fern.
Dass wir dieser Welt, der nackten Wirklichkeit, aus Bäumen, Felsen, Gräsern, Insekten, Wind und Vögeln, ferner waren, als Menschen vor 10000 Jahren, daran zweifelte ich nicht. Die frühen Menschen hatten gewiss einen anderen Blick für die Welt. Wie sonst hätten sie sich selbst, ohne Apparate oder den Kosmos ohne Teleskop erforschen können, wie es die Inder mit dem Yoga und die Inka mit ihrem umfangreichen astronomischen Wissen vermochten.
Erst mit der Zivilisation verlor sich unser Bewusstsein an die Außenwelt. Das Sehen und das Hören und das Wahrgenommen werden fingen uns ein. Wir sahen nicht mehr nachts zum Mond, sondern unablässig von einem Display aufs nächste. Wir ertrugen die Stille nicht mehr, deshalb war überall Musik. Wenn wir uns fürchteten nicht zu gefallen, operierten wir solange bis das vermeintlich hässliche vermeintlich schön war.
Die Welt machte uns so große Angst, dass wir in eine flohen, die wir uns, nach unseren Bedürfnissen schufen. Aber die Nacht blieb und der Tod blieb und die Einsamkeit blieb und im Herbst landeten die Krähen auf dem Feld und erinnerten uns an den Tod und am Morgen stieg die Sonne aus dem kosmischen Dunkel und erinnert uns an die weite, unentdeckte Finsternis um uns herum. Aber wir wollten nicht erinnerten werden. Deshalb folgten wir dem Wecker, der uns aufscheuchte, dem Konsum der uns bei Laune hielt und der Hoffnung auf Glück, welches wir mit Bestimmung und Sinn verwechselten.
Mit solchen Gedanken beschäftigt lief ich neben Njola her, die eigenen Empfindungen nachhing. Auch, wenn mich ihre Erklärung aufgewühlt hatte, ihre Nähe war mir angenehm, sie war tröstlich. Sie kam ohne Worte aus.
Wir liefen bis zum Mittag. Suchten uns eine windgeschützte Ecke. Ich packte meinen Kocher aus und wärmte für uns beide eine Dose Ravioli.
Wir aßen schweigend und der Wind überdeckte, unser Kauen und Schlucken. Über den Himmel zogen weiter Wolkenfelder, weiß und leuchtend, wie frischer Schnee im Winter.
„Wollen wir weiter?“ Fragte ich, als meine Dose leer gegessen war.
„Ja.“ Sie stand auf. „Das war gut.“
„Aber nicht gesund.“
Sie lächelte.
„Wenn es froh macht, ist es gesund.“
So ließen wir es stehen.
Spät am Nachmittag erreichten wir ein Schild, welches auf den Weg nach Lervik deutete.
„Wir sollten eher, nach Axelstorp.“ Meinte Njola. „Wir verlieren nur Zeit, wenn wir uns an der Küste halten.“
Mir tat es leid, die Nähe zum Meer zu verlieren. Tagelang war ich in der Nähe der Brandung spaziert.
„Wie du meinst.“ Ich sah zu den Wellen, die endlos gegen den Strand rollten, wie das Leben gegen den Tod.
Sie ging vorne weg und nach ein paar Minuten wurde es stiller und der Wind nahm ab. Wir liefen durch Felder und Äcker, über einsame von Traktorenreifen ausgefahrene Feldwege. Als die Dämmerung kam, schlug Njola vor: „Wir sollten uns einen Unterschlupf suchen.“
Ich nickte und sah mich um.
Im Zwielicht wirkte die Welt plötzlich verändert. Mit einem Mal, war mir möglich diesen Zwischenraum, zwischen den Wirklichkeiten zu fühlen. Das Licht veränderte sich, die Farben veränderten sich, Geräusche wurden laut, die den Tagen über kaum aufgefallen waren und dazwischen war eine Stille, die sich viel tiefer anfühlte, als die stummen Stunden eines hellen Tages.
Näher dem Traum, als der Wirklichkeit, dachte ich.
Und Njola sagte: „Da hast du recht.“

02/22 PGF

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