Der Ausbruch (22)

22.

In den nächsten Tagen nahm das Licht immer mehr ab. Die Sonne hob sich kaum über den Horizont und versank, wie ein zu kurzes Leben. Weder Njola noch ich trugen schwer daran. Wir wanderten gemeinsam durchs Dunkel, wie zwei Sterne, die sonst kein Licht benötigen. Manchmal unterhielten wir uns, über die Leben die hinter uns lagen, wie alte Haut, hinter einer gehäuteten Schlange und manchmal verrichteten wir einfach unser Tagewerk in stummem Einverständnis. Wir kochten gemeinsam und einer nahm dem anderen die unangenehmen Aufgaben ab, als wäre das, unter Menschen nie anders. Wir kümmerten uns gegenseitig, um unser Wohlergehen, ehrlich und rücksichtsvoll. Wenn der eine Zeit für sich brauchte, rückte der andere nicht nach und, wenn einem von uns danach war, ein zwei Stunden vor oder hinter dem anderen zu wandern, herrschte kein Misstrauen, als würde einer von uns nur darauf warten, für immer zu verschwinden.
Ich konnte Njola vertrauen, das spürte ich, ohne, dass es weiterer Beweise bedurfte und für mich war es ganz selbstverständlich sie nicht zu enttäuschen. In meinem alten Leben hatte ich das mit keinem Menschen so erfahren. Deshalb hatte ich Beziehungen immer gemieden. Entweder ich fühlte mich eingeengt oder misstraute der Zuneigung, in der ich nicht genug Nähe fand. Mit Njola war es anders.
Etwa zwei Wochen nach unserem Abschied von Nimis, wir waren längst in der Region die in der alten Zeit Norwegen hieß, entdeckten wir in der Abenddämmerung am Horizont einen orangenen Streifen, der sich, wie ein Wurm, quer zu uns vorwärts bewegte. Die Kontur war unregelmäßig, als würde der Körper Höcker besitzen, die sich auf und ab bewegten. Von der Erscheinung ging ein Murmeln aus, ein monotones und doch melodisches Murmeln, zu dem man sich hingezogen fühlte.
„Was ist das?“ Fragte Njola staunend.
„Keine Ahnung. Sollen wir näher hingehen?“
„Ja, komm!“
Wir beschleunigten unsere Schritte und der Wurm bewegte sich nördlich von uns weiter nach Westen. Wäre der Streifen nicht so klein und blass gewesen, man hätte es für ein Stück Sonne halten können, dass eben noch, über den Horizont schielt.
Wir holten gut auf, auch, wenn wir dafür ordentlich ins Schwitzen kamen und fast zeitgleich sagten wir: „Sind das Menschen?“
Wir täuschten uns nicht und sahen, als wir vielleicht noch hundert Meter entfernt waren, dass dort ein langer Tross, in orangene Kutten gehüllte Mönche entlang pilgerte, wie eine Miniatur Abendröte. Es waren Männer und Frauen, die eine immer gleiche Zeilen wiederholten:
„Aum Tryambhakam Yajamahe Sugandhim Pusthivardhanam Urvarukamiva Bandhanan Mrityor Mukshiya Maamritat.“
Ich hörte die Zeile vielleicht vier, fünf Mal und konnte sie bereits mitsummen, wie ein uraltes Lied, das man vergessen hat, aber mit dem ersten Ton sofort wieder aufnehmen kann.
Die Pilger beachteten uns nicht. Es war ein Zug von sicher mehr als hundert Menschen, die Barfuß in dicken Kutten, die meisten mit glattrasiertem Schädel, wie von einer unsichtbaren Macht geführt, an uns vorüberzogen.
Njola nahm meine Hand und sah andächtig zu.
„Sollen wir?“ Begann ich.
Sie zog an meiner Hand und machte sanft: „Pscht!“
Unter unseren Blicken verschwand die Prozession so langsam, wie sie aufgetaucht war.
Als wir sie nicht mehr hörten und nur noch ahnend sahen, fragte ich: „Hast du eine Ahnung, was das war?“
Njola lehnte sich an mich.
„Ein anderer Weg. Ein anderer Weg als der, für den wir uns entschieden haben.“

02/20 PGF

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